Studie Vorurteile lassen Jungen schlechter lesen

Immer wieder schneiden Jungen beim Lesen schlechter ab als Mädchen. Schon länger sucht die Forschung nach den Gründen dafür. Eine neue Studie zeigt: Geschlechtsstereotype, also Vorurteile, spielen eine große Rolle.

Kinder lesen in Schulunterlagen.
Haben die Mädchen die Nase beim Lesen vorn oder ist das einfach ein Vorurteil? Bildrechte: imago images/Westend61

Allein die Überzeugung der Klassenkameraden, Jungen würden nicht so gut lesen wie Mädchen, entmutigt, demotiviert und beeinflusst damit die Leseleistung. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der Universität Hamburg. Sie hatten im Rahmen einer Längsschnittstudie 1.508 Fünftklässler befragt, deren Leseleistung überprüft und ihren sozioökonomischen Status und ihre ethnische Zugehörigkeit erfasst. Ein Jahr später, als diese Kinder in der sechsten Klasse waren, wiederholten sie die Untersuchung.

Mädchen profitieren, Jungen haben das Nachsehen

Das Ergebnis: Mädchen profitieren von den vorherrschenden geschlechtsspezifischen Vorurteilen, die Jungen haben das Nachsehen – und zwar nicht nur bei der Leseleistung an sich. Auch der Glaube an die eigenen Fähigkeiten, die sogenannte Kompetenzüberzeugung, leidet bei männlichen Schülern darunter, genau wie die Motivation. Die Schülerinnen hingegen werden positiv beeinflusst.

Forscher sprechen von einem "Teufelskreis"

Francesca Muntoni, Postdoktorandin an der Universität Hamburg und Leiterin der Studie, sieht einen Teufelskreis, in dem sich die Jungen befinden. Lesen werde als weiblicher Bereich stereotypisiert, es werde betont, dass Mädchen besser lesen könnten als Jungen - mit negativen Folgen:

Das wirkt sich erheblich auf die Motivation der Jungen aus, sie haben weniger Lust zum Lesen und das wiederum beeinträchtigt die Leseleistung.

Francesca Muntoni, Studienleiterin, Universität Hamburg
Ein Junge liegt im Bett und liest
Bildrechte: Colourbox.de

Francesca Muntoni und ihr Team weisen in der Studienauswertung darauf hin, dass sie den Zusammenhang von Geschlechterstereotyp und Leseleistung lediglich statistisch nachgewiesen hätten und weitere Gründe in Betracht gezogen werden müssten. Außerdem seien die Geschlechterstereotypen der Schüler anhand von Selbstberichten gemessen worden, was ihre Genauigkeit einschränken könne. Dennoch sieht Jan Retelsdorf, Professor für Lern- und Unterrichtspsychologie an der Universität Hamburg und Mitautor der Studie, Chancen für eine Veränderung in der Erziehung und Unterrichtsgestaltung:

Lehrer und Eltern sollten drauf achten, Jungen und Mädchen vorurteilsfrei ins Leben zu begleiten und so beiden Geschlechtern etwas mehr zuzutrauen.

Jan Retelsdorf

Die Studie erschien in der Fachzeitschrift "Child Development". Bereits 2016 machte eine wissenschaftliche Untersuchung aus Grenoble auf einen möglichen Zusammenhang von Leseleistung und Geschlechterstereotyp aufmerksam.

Digitaler Unterricht in der Regelschule Warza (Staatliche Regelschule "Nessetalschule" Warza.) 45 min
Digitaler Unterricht in der Regelschule Warza (Staatliche Regelschule "Nessetalschule" Warza.) Bildrechte: MDR/Cine Impuls Leipzig

3 Kommentare

part vor 23 Wochen

Gerade Kinder spüren sofort, wenn sie nicht vorurteilsfrei bewertet werden in der Schule oder schon im Kindergarten. Dies kann dann auch Auswirkungen haben auf den späteren Entwicklungsweg. Getrennte Klassen nach Wunsch und Möglichkeiten lassen dann auch vielleicht auch bessere Entwicklungsmöglichkeiten zu, dessen Experiment es wert ist um lernbegierige Mädchen von störenden Jungs fernzuhalten, zumindest bis zu höheren Klassenstufen. Obwohl dann später auch der Blick auf die Klassenkameraden/innen den Blick aufs Lehrbuch oftmals schwinden lässt, doch so ist das Leben...

MDR-Team vor 24 Wochen

Hallo "vtw",
nur gut, dass Sie so gut aufpassen. Wurde geändert. Liebe Grüße

vtw vor 24 Wochen

Hallo mdr-Doppelname,
ein Glück das nicht Schreiben in der Studie behandelt wurde - bitte die Überschrift prüfen (lasssen oder doch lieber lassen) .