Illustration - Narzissmus
Bildrechte: Colourbox.de

Narzissmus-Epidemie? Reiche Länder sind keine Brutstätte für Narzissten

Selbstverliebt und selbstorientiert: Diesem Bild sollen immer mehr Menschen in wirtschaftlich starken Ländern entsprechen. Doch diese gängige These in der Psychologie ist jetzt offenbar nicht mehr zu halten, wie Psychologen der Uni Konstanz herausgefunden haben.

von Karoline Dörner

Illustration - Narzissmus
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In der griechischen Mythologie verliebt sich der junge Narziss in sein Spiegelbild, weil er das Objekt seiner Liebe nicht erreichen kann und verwandelt sich im Tod in eine Blume, die Narzisse. Heute ist Narzissmus entweder ein psychologisches Krankheitsbild, die Narzisstische Persönlichkeitsstörung, oder eine Charaktereigenschaft, erklärt Eunike Wetzel vom Institut für Psychologie der Universität Konstanz:

Narzissmus ist so die Tendenz sehr selbstverliebt zu sein, also eher eitel zu sein und sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen und das Gefühl zu haben, man habe einen Anspruch auf eine besondere Behandlung und auch sehr gerne im Mittelpunkt zu stehen.

Eunike Wetzel

Vorangegangene Forschungsergebnisse hatten in den vergangenen Jahren immer wieder einen Zusammenhang hergestellt zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Anstieg von Narzissmus. Eunike Wetzel erklärt:

Dass eine solche Phase, in der wirtschaftlicher Wohlstand herrscht, einem eher erlaubt sich auf individuelle Bedürfnisse zu fokussieren. Während in anderen Phasen, der Rezession zum Beispiel, eher die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielt und weniger die individuellen Bedürfnisse.

Eunike Wetzel

Narzissmus - auf dem besten Weg der Ausbreitung?

Eine junge Frau mit Brille lächelt.
Eunike Wetzel Bildrechte: Universität Konstanz/Inka Reiter

Das wollten Wetzel und ihr Team überprüfen. Ist Narzissmus als Charaktereigenschaft tatsächlich auf dem Vormarsch? Die Wissenschaftler haben dafür Fragebögen ausgewertet, die in den USA seit dreißig Jahren regulär an Studierende gestellt werden.

Von Interesse waren dabei drei Aspekte: Führungsverhalten, also ob man Führungspositionen anstrebt, Eitelkeit und Anspruchsdenken, sprich: ob man sich anderen überlegen fühlt. Die Daten lieferten dazu überraschende Ergebnisse, so Eunike Wetzel:

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass heutige junge Leute narzisstischer seien als frühere Generationen, haben wir festgestellt, dass Studierende heutzutage weniger narzisstisch sind, leicht weniger narzisstisch als Studierende in den 1990ern. Das haben wir für Narzissmus als Gesamtkonstrukt festgestellt und auch für die drei verschiedenen Komponenten: Führungsverhalten, Eitelkeit und Anspruchsdenken.

Auch Männer und Frauen unterscheiden sich dahingehend wenig. Inwieweit die Ergebnisse nun auch für Deutsche gelten, Nicht-Studierende und ältere oder jüngere Bürger, darüber kann die Studie keine Aussage fällen. Für Eunike Wetzel zeichnet sich dennoch deutlich ab: Von einer Narzissmusepidemie kann nicht die Rede sein. Junge Leute heute seien eben nicht selbstverliebter als ältere Generationen.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Radio: MDR aktuell | 08.11.2017 | 13:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 16:26 Uhr