Mediziner halten Klemmbretter
Vor allem Berufsanfänger neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Bildrechte: IMAGO

Psychologie Frisch gelernt und schon Experte: Anfänger neigen zur Selbstüberschätzung

Diesen einen Kollegen kennt wahrscheinlich jeder: Gerade frisch aus der Ausbildung oder erst ein paar Wochen im Unternehmen und schon meint er, alles besser zu wissen als langjährige Kollegen. Nur seine Leistung bleibt weit hinter seinem Mundwerk zurück. "Typisch Anfänger" würden US-Psychologen vermutlich sagen, denn ihrer Untersuchung zufolge lassen uns erste Lernerfolge kurzzeitig zu Großmäulern werden.

von Kristin Kielon

Mediziner halten Klemmbretter
Vor allem Berufsanfänger neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Bildrechte: IMAGO

Ob im neuen Job, dem neuen Hobby oder sogar beim Autofahren: Kaum die ersten Schritte gemacht, schon bricht der Größenwahn aus. Und das ist auch noch ziemlich normal, meinen amerikanische Psychologen: Carmen Sanchez von der Cornell University und David Dunning von der University of Michigan schreiben in ihrer Untersuchung, dass nach der Demut des Unwissenden, eine Art Anfängerblase kommt.

Was den Hang zur Selbstüberschätzung betrifft, scheinen die ersten Lernerfolge eine gefährliche Sache zu sein. Obwohl Anfänger zu Beginn bescheiden in ihrer Selbstwahrnehmung sind, reicht schon ein bisschen Erfahrung, damit ihre Selbsteinschätzung die eigene Leistung übersteigt.

Carmen Sanchez, David Dunning
Geschäftsfrau zeigt Kollegen Tablet-PC
Kaum im Job, erklären wir den alt eingesessenen Kollegen dank "Anfängerblase" die Welt. Bildrechte: IMAGO

Die Autoren weisen diese Theorie anhand von insgesamt sechs verschiedenen Teilstudien nach. Eine davon war ein Experiment, das erst einmal ungewöhnlich klingt: Die Probanden sollten sich eine postapokalyptische Welt vorstellen, in der es eine Zombie-Apokalypse gibt. Die Forscher haben sie dann gebeten, verschiedene Fotos von Menschen auf Symptome für Zombie-Krankheiten zu analysieren und Diagnosen zu stellen, schreiben die Psychologen: "Obwohl die Anfänger zu Beginn nicht allzu selbstsicher mit ihren Beurteilungen waren, steigerten sie sich schnell in eine Art Anfängerblase der Selbstüberschätzung." Das habe dazu geführt, dass sie schon nach wenigen Lernerfahrungen ausufernde und falsche Theorien darüber aufgestellt hätten, wie die Aufgabe zu lösen sei. "In weiteren Versuchen änderten und verfeinerten sie ihre Theorien, wodurch das Selbstvertrauen wieder abnahm, während sich die Leistung verbesserte. Nach dieser Pause nahm auch das Selbstvertrauen der Probanden wieder zu", heißt es in der Untersuchung weiter.

Für Psychologin Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sind die Ergebnisse der US-Forscher plausibel. Auch sie forscht schon länger im Bereich der sogenannten kognitiven Selbstwahrnehmungsverzerrungen, zu denen auch die Selbstüberschätzung gehört. Sie findet vor allem das Bild der "Anfängerblase" charmant:

Psychologin Annegret Wolf
Psychologin Annegret Wolf Bildrechte: privat

Ich finde auch die Metapher total schön, weil bei Seifenblasen, da assoziieren wir ja auch so eine bunte optimistische Welt, in der man schon irgendwie die Realität noch sieht, aber durch so einen Filter und der ist jetzt in diesem Fall eben sehr selbstwertdienlich. Man fühlt sich auch so geschützt und schwebt quasi durch den Alltag.

Annegret Wolf, Universität Halle

Die aktuelle Studie fügt sich nahtlos in die Ergebnisse bisheriger Studien zum Thema ein, sagt sie: "Es sind ganz viele Meta-Analysen auch schon gemacht worden und die zeigen sehr robust, dass Menschen sich immer konstant positiver und leistungsfähiger einschätzen als sie sind." Das lasse sich auch im Alltag sehr gut beobachten, meint Wolf. Wenn jetzt zum Beispiel wieder die Fußballweltmeisterschaft losgehe, werde es wieder viele Fans geben, die sich vom Sofa aus für die besseren Nationaltrainer halten würden - ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung.

Junge Erwachsene halten sich für echte Börsen-Experten

Für ihre Untersuchung wollten die US-Wissenschaftler aber nicht nur isolierte Experimente betrachten. In einer weiteren Teilstudie untersuchten sie die Frage, ob die Menschen sich im echten Leben auch so verhalten wie im Labor-Versuch. Und tatsächlich haben die Forscher dieses Muster der Selbstüberschätzung auch im realen Alltag nachweisen können: zum Beispiel im Bereich Finanzen. Dazu analysierten sie Daten des sogenannten National Financial Capability Survey aus. Das ist eine groß angelegte Studie, die rund 25.000 US-Amerikaner über Jahre begleitet und untersucht, wie sich deren Wissen rund um finanzielle Angelegenheiten entwickelt. Und das Ergebnis war verblüffend ähnlich, schreiben die Forscher:

Die Selbsteinschätzung, wie gut man über finanzielle Dinge Bescheid weiß, steigt unter jungen Erwachsenen rasant an, pendelt sich dann bis zum späten Erwachsenenalter ein und erst dann ist schätzen sich die Menschen wieder als gut ein – nämlich dann, wenn sie sich tatsächlich im Laufe ihres Erwachsenenalters langsam und konsistent Finanzwissen angeeignet haben.

Carmen Sanchez, David Dunning

Tatsächlich sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren am erheblichsten in Finanzdingen überschätzen. Und das kann höchst kostspielige Folgen haben. Doch Selbstüberschätzung bis zu einem gewissen Maße muss für uns gar nicht zwingend schädlich sein - ganz im Gegenteil, sagt Psychologin Annegret Wolf. Denn eigentlich ist es ein positiver Mechanismus, "weil das unser Wohlbefinden fördert", sagt sie. "Deshalb reden wir auch von selbstwertdienlichen Verzerrungen: Weil es darum geht, sein eigenes Selbstwertgefühl zu pushen, indem man einfach seine Leistung als besser einschätzt." Und das habe natürlich auch gute Effekte: "Wenn ich jetzt zum Beispiel überlege, dass ich mich für einen Job bewerbe, obwohl ich vielleicht eigentlich gar nicht fähig bin, aber denke, dass ich es bin, dann bewerbe ich mich halt und bekomme ihn dann vielleicht sogar."

Das Hochstapler-Gefühl: Das Impostor-Phänomen

Doch nicht nur der Hang zur Selbstüberschätzung liegt in der Natur des Menschen, sondern auch das andere Extrem: Einige Menschen neigen eher dazu, sich trotz ihrer vorhandenen Kompetenz zu unterschätzen. Das kann Betroffene im schlimmsten Fall in die Depression führen - im besseren Fall, sorgt es nur für ein paar verpasste Chancen im Leben. Die Psychologie nennt das Impostor-Phänomen, erzählt Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität.

Also das meint wirklich, dass kompetente, richtig hoch qualifizierte Menschen nicht in der Lage sind objektiv messbare Erfolge wie zum Beispiel Schulnoten, Jobangebote, Empfehlungen oder stabile Beziehungen irgendwie für sich zu verbuchen. Die haben irgendwie immer das Gefühl ein intellektueller Hochstapler zu sein und irgendwann entlarvt zu werden.

Annegret Wolf, Universität Halle
Junge Frau mit Laptop lehnt an einer Bürowand
Unsicher trotz Fachkenntnis: Beim Impostor-Phänomen fühlen sich Kompetente wie Hochstapler. Bildrechte: IMAGO

Auch das Impostor-Phänomen ist etwas, was häufig bei Berufsanfängern festgestellt werden kann, meint Wolf. Und tatsächlich schließen sich Unter- und Überschätzen gar nicht zwingend aus. Häufig sei es so, dass wir uns überschätzen, wenn es um Alltagsdinge gehe wie beispielsweise Autofahren und uns unterschätzen, wenn es um fachlich spezifische Dinge gehe. Woher das kommt, ist noch nicht so richtig klar, sagt Wolf. Die Psychologie vermutet die Ursachen aber zum einen in frühkindlichen Erfahrungen und zum anderen in der individuellen Persönlichkeit des Menschen. Insgesamt sind die "Unterschätzer" aber eher in der Minderheit, erklärt Wolf: "In der Regel zeigt sich in der Gesellschaft schon eher die Selbstüberschätzung: Man geht so davon aus, dass es circa 60 Prozent der Menschen sind, die sich überschätzen und die restlichen unterschätzen sich eher. Aber sogar Experten, die wirklich Fachwissen haben, sind nicht davor gefeit, sich selbst zu überschätzen."

Dunning-Kruger-Effekt: Die größten Nichtsnutze halten sich für besonders fähig

Einer der Autoren der aktuellen US-Untersuchung zur Selbstüberschätzung der Anfänger schließt mit der Arbeit an seine vorherige Forschung an. Bereits im Jahr 1999 hat David Dunning nämlich festgestellt, dass sich ausgerechnet die größten Nichtsnutze oft für besonders fähig halten. In der Studie heißt es:

Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten in vielen sozialen und intellektuellen Bereichen für übermäßig gut zu halten. Die Autoren vermuten, dass diese Überschätzung teilweise darauf zurückzuführen ist, dass Menschen, die unqualifiziert in diesen Bereichen sind, eine doppelte Last tragen: Dieses Personen ziehen nicht nur falsche Schlüsse und treffen unglückliche Entscheidungen, sondern ihre Inkompetenz führt auch noch dazu, dass sie das noch nicht einmal bemerken können.

David Dunning, Justin Kruger

Diese Studie gilt mittlerweile als Klassiker der Psychologie. Nach Dunning und seinem Mitautoren wird die Selbstüberschätzung der Inkompetenten auch als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet.

Dieter Günter Bohlen, 2017
Einige Kaniddaten aus Dieter Bohlens Castingshow sind beispielhaft für den Dunning-Kruger-Effekt. Bildrechte: IMAGO

Dieser Effekt wird auch häufig als "Ignoranz gegenüber der eigenen Inkompetenz" bezeichnet, sagt die Hallenser Psychologin Annegret Wolf. Zusätzlich sei es auch noch so, dass solche Personen nicht nur die eigene Kompetenz über-, sondern die von anderen Personen unterschätzen.

Ein gutes Beispiel dafür gibt es jedes Jahr zur besten Sendezeit zu sehen, sagt sie: "Also man muss ja nur mal den Fernseher anschalten und sich die Teilnehmer von Casting Shows anschauen: Das ist die beste Publicity für diesen Dunning-Kruger-Effekt. Also die Leute merken ja wirklich überhaupt nicht, dass sie in ihrer Einschätzung völlig falsch liegen, überhaupt nicht singen können zum Beispiel und dass die aber auch dieses negative Feedback überhaupt nicht verstehen."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. März 2018 | 18:51 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 07:00 Uhr