Science vs. Fiction "Magicology": Was uns Zaubertricks über unser Gehirn verraten

Egal ob Kartentricks, Illusionen oder großes Bühnenfeuerwerk – Magie fasziniert Menschen schon seit Jahrhunderten. Aber Magie und Wissenschaft? Sind das nicht zwei gegensätzliche Pole? Überhaupt nicht, sagt der Psychologe und Hobby-Zauberer Gustav Kuhn. Er hat den Wissenschaftszweig "Magicology" gegründet, der Magie, Psychologie und Neurowissenschaften miteinander verbindet.

Das Kaninchen verschwindet im Hut, aus einem Taschentuch wird eine weiße Taube und plötzlich taucht die verschwundene Münze hinter dem Ohr wieder auf. Wie kann das sein? Sicher haben Sie auch schon Momente erlebt, in denen Sie mit offenem Mund da standen, nicht begreifend, was da gerade passiert ist. Denn natürlich ist uns allen klar, dass der Zauberer uns ausgetrickst hat. Aber wie? Diese Frage stellt sich auch die "Magicology" – ein Wissenschaftszweig, der untersucht, was genau in unserem Gehirn passiert, wenn wir verzaubert werden.


Magie berührt die grundlegendsten Fragen der Psychologie und Philosophie. Sie beschäftigt sich mit dem Bewusstsein, dem Glauben, der Wahrnehmung und macht deshalb extrem spannende Fragen über das menschliche Gehirn auf.

Gustav Kuhn - Begründer der Magicology

Kuhn und sein Team haben in den vergangenen Jahren vor allem zum Freien Willen geforscht, der bei Kartentricks – zumindest vermeintlich – oft eine Rolle spielt. Denn wer kennt es nicht? Der Zauberer rauscht durch das ganze Kartenspiel und bittet uns, uns eine auszusuchen. Wir konzentrieren uns komplett auf die Karten, entscheiden uns für eine und natürlich kann der Magier sie benennen. Denn in Wahrheit war es gar nicht unsere Entscheidung – er hat unserem Unterbewusstsein eine Karte aufgedrängt. Beim Durchrauschen der Karten hat er eine Millisekunde länger gezeigt und sie somit "forciert". So einfach? Ja, und das funktioniert einer Studie zufolge in 98 Prozent aller Fälle.


Gustav Kuhn ist Psychologe und Hobby-Zauberer
Bildrechte: Goldsmith University London

Was die Forschung zeigt, ist, dass wir Entscheidungen sehr einfach manipulieren können. Und das wiederum beantwortet eine der grundlegendsten Fragen der Menschheit: Haben wir einen freien Willen oder nicht? Viele Studien zeigen jetzt, dass die Idee des freien Willens eine Illusion sein könnte.

Gustav Kuhn

2005 wurde dazu ein beeindruckendes Experiment an der Universität Lund in Schweden durchgeführt: Dort wurden Versuchspersonen Bildpaare von Gesichtern gezeigt und sie mussten sich für die attraktivere Person entscheiden. Dieses Bild wurde ihnen dann über den Tisch gegeben. Bei einigen Durchgängen haben die Forschenden die Bilder nach der Auswahl aber heimlich vertauscht, den Versuchspersonen also genau das Gegenteil ihrer eigenen freien Entscheidung herübergereicht. Das Verblüffende: Gerade mal ein Viertel der Teilnehmer hat das bemerkt. Der Rest von ihnen ist nicht nur auf den Trick hereingefallen, sondern hat die vermeintliche Wahl sogar verteidigt und völlig neue Gründe für die Entscheidung erfunden. Dieses Phänomen nennt man "Choice Blindness".

Mit MRT und Eyetrackern den Geheimnissen auf der Spur

Um genauer zu erforschen, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir verzaubert werden, zeigen Kuhn und seine Kollegen den Probanden verschiedene Zaubertricks, während sie im MRT liegen oder an Eyetracker angeschlossen sind. Dabei hat sich gezeigt, dass vor allem zwei Bereiche unseres Gehirns aktiv sind, wenn wir Magie erleben: Der dorsolaterale präfrontale Kortex und der anteriore cingulierte Kortex. Vielleicht nicht unbedingt einfach zu merkende Namen, aber das Spannende: Diese Bereiche sind immer dann aktiv, wenn wir Konflikten ausgesetzt sind. Zum Beispiel, wenn Sie gerade diese Zeilen lesen, im Nachbarzimmer aber jemand laut telefoniert. Ihr Gehirn muss diesen Konflikt lösen und entscheiden, worauf es sich fokussiert. Und ähnlich ist es bei Zaubertricks: Unser Gehirn gleicht das, was wir sehen ab mit dem, was es normalerweise erwarten würde und merkt: Moment, hier kann etwas nicht stimmen. Genau das macht die Faszination aus und lässt uns eben nicht einfach denken: Na gut, ist das Kaninchen halt verschwunden.

Die Stärken unseres Gehirns sind gleichzeitig Schwächen

Statt sich darüber zu ärgern, dass der Zauberer uns ausgetrickst hat, sollten wir erstaunt darüber sein, wie unfassbar effektiv unser Gehirn funktioniert, sagt Gustav Kuhn. Denn im Alltag sind wir ständig von komplexen Impulsen von außen umgeben und unser Gehirn filtert und fokussiert dabei nur die für uns wichtigen. Zauberer nutzen dieses Wissen und arbeiten sehr viel mit Ablenkung. Das geht sogar so weit, dass wir Dinge sehen, die gar nicht da sind. Bei der „Vanishing Ball Illusion“ wirft der Magier einen Ball in die Luft und wir sehen ihn beim dritten Mal in der Luft verschwinden – obwohl der Zauberer beim letzten mal nur so getan hat, als würde er den Ball werfen und ihn eigentlich noch in der Hand hält.


Viel unserer Wahrnehmung basiert auf Vorhersagen, was in der Zukunft passieren wird. Denn um mit einer sich bewegenden Welt zu interagieren, müssen wir schnell handeln. Aber es dauert einen Moment, bis die visuellen Informationen vom Auge im Gehirn angekommen, um das auszugleichen, sagt unser Gehirn quasi die Zukunft voraus. Also, das was wir sehen ist nicht wirklich die Gegenwart, sondern das, was unser Gehirn anhand aller vorhandenen Informationen als Zukunft voraussagt.

Gustav Kuhn

Unser Gehirn nutzt also eine Art Autovervollständigung und wie wir alle wissen, sind die fehleranfällig – ein Punkt, an dem Zauberer ansetzen. Gustav Kuhn und seine Kollegen haben viele solcher Phänomene untersucht. Schauen Sie sich mal dieses Experiment oder den "Colour Changing Card Trick" an. Es macht Spaß, sich selbst vor Augen zu führen, wie gut sich unser Gehirn austricksen lässt. Aber nun noch mal im Ernst: Wir reden hier immer noch über Wissenschaft – lassen sich die Erkenntnisse der "Magicology" auf andere Bereiche übertragen? Gustav Kuhn sagt: Ja. Er forscht zur Zeit zum Beispiel zum Thema Fake News und versucht anhand von Magie zu verstehen, warum Menschen an etwas glauben, das eigentlich völlig irrational ist.

Magie als Therapie

Auch die Medizin kommt mittlerweile an der "Magicology" nicht mehr vorbei. Die Erkenntnisse von Kuhn und seinen Kollegen helfen dabei Hirnverletzungen, ADHS oder Alzheimer-Demenz besser zu verstehen und teilweise sogar zu behandeln. Ein besonderes Projekt nennt sich "Breathe Magic" – es richtet sich an Kinder, die aufgrund einer Gehirnverletzung eine Seite ihres Körpers nicht richtig benutzen können. Für sie gestaltet sich der Alltag, einfache Dinge wie Schuhe zubinden, oft sehr schwierig. Normalerweise müssen diese Kinder eine langwierige Physiotherapie absolvieren, bei "Breathe Magic" lernen sie stattdessen Zaubertricks. Die muss man zwar auch kontinuierlich üben, aber spielerisch und mit viel Spaß. Gustav Kuhn sagt, bei vielen Kindern sähe man schon nach zwei Wochen große Erfolge.

Das liegt auch daran, dass Magie, laut den Untersuchungen von Kuhn und seinen Kollegen, gut für unser Wohlbefinden und Selbstbewusstsein ist. An der Goldsmith-University müssen deswegen alle Psychologie-Erstsemester jetzt Zaubertricks lernen. Und Gustav Kuhn plädiert dafür: Wir brauchen alle mehr Magie in unserem Leben.

Die Magier Siegfried und Joy
Bildrechte: Katrin Tretbar

Info: Wenn Sie mehr über Magicology wissen möchten oder sich schon immer gefragt haben, was passiert eigentlich ohne Raumanzug im All – schauen sie doch mal auf unserem YouTube-Kanal "Science vs. Fiction" vorbei. Dort finden Sie die aktuelle Folge zur Frage, wie Magier (in dem Fall aus dem Film "Die Unfassbaren") unsere Gehirne austricksen. Natürlich mit echter Zauberei von Siegfried & Joy.

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