Iillustration einer Bacteriophage
So sähe eine Bakteriophage aus, wenn man sie sehr stark vergrößern würde (Illustration). Bildrechte: IMAGO

Antibiotikakrise Viren gegen multiresistente Bakterien

Phagen sind Viren, die Bakterien attackieren und abtöten. Mediziner setzen daher große Hoffnungen auf ihren Einsatz im Kampf gegen multiresistente Erreger. Forscher des Leibnizinstitutes für Molekulare Pharmakologie in Berlin haben nun wichtige Grundlagen gelegt.

von Clemens Haug

Iillustration einer Bacteriophage
So sähe eine Bakteriophage aus, wenn man sie sehr stark vergrößern würde (Illustration). Bildrechte: IMAGO

Sie sind der große Hoffnungsträger im Kampf gegen multiresistente Keime: Bakteriophagen sollen helfen, wo Antibiotika immer häufiger wirkungslos bleiben, etwa bei der Therapie längst überwunden geglaubter Krankheiten wie der Tuberkulose. Berliner Forschern ist nun ein wichtiger Schritt gelungen: Sie haben eine Methode entwickelt, mit der die Struktur der Phagen bis ins atomare Detail erforscht werden kann.

Phagen sind Viren, die wie alle ihre Artgenossen nur aus einer Erbinformation und einer Hülle bestehen. Um sich vermehren zu können brauchen Phagen eine Wirtszelle, in die sie ihre Erbinformation einspeisen können. Bei Phagen dienen Bakterien als Wirte. Sie produzieren dann neue Viren, anstatt sich selbst zu vermehren. Am Ende sterben sie ab und setzen die neu produzierten Phagen frei, die dann wiederum andere Bakterien attackieren.

Natürliche Nanomaschinen

Weltweit erforschen Wissenschaftler deshalb mit Hochdruck, wie Phagen effektiv und ohne Nebenwirkungen Menschen heilen können. Forscher vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin haben für diese Arbeit nun einen wichtigen Grundstein gelegt: Sie entwickelten sogenannte Festkörper-NMR-Methoden (Kernspinresonanzspektroskopie) derart weiter, dass der ganz genaue molekulare Aufbau der Viren erforscht werden kann. "Phagen sind von der Natur über Millionen von Jahren optimierte Nanomaschinen. Sie bestehen aus vielen Komponenten, die sich zu einer komplexen Architektur zusammenfügen“ sagt Professor Adam Lange, der das Forscherteam leitet. Die Ergebnisse wurden in den Fachzeitschriften "Angewandte Chemie" und "Nature Protocols" veröffentlicht.

Die Wirkung und Einsatzmöglichkeiten von Phagen sind eigentlich bereits seit langem bekannt. Bereits in den 1920er-Jahren wurden erste Studien veröffentlicht, die zeigten, dass man die Viren gegen bakterielle Infektionen einsetzen kann. Weil damals Antibiotika aber noch sehr wirksam waren und zugleich besser erforscht, ruhte die Arbeit mit den Phagen zunächst. Inzwischen haben aber immer mehr Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika ausgebildet und lassen diese Gifte zunehmend wirkungslos werden. Die UN-Weltgesundheitsorganisation WHO hat Antibiotikaresistenzen inzwischen zur globalen Gesundheitskrise erklärt.

Phagen haben zudem einen weiteren großen Vorteil gegenüber den bisherigen Therapien. Die Viren greifen nur ein bestimmtes Zielbakterium an, lassen dagegen andere, für den Menschen nützliche Mikroorganismen (etwa in der Verdauung) unangetastet. US-Forscher arbeiten derzeit daran, Phagen mittels Gentechnik auf bestimmte Zielbakterien auszurichten.

G20 und Antibiotikaresistenzen Die weltweite Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen ist erstmals Thema auf einem G20 Gipfel ab 7. Juli 2017 in Hamburg. Deutschland hat den Schwerpunkt Gesundheit auf die Tagesordnung gesetzt.

Über dieses Thema berichtete der MDR im Fernsehen: Hauptsache gesund | 03.11.2016 | 21:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2017, 05:00 Uhr