Kinder rennen ins Meer.
Bildrechte: Colourbox.de

Tod nach dem Baden Gibt es ein "Sekundäres Ertrinken"?

Eigentlich ist der Sommer ja etwas Schönes - Sonne, Meer, das große Badevergnügen. Natürlich ist das nicht ungefährlich. Aber eine Geschichte aus Texas sorgte im Sommer 2017 für besonderes Aufsehen: Der vierjährige Frankie wurde im knietiefen Wasser von einer Welle erfasst und atmete Wasser ein. Danach schien alles okay zu sein, er badete stundenlang weiter. Doch fast eine Woche später stirbt er in seinem Kinderbett. Die Ärzte sprechen von "Sekundärem Ertrinken" – doch was genau ist da dran?

von Katja Schmidt

Kinder rennen ins Meer.
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Sucht man im Netz den Begriff "Sekundäres Ertrinken" wird man schnell fündig. In Elternforen zum Beispiel tummeln sich ängstliche Mütter und Väter, die sich fragen, ob ihr Kind auch an den Spätfolgen eines Badeunfalls sterben könnte. Und das obwohl die medizinischen Belege für das sekundäre Ertrinken fehlen.

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von Ertrinken, wenn der Tod durch das Einatmen von Flüssigkeiten eintritt. Die Unterform des sekundären Ertrinkens wurde bei der Erarbeitung dieser Definition explizit abgelehnt. Auch Kinderärztin Heike Teichler hält dieses Phänomen für einen Mythos. Bei Badeunfällen atmen die Kinder oft unfreiwillig Wasser ein und das führe ganz automatisch zu einem plötzlichen Hustenreiz, der auch nicht zu unterdrücken sei.

Nur wenn diese Wassermenge bedenklich ist, kommt es zu allgemeinen Beschwerden wie Atemnot und Blaufärbung. Bei ganz akuten Sachen kommt der Notarzt und schaut sich das an. Wenn das Kind aber völlig symptomfrei ist, es ihm gut geht, muss man sich keine Sorgen machen. Dann gibt es keinen Grund zur Panikmache.

Heike Teichler, Kinderärztin in Halle

2017: Der Fall Frankie macht Schlagzeilen

Auch im Fall des vierjährigen Frankie gab es Symptome. Der Junge war mit seinen Eltern am Golf von Mexico baden, als ihn eine Welle erfasste. Danach sei es ihm wieder gut gegangen, hieß es - trotzdem starb er eine Woche später in seinem Kinderbett. Wie sich herausstellte, hatte er nach dem Badetag über Schmerzen, Übelkeit und Durchfall geklagt. Seine Eltern hielten es nur für einen Infekt. Doch wenige Tage später bekam der Junge keine Luft mehr und starb.

Kinderärztin Heike Teichler geht davon aus, dass er sich durch das Wasser in der Lunge eine Lungenentzündung zugezogen hatte.

Die Kinder entwickeln über diese Lungenentzündung eine Atemnot. Sie können nicht mehr gut Sauerstoff aufnehmen. Das sind aber Krankheitsbilder, die in die Intensivmedizin gehören, die also nicht einfach so in der Kita eine Stunde husten. Das ist kein 'sekundäres Ertrinken'.

Heike Teichler, Kinderärztin

Der Tod von Frankie ist ein tragischer Fall, der anderen Eltern natürlich Angst macht. Heike Teichler rät trotzdem dazu, ruhig zu bleiben. "Wenn ein Kind nach einem Badetag auch abends mal erbricht, ist das kein Grund zu denken, es liegt hier ein 'sekundäres Ertrinken' vor. Wenn zwei, drei Tage nach so einer Episode Atemnot, Husten und Fieber auftreten würden, müssten wir nachschauen mit einer klinischen Untersuchung, ob eine Lungenentzündung vorliegt, ob das Kind durch so einen Badeunfall eine Schädigung erlitten hat."

Sekundäres Ertrinken - irreführender Begriff

Generell lehnt Heike Teichler den Ausdruck "sekundäres Ertrinken" ab. Er sei irreführend und verbreite Panik. Das merkt sie auch in ihrer Sprechstunde. Immer wieder fragen Eltern bei ihr nach, wie groß das Risiko ist. Ihre Antwort: Eltern sollten sich keine Gedanken um das "sekundäre" sondern um das "normale" Ertrinken machen - denn ca. 85 Prozent der Fälle wären vermeidbar.

Also wirklich gut aufpassen, allein das Seepferdchen-Abzeichen reicht nicht aus, um in einem unbekannten Gewässer eine längere Strecke zu schwimmen. Die Kinder nicht aus den Augen lassen und wenn sie mit Freunden längere Zeit unterwegs waren und fraglich ist, was da gewesen ist, auch zeitnah die Mitschüler befragen.

Heike Teichler, Kinderärztin

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im: Radio | 12.06.2017 | 00:01 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2017, 15:12 Uhr