Lebensmittel in einer Muelltonne.
Tonnenweise landen Lebensmittel im Müll. Wie lässt sich der Berg verkleinern? Bildrechte: imago images / epd

Lebensmittel-Verschwendung Essen im Müll: Den höchsten Berg türmen Privathaushalte auf

Schier unglaublich, wie wir in Deutschland mit Lebensmitteln umgehen: Jedes Jahr landen etwa 12,7 Millionen Tonnen Essen in der Mülltonne. Wer macht denn sowas? Und was können wir dagegen tun?

Lebensmittel in einer Muelltonne.
Tonnenweise landen Lebensmittel im Müll. Wie lässt sich der Berg verkleinern? Bildrechte: imago images / epd

Butterberge, Milchseen, Äpfel, die tonnenweise vernichtet werden: Das sind Bilder, die sich vielen von uns in den 1980er-Jahren ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Das abstrus Schöne daran - man konnte sich darüber aufregen - hatte man doch selbst keine direkte Aktie an dieser offensichtlichen Lebensmittelverschwendung.

Die Verantwortung und Schuld trugen vielmehr die Anonymen "die da oben", "die EG" oder die EU. So einfach ist das heute nicht mehr, wie die aktuelle Thünen-Studie belegt. Das Bundesforschungsinstitut (für Ländliche Räume, Wald und Fischerei), hat untersucht, wie viele Lebensmittel verschwendet, sprich weggeworfen werden und von wem, und zum anderen, wie sich dieser Abfallberg vermeiden und schrumpfen ließe und welche Auswirkungen das hätte.

Haufenweise Äpfel liegen auf dem Boden - reife aber auch matschige
Aufnahme von 2003: Apfelberge aus der "Überproduktion" Bildrechte: imago/imagebroker/theissen

Milchseen, Butterberge, Apfelüberproduktion 1957 hatte sich die europäische Wirtschaftsgemeinschaft auf eine gemeinsame Agrarpolitik geeinigt. Ziel war, dass in Europa keiner hungern sollte. Also wurden die Subventionen an die Höhe der Produktion gekoppelt: Das war der Weg in die Überproduktion. Die Bauern produzierten Jahrzehnte das, wofür es am meisten EU-Geld gab, ungeachtet dessen, wieviel tatsächlich ver- und gebraucht wurde.

Jeder von uns versenkt jährlich 85 Kilo Essen in der Tonne

Lebensmittel liegen in einer Mülltonne.
Altbackenes Brot - die Älteren essen es auf, die Jüngeren schmeißen es weg: ein Fazit des Thünen-Reports Bildrechte: dpa

Wer kennt das nicht? Forellen, die man eigentlich am Wochenende braten wollte, und die im ewigen Eis des Tiefkühlfachs schlummern, bis man sie ein Jahr Jahr später doch nicht mehr essen wollte. Mandarinen im Netz, die wir dann doch nicht alle schaffen, bevor sie anfangen zu schimmeln. Champignons, die nach fünf Tagen Kühlschrankaufenthalt nicht in der Pfanne, sondern auf dem Kompost landen: Immerhin sieben Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll stammen aus Privathaushalten, mehr als die Hälfte des gesamten Essens-Müllbergs. Rechnet man das um, sind das pro Kopf 85 Kilo. Die restlichen fünf Millionen Tonnen Essen stammen aus verschiedenen Quellen: Elf Prozent aus der Landwirtschaft, 17 Produzent aus der Verarbeitung, 13 Prozent aus der Gastronomie und vier Prozent aus dem Handel.

Die vergammelte Gurke im Gemüsefach kostet mehr als 69 Cent an der Kasse

Schimmel an einer Salatgurke und einem äuߟerlich frischen Apfel
Findet sich in den Untiefen vieler Kühlschränke: Halbverbrauchte Gurke und vergammelter Apfel Bildrechte: imago/Eckhard Stengel

Egal, ob man nun auf den gesamtdeutschen Berg von 12,7 Millionen Tonnen weggeworfenem Essen schaut oder seinen eigenen, privat vergeudeten Essens-Hügel: Auch die Produktion von ungenutzten Lebensmitteln verschlingt neben natürlichen Ressourcen Energie. Nur sieht das keiner, der sich neben den Gurken "im Sonderangebot" auch noch drei Joghurtbecher zum Preis von zweien in den Einkaufswagen packt, die er am Ende wegwirft, weil er sie nicht schnell genug isst, bevor sie schlecht werden.

Auf der Spur des unsichtbaren ökologischen Fußabdrucks

Genau diesen unsichtbaren ökologischen Fußabdruck von Produkten haben die Wissenschaftler für zwölf Produktgruppen anhand ihrer kompletten Lebenszyklen analysiert und gegenübergestellt: Wie viel Treibhausgas-Emissionen pro Kilogramm pro produziertes Lebensmittel fallen an, wie wirkt sich das auf Klima und Umwelt aus - und was würde die Abfallreduzierung bringen. Sie kommen zu dem Schluss: Würde Deutschland das für 2030 anvisierte Ziel erreichen, die Lebensmittelabfälle auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren, würden sich Deutschlands Treibhausgas-Emissionen um 9,5 Prozent verringern.

Verschwendung stoppen - wessen Aufgabe ist das eigentlich?

Eine Verkäuferin hält in einem Supermarkt eine Karotte der Qualitätsklasse 2 (r) und eine Karotte der Klasse 1 (l).
Beinige Karotten - landen selten im Supermarkt, weil sie nicht der Norm entsprechen. Bildrechte: dpa

2015 wurde dazu sogar die "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" beschlossen. Sie besagt unter anderem, dass bis 2030 die Nahrungsmittelverschwendung weltweit halbiert werden soll. Allerdings lässt die Agenda offen, wer den Müllberg konkret verkleinert: Soll es der Verbraucher richten, der entscheidet, was er im Einkaufskorb nach Hause trägt? Ist es der Lebensmittelvermarkter, der festlegt, was einwandfreie Ware ist, wie ein Apfel auszusehen hat, damit er in den Handel kommt oder eben nicht? Oder ist es der Erzeuger? Das verdeutlicht das Thünen-Institut am Beispiel der Karotte: Möhren kommen gewaschen in den Supermarkt. Damit sie schön glänzen, werden sie vorher poliert - dabei wird aber die oberste Hautschicht der Möhre abgerubbelt - das wiederum verringert ihre Haltbarkeit. Ein gordischer Knoten, bei dem Verbraucher, Erzeuger und Vermarkter alle ein Stück Seil in der Hand haben.

Wie man privat Essensverschwendung vorbeugt

Laut Thünen-Report sind es vor allem Obst, Gemüse und Backwaren, die bei uns Zuhause in der Tonne landen. Wie lässt sich das verhindern? Das fängt schon vor dem Einkauf an, mit einem Blick in den Kühlschrank und die vorhandenen Vorräte: Muss der Obstkorb tatsächlich schon aufgefüllt werden? Hilfreich ist auch eine Wochenplanung: Was lässt sich wie kombinieren oder weiterverarbeiten? Aus den Resten vom Sonntagshuhn wird ein Frikassee, wenn man gleich die Zutaten mit einkauft. Alte Brötchen lassen sich zu Semmelknödeln oder Paniermehl verarbeiten.

Beim Einkaufen selbst sollte man sich für die Packungsgröße entscheiden, die zur Haushaltsgröße passt und nicht zu XXL-Packungen greifen, auch wenn sie mit Sonderrabatt verkauft werden. Wer tatsächlich zu viel gekauft hat oder von Feierlichkeiten zu viele Reste übrig hat, kann sie auch weitergeben: In großen Städten gibt es so genannte "Fairteiler", in denen man das abgeben kann, was man nicht selbst verbraucht; oder man bietet sie in Nachbarschaftsgruppen an - oder klingelt einfach mal bei der Familie nebenan - da werden überreife Bananen gern mal zum Milchshake verquirlt oder im Kuchen gebacken.

Äpfel und Bananen in einem Obstkorb.
Der Obstkorb: Findet sich in vielen Haushalten - als optischer Hingucker. Bildrechte: imago/Dean Pictures

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP | 05. Juni 2019 | 15:54 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 09:29 Uhr