Übergewicht Liebe macht Bauch

Liebe macht dick. Das ist schon lange bewiesen. Jetzt noch einmal: In einer  Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hat ein Viertel der Befragten gesagt: "Ja, seit ich in einer Beziehung lebe, habe ich zugenommen." Aber wieso nur bekommen wir diese Beziehungsplauze eigentlich? Die Speckröllchen sind evolutionär bedingt, sagt die Wissenschaft.

Ein Korpulentes Pärchen am Strand
Glücklich Verliebte nehmen meist gemeinsam zu. Bildrechte: IMAGO

Die Studienlage ist unerbittlich, stellt die Psychologin Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle fest: Liebe macht dick. Und zwar mächtig. "Es gibt auch viele weitere Studien die besagen, dass in fünf bis zehn Jahren die Partner bis zu zwölf Kilo zunehmen", sagt Wolf. Und das trifft vor allem die, die wirklich glücklich verliebt sind. Auf tragische Weise ist die Beziehungsplauze also gewissermaßen ein Liebesbeweis.

Dass die Psyche das Dickwerden in Beziehungen mit beeinflusst sieht auch Prof. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas Ambulanz für Erwachsene am Universitätsklinikum Leipzig, als erwiesen an. "Es ist interessant, dass wir bemerken, dass abhängig vom sozialen Satus oder vom Umfeld Menschen unter entweder zu hohem oder zu niedrigen Gewicht leiden. Es zeigt, dass die hormonellen Prozesse, die zur Gewichtsregulation beitragen, ganz, ganz eng an soziale oder auch psychologische Prozesse geknüpft sind." Es sei nicht selten, dass Menschen, wenn sie dann in einer festen Partnerschaft leben oder heiraten, in der Partnerschaft zunehmen, so der Mediziner.

Dazu gibt es auch Studiendaten: Vor zehn Jahren hat eine Forschergruppe in Ohio bei über 10.000 Personen das tatsächlich mal untersucht und festgestellt, dass das so ist und sowohl Männer als Frauen in festen Partnerschaften eher und leichter Gewicht zunehmen als Singles.

Prof. Dr. Matthias Blüher, Universität Leipzig

Negative Protektion

Grund seien neue Gewohnheiten, so die Psychologin. Denn wer es sich mit seinem neuen Partner auf der Couch vor dem Fernseher gemütlich macht, hat meist weniger Bewegung, trifft seine Freunde seltener und treibt vor allem weniger Sport. Für Verliebte sei dieses Verhalten typisch - Psychologen nennen es "negative Protektion". Dabei schirmen Verliebte sich gegenseitig von früheren Verhaltensweisen ab.

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
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Wir schirmen uns von dem Alten ab und etablieren neue Verhaltensweisen mit dem Partner: Dass wir uns eben einen schönen Lunch machen, länger schlafen und mal einen Wein schlürfen zum Abend und eben auch weniger rausgehen.

Annegret Wolf, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Vor allem Frauen sind gefährdet, sagt die Psychologin: Sie gerieten oft in Schieflage, weil sie glaubten, genauso viel essen zu können wie ihr Liebster. Doch das ist ein Trugschluss, so Wolf: "Es ist so, dass die Hälfte der Frauen in einer Beziehung angeben, dass sie genauso viel essen wie der Partner und das weiß man: Männer vertragen mehr, kalorientechnisch."

Glückwunsch zur Plauze?

Grafik zeigt einen Jungen und ein Mädchen, Hand in Hand über eine Herz-Sinuskurve hüpfend, darunter das Wort "love" 5 min
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Sollte man den Freunden also künftig zur Liebes-Plauze gratulieren? Immerhin sind sie ja glücklich und man sieht es ihnen an. Eher nicht: Fettnäpfchen-Falle! Das würde nämlich nicht bei jedem so funktionieren. Denn es gibt ja auch Menschen, die in Beziehungen nicht zunehmen. Das seien meist Personen, die bei ihrem Gewicht eher auf den Gesundheitsaspekt achten als auf das bloße Erscheinungsbild. Das sei tasächlich wissenschaftlich bewiesen. "Die Leute, die zunehmen, achten eher auf das Erscheinungsbild und sagen: Ach die drei Kilo - ich habe einen super Mann und bei dem bin ich sicher rund das stört mich nicht so", erklärt die Psychologin der Uni Halle.

Doch in genau diesem Verhalten sieht der Leipziger Adipositas-Fachmann Blüher eine Gefahr. Auch diejenigen, die noch keine gesundheitlichen Probleme hätten, sollten auf Bewegung achten, sagt er. "Da sind die Empfehlungen, gemeinsam einen gesunden Lebensstil zu pflegen: gesund zu essen, auf sehr energiedichte Nahrungsmittel möglichst zu verzichten und auch darauf zu achten, dass man nicht zu viel Energie über das Trinken zuführt oder gemeinsam sich ein Hobby zu suchen, was körperliche Aktivität beinhaltet: Laufen, Joggen, Radfahren, Bergsteigen, Klettern, alles Mögliche." Der Mediziner betont das so, weil es im Prinzip der Normalfall ist, dass Verliebte zunehmen. Das liege in der Natur des Menschen.

Ein Übergewichtiger Mann hält herzförmige Luftballons in den Händen
Dass Liebe uns dick macht, liegt in der Natur des Menschen. Bildrechte: IMAGO

Wenn man sich verliebt, werden auch Glückshormone ausgeschüttet und Hormone, die ganz wichtig sind für unser Belohnungssystem. Dopamin spielt da eine Rolle und auch Prolaktin, was bei körperlicher Aktivität oder auch beim gemeinsamen glücklichen Zusammensein vermehrt ausgeschüttet wird und natürlich kann es sein, dass diese Hormone dazu beitragen, dass sich der Lebensstil ändert, dass man auch bequemer wird, weniger Aktivitäten macht, mehr Appetit bekommt.

Prof. Dr. Matthias Blüher, Universität Leipzig

Trotzdem gibt es keinen Grund zur Panik: Das Gesundheitsbewusstsein kommt wieder - spätestens nach drei Monaten. Und dann heißt es für alle, die die Pfunde stören: Organisation ist alles. Psychologin Annegret Wolf empfiehlt, die Gewichtszunahme offen anzusprechen und gemeinsam an einer Verhaltensänderung zu arbeiten - etwa indem man mehr Aktivität etabliert. Denn wer gemeinsam abspeckt, muss nicht weniger glücklich verliebt sein - ganz im Gegenteil: "Das muss nicht schlimm für die Beziehung sein, kann sie sogar noch stabilisieren", sagt Psychologin Wolf.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 27.07.2017 | 16:50Uhr