Medizin & Ethik Was wäre, wenn unser Blut verrät, wie lange wir leben?

Forscher lesen in unserem Blut wie in einem Buch: Fehlt es uns an Eisen oder Magnesium, funktioniert die Leber, haben wir ein erhöhtes Herzinfarktrisiko? Möglicherweise verrät es auch unsere verbleibende Lebensdauer. Funktioniert der Test tatsächlich so, wie es die Forscher vom Max Planck-Institut aus Köln sagen und ist so ein Test überhaupt ethisch vertretbar?

Was wäre, wenn wir aus dem Blut herauslesen können, wie lange wir noch leben? Forscher des Max-Planck-Institutes für die Biologie des Alterns in Köln haben 14 Biomarker gefunden, anhand derer sich das Sterberisiko in den kommenden fünf bis zehn Jahren berechnen lässt. Dazu hatten sie die Restlebenszeit von 44.168 Personen untersucht, die im Alter zwischen 18 und 109 Jahren alt waren. Ihre Blutanalyse, die mit Aminosäuren, Lipidwerten und Entzündungsparametern arbeitet, brachte den Forschern zufolge robustere Vorhersagen über die Sterblichkeitsrisiken als bisherige Einschätzungen anhand von Blutdruck, Cholesterin oder Body-Mass-Index.

Die Forscher sagen aber auch, dass weitere Studien gebraucht würden, und die biologische Rolle der 14 Marker aufgeklärt werden müsse, bevor er in Kliniken eingesetzt werden könne. Die Studienergebnisse wurde in der Fachzeitschrift "Nature Communications" zuerst veröffentlicht.

Medizinisch: Wer sollte das wissen?

Die Studienautoren sehen den Test laut der Studie langfristig im klinischen Alltag als Helfer. Etwa dann, wenn es darum geht, ob sich für oder gegen eine aggressive Therapie entschieden wird, beispielsweise in der Krebsmedizin. Oder wenn hochbetagte Menschen versorgt werden - ob man dabei auf Heilmethoden setzt, beispielsweise eine Operation, oder auf palliative.

Diese Beispiele findet Dr. Annette Rogge, Ethikkomitee-Vorsitzende an der Uniklinik Kiel, höchst bedenklich: Aus ihrer Sicht sorgen die Anwendungsbeispiel nur für Aufmerksamkeit: "Das notwendige Verantwortungsbewusstsein für einen möglichen zukünftigen Transfer dieser Grundlagenforschung in die klinische Praxis fehlt völlig", kritisiert die Medizinerin. In der Praxis seien Therapieentscheidungen im Arzt-Patientenverhältnis von einer Vielzahl von Faktoren abhängig:

Vom Wissen über die aktuelle Erkrankung, ihrer Prognose und ihren Behandlungsmöglichkeiten, sowie anderen Erkrankungen des Patienten, dem potenziellen Nutzen und Risiko eines Eingriffs und möglichen Alternativen sowie immer und nicht zuletzt vom Wunsch des Patienten.

Dr. Annette Rogge

Rogge zufolge könnte der Test lediglich Arzt und Patient eine sehr abstrakte zusätzliche Information über einen relativ langen Vorhersage-Zeitraum geben. Die gelte es je nach Person und Situation richtig zu bewerten.

Ethisch: Wer will das wissen, wer darf das?

Sollte nach weiteren Studien dieser Blut-Test tatsächlich einmal so eingesetzt werden können, wie die Forscher skizzieren, führt das mitten hinein in eine generelle Debatte in der Medizin über ethische Fragen. Dr. Florian Kienberg, Spezialist für Genetische Epidemiologie an der Universität Innsbruck, findet die Studienergebnisse spannend und wertet sie als weiteren Schritt zu personalisierter Medizin. Er warnt aber auch vor Begehrlichkeiten, die solche Daten wecken könnten:

Kommerzielle Interessen könnten für manche Firmen eine Versuchung darstellen, die betroffenen Patienten und deren Arzt mit den Ergebnissen solcher Tests alleine lassen werden.

Andererseits sagt er aber auch:

Schon heute fallen in der Medizin ständig Entscheidungen, meist auf der Basis von relativ wenigen Daten. In Zukunft wäre die Vorhersage aufgrund tausender Daten wohl präziser, wenn auch niemals hundertprozentig treffsicher.

Patient beim Arzt.
Wie wird behandelt? Wird ein Bluttest dabei künftig mitreden? Bildrechte: imago images / Westend61

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | Hauptsache | 13. Juni 2019 | 21:00 Uhr