Geschwister liegen auf dem Bett
Ein Bruder-Schwester-Paar mit seinem Baby-Bruder: Das der jüngste Filius risikobereiter als seine beiden älteren Geschwister wird, kann nicht bewiesen werden. Bildrechte: imago/PhotoAlto

Geschwister-Forschung Letztgeborene sind keine Draufgänger

Kreativer sollen sie sein, aufmüpfiger und sie kommen mit allem ungeschoren davon: Einige Annahmen über das jüngste Geschwisterkind sind so weit verbreitet, dass wir sie für Tatsachen halten. Dazu zählt auch, dass Letztgeborene waghalsiger und rebellischer als ihre älteren Geschwister sein sollen. Aber stimmt das überhaupt? Das hat ein internationales Forschungsteam jetzt genauer untersucht.

von Kristin Kielon

Geschwister liegen auf dem Bett
Ein Bruder-Schwester-Paar mit seinem Baby-Bruder: Das der jüngste Filius risikobereiter als seine beiden älteren Geschwister wird, kann nicht bewiesen werden. Bildrechte: imago/PhotoAlto

Warum traute es sich ausgerechnet Charles Darwin, sich mit der Evolutionstheorie gegen die Macht der Kirche zu stellen? Diese eine Frage wollte Historiker Frank Sulloway eigentlich nur klären. Und dann entdeckte er eine rund 100 Jahre alte Theorie wieder: Nämlich die, dass die Geburtsreihenfolge Einfluss auf unsere Persönlichkeit haben soll. Und offenbar gab es bei seinen Nachforschungen unter den wissenschaftlichen Revolutionären statistisch gesehen mehr Letztgeborene.

Sulloways Familiendynamikmodell

Sulloway entwickelte das Familiendynamikmodell, erklärt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Ralph Hertwig. Das geht davon aus, dass jedes Geschwister-Kind eine eigene Nische besetze und sich anders verhalte, um an die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der Eltern zu kommen: "Und diese Dynamik innerhalb der Familie, so war die These von Sulloway, die führt dazu, dass wir bestimmte Persönlichkeitsmerkmale ausbilden. Etwa derart, dass die Erstgeborenen eher die etwas Konservativeren in der Familie sind und die Nachgeborenen die Rebellen, die nach Neuem suchen und auch Risiko eingehen."

Abenteuerlustig und unerschrocken?

Zwei Brüder im Valle de la Luna San Pedro de Atacama in Chile
Zwei Brüder im Valle de la Luna nahe San Pedro de Atacama in Chile: Risikobereitschaft hat nichts mit der geburtsfolge zu tun. Bildrechte: imago/Westend61

Sulloway schloss daraus, dass Letztgeborene auch im späteren Leben abenteuerlustig und unerschrocken – kurz: risikofreudig bleiben. Ob das tatsächlich so ist, hat Max-Planck-Forscher Hertwig mit einem internationalen Team untersucht. Das Ergebnis: Die Familiendynamik hat offenbar doch keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft von Menschen. "Es ist nicht der Fall, dass die später Geborenen tatsächlich eine höhere Risikopräferenz hätten als die Zuerstgeborenen." Möglich sei aber, dass sich das risikoreiche Verhalten nur innerhalb der Familie zeige - es sich also um sogenanntes Kontextverhalten handelt, so Hertwig.

Längsschnittstudie mit 30.000 Befragten

Die Untersuchung der Forscher besteht eigentlich aus drei Analysen: Zum einen haben sie Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel ausgewertet - einer Längsschnittstudie, für die jährlich rund 30.000 Menschen zu ihren Einstellungen befragt werden. Für ihre Analyse haben sie die Selbsteinschätzungen von Letztgeborenen und früher Geborenen verglichen. Doch in 96 Prozent der Vergleiche zeigte sich kein Zusammenhang.

Verhaltenstests im Labor

Doch da niemand sicher wissen kann, ob die Befragten auch ehrlich geantwortet haben, folgte eine zweite Analyse: In der wurden rund 1.500 Probanden in Befragungen und realen Verhaltenstests im Labor auf ihre Risikobereitschaft untersucht, erklärt Hertwig: "Wo wir jetzt auch eben Selbstberichte und tatsächliches Verhalten miteinander vergleichen konnten und auch da fanden wir, dass weder die Selbstberichte noch das tatsächliche Verhalten mit der Rangordnung korreliert ist."

Kein Zusammenhang in Geburtsreihenfolge

Aber da gab es ja noch eine Möglichkeit: Vielleicht zeigt sich Risikobereitschaft einfach nicht in Befragungen oder Verhaltenstests. Deshalb haben die Forscher noch eine dritte Analyse gemacht: Sie analysierten die Geburtsreihenfolge von 200 historischen Entdeckern und Revolutionären. Und auch hier war kein Zusammenhang zu finden: Rosa Luxemburg oder Alexander von Humboldt waren beispielsweise tatsächlich Letztgeborene. Aber die Erstgeborenen Christoph Kolumbus und die britische Abenteurerin Mary Kingsley waren wohl kein bisschen weniger risikofreudig.

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2019, 21:00 Uhr