Tipps für einen schadstoffärmeren Alltag Wie kann ich Schadstoffe im Alltag vermeiden?

Ob Mikroplastik, Feinstaub oder krebserregende Chemikalien: Wir sind umgeben von Stoffen, die uns schaden können. Es gibt aber Möglichkeiten, Schadstoffe zu vermeiden. Wir haben acht alltagstaugliche Tipps gesammelt.

Eine Grafik zeigt eine junge Frau, die sich unter einer Art Glocke vor Chemikalien schützt.
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Kann ich in meinem Alltag Schadstoffe vermeiden? Diese Frage hat sich MDR Wissen-Reporterin Daniela Schmidt gestellt. Sie moderiert den Podcast "Meine Challenge" und hat eine Woche lang versucht, schädliche Chemikalien aus ihrem Alltag zu entfernen.

Schnell ist sie dabei auf die Tatsache gestoßen, dass Chemikalien überall sind: "Moderne Gesellschaften nutzen heute Chemikalien in vielfältigster Weise. Wir erfinden jede Stunde 40 neue Stoffe und wir rechnen, dass wir immer einen gewissen Anteil von den Stoffen auch in der Umwelt wiederfinden können. Und zwar wirklich. Wir reden über hunderttausend Stoffe, die wir in der Luft, in Gewässern, im Boden möglicherweise wiederfinden würden, wenn wir nur die Möglichkeiten hätten, genau zu gucken", erklärt der Umwelttoxikologe Rolf Altenburger vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

Ein Mann mit kurzen Haaren im Anzug blickt in die Kamera.
Bildrechte: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Er erforscht die Wechselwirkungen der verschiedenen Chemikalien in unserer Umwelt. In vielen Bereichen des Lebens sind Chemikalien unverzichtbar und ermöglichen uns erst unseren Lebensstandard - seien es Stoffe für Kosmetika, Reinigungsmittel, Textilien, Elektronik aber auch Autos, Flugzeuge und Co. Produkte, die mit Menschen in Kontakt kommen, werden in der Regel streng geprüft.

In Deutschland beispielsweise untersucht das Bundesinstitut für Risikobewertung die Gefahren verschiedenster Stoffe, die nah am Menschen sind. Sie empfiehlt der Politik, Grenzwerte für den Einsatz dieser Substanzen zu formulieren. Europaweit werden die Grenzwerte für toxische Substanzen regelmäßig überprüft. "Die schiere Menge an Stoffen, die schiere Diversität an Stoffen bei all den Nutzungen, all den Bequemlichkeiten, Dienstleistungen, die wir erwarten, erfordert es, dass wir genau hinschauen", sagt Umwelttoxikologe Rolf Altenburger. Er empfiehlt Verbraucher*innen, vor jedem Kauf genau zu überlegen, ob man ein bestimmtes Mittel überhaupt benötigt. Reporterin Daniela Schmidt hat ein paar Kniffe gefunden, um Schadstoffe zu verringern:

1. Die Apps, die Schadstoffe scannen

Sie hat im Haushalt angefangen: Eine gute Orientierung bieten die Apps "Scan4Chem" vom Umweltbundesamt und "CodeCheck". Scan4Chem durchleuchtet Produkte wie Möbel, Textilien und Elektrokleinstgeräte, CodeCheck ist vor allem für Kosmetika und Reinigungsmittel gedacht. Wer erst einmal Informationen über die Stoffe in seinen Alltagsprodukten hat, kann sie besser einschätzen und vielleicht auch vermeiden, so der Grundgedanke der Apps. Der Clou bei der App "Scan4Chem" vom Umweltbundesamt: Wenn Verbraucher*innen bedenkliche Substanzen finden, können sie mit nur einem Klick die Hersteller der Produkte auffordern, Auskunft über die gefährlichen Stoffe zu geben. Diese sind laut einer europäischen Verordnung zu einer Antwort verpflichtet. Je mehr Leute mitmachten und potentiell toxische Substanzen meldeten, desto eher würden sich Hersteller bereit erklären, bedenkliche Chemikalien zu vermeiden, ist Eva Becker vom Umweltbundesamt überzeugt. Sie managt den Betrieb und die Datenbank der App. Grundlage der App ist die europäische Verordnung REACH, die laut Umweltbundesamt als eines der strengsten Chemikaliengesetze der Welt gilt. Verbraucher*innen können Produkte mit möglicherweise gefährlichen Stoffen auch beim europäischen Alarmsystem RAPEX finden. Hier werden Erzeugnisse wie Spielfiguren für Kinder, elektronische Geräte, aber auch Fahrzeuge gelistet, bei denen europäische Behörden in jüngster Zeit bedenkliche Substanzen entdeckt haben.

Reporterin Daniela Schmidt sortiert mit den Apps Scan4Chem und CodeCheck ihre Wohnung vor allem im Badezimmer und im Reinigungsschrank neu und sucht bei nächsten Einkäufen nach unbedenklichen Produkten. Eine Herangehensweise, die allerdings aufwendig ist, wie sie feststellen muss.

2. Richtig lüften

Sehr einfach und effektiv dagegen ist richtiges Lüften: Es hat einen enormen Einfluss auf den Schadstoffgehalt in der Raumluft. Ob Feinstaub oder Ausgasungen aus Textilien oder Bauprodukten: regelmäßiges Stoßlüften hilft die Luft zu reinigen. Körperliche Anzeichen von schlechter Luft im Raum seien etwa Müdigkeit oder Kopfschmerzen, erklärt der Mediziner Thomas Münzel.

Ein Mann mit Brille sieht in die Kamera
Der Mediziner Thomas Münzel rät zu regelmäßigem Lüften Bildrechte: Peter Pulkowski

Sie deuteten auf zu hohe Schadstoffgehalte hin, die sich auch schlecht auf das Herz-Kreislaufsystem auswirken könnten. Mehrmals täglich alle Fenster der Wohnung mehrere Minuten lang zu öffnen, um einen guten Durchzug zu ermöglichen, sorge für bessere Raumluft. Wer allerdings an viel befahrenen Straßen lebt, sollte lieber kürzer und dafür häufiger lüften.

3. Textilien vor dem ersten Gebrauch waschen

Zeichnen sich Kleidungsstücke durch besondere Eigenschaften wie "bügelfrei" oder "knitterfrei" aus, deutet das auf einen hohen Einsatz von Chemikalien hin. Auch beim Transport der Kleidung können Chemikalien verwendet werden. Sie sollten daher vorm ersten Tragen unbedingt gewaschen werden, empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung.

4. Hausmittelchen statt Chemiekeulen

Eine Handvoll Hausmittel wie Essig, Soda, Zitronensäure und Natron können die meisten industriell gefertigten Reinigungsmittel ersetzen und sind nicht annähernd so aggressiv wie etwa klassische Rohrreiniger oder Kalkentferner. Darüberhinaus kann man richtig Bares sparen und Müll vermeiden. Den Backofen kann man beispielsweise mit einem Natron-Wassergemisch von eingebranntem Fett und Essensresten befreien. Essig und Zitronensäure dienen als Allesreiniger oder WC-Reiniger. Soda entfernt Flecken und reinigt Abflüsse.

5. Kippen gehören nicht auf die Straße

Ein Berg aus Zigaretten-Kippen liegt auf einem Spielplatz.
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Reporterin Daniela Schmidt gehört zur Fraktion der Raucher*innen. Abgesehen davon, dass Rauchen enorme direkte Schäden für den Organismus hat, wirkt es auch indirekt auf unsere Umwelt und uns: 70 Milliarden Zigaretten werden jedes Jahr in Deutschland verkauft. Circa 50 Milliarden Zigarettenstummel würden achtlos auf den Boden geworfen, schätzt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungzentrum. Weltweit landen schätzungsweise unglaubliche 4,5 Billionen Zigaretten nicht in Mülleimern. Ob in den Städten, an Meeresstränden, in Flüssen oder Seen, auf Spielplätzen, in Wäldern und Parks: Kippen sind der am häufigsten gefundene Müll weltweit, so die Weltgesundheitsorganisation. Die Filter sind aus Plastik und bauen sich extrem schlecht in der Umwelt ab. Außerdem befinden sich über 130 toxische Substanzen in den Stummeln, darunter einige krebserregende Stoffe. Sie werden ausgewaschen und landen im Boden, im Grundwasser, in Pflanzen und Tieren - und am Ende wahrscheinlich auch wieder bei uns. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein einzelner Kippenstummel reicht, um einen Liter Wasser zu verseuchen und Kleinstlebewesen wie Wasserflöhe oder Froschembryonen nachhaltig zu schädigen. Deshalb rät das Deutsche Krebsforschungszentrum: Kippen gehören in den Müll und nicht auf den Boden. Wo kein Mülleimer zur Hand ist, hilft ein Taschenaschenbecher. Reporterin Daniela Schmidt hat immer einen dabei.

6. Vorsicht mit Coffee-To-Go-Bechern aus Bambus

Auf dem Bild ist ein Coffee-to-go-Becher zu sehen.
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Sie werden als natürlich angepriesen, doch sie bestehen hauptsächlich aus so genannten Melaminharzen, denen Bambus als Füllmaterial zugeführt wird. Melaminharze sind Kunststoffe, die besonders wegen ihrer Stabilität und Festigkeit gefragt sind. Aber: Bei heißen Temperaturen können diese Harze in ihre Bestandteile - Melamin und Formaldehyd - zerfallen und vom Menschen aufgenommen werden. Formaldehyd wurde als wahrscheinlich krebserregend eingestuft und Melamin kann zu Schäden an Blasen und Nieren führen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht den Verzehr von Tee und Kaffee - üblicherweise bei einer Temperatur von 70 Grad - als gesundheitlich unbedenklich an. In die Mikrowelle sollten Verbraucher*innen die Becher aber nicht stellen und auch für heiße Suppen seien sie ungeeignet. Die Stiftung Warentest hat die Becher ebenfalls getestet und schon nach mehrmaligem Befüllen mit heißem Kaffee oder Tee Auswaschungen von Melamin und Formaldehyd feststellen können. Alternativen etwa aus Glas gelten als sicherer.

7. Backwaren nur kurz in bunt bedruckten Brötchentüten und bunten Servietten lagern

Auf dem Bild ist ein halbes Brot zu sehen, dass in einer gelb bedruckten Papiertüte vom Bäcker liegt.
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Daniela hat es oft eilig, wenn sie zur Arbeit fährt. Gern holt sie sich unterwegs ein belegtes Brötchen beim Bäcker - standardmäßig in einer bedruckten Papiertüte eingepackt und mit einer bunten Serviette dabei. Häufig kommt es vor, dass Brot, Serviette und Tüte zu einer undefinierbaren Masse zusammenpampen. Hier liegt ein mögliches Problem für Verbraucher*innen in der Druckfarbe. Bei der Herstellung von gelben, orangenen und roten Farbmitteln können Reste von so genannten "primären aromatischen Aminen" mit in die Farbe gelangen, die als Verunreinigung im Druckprozess auf den Servietten oder Tüten verbleiben und nach einer gewissen Zeit auch ins Lebensmittel übergehen können. Die primären aromatischen Amine sind als krebserregend eingestuft. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, Lebensmittel nur sehr kurz in bunten, bedruckten Tüten und Servietten aufzubewahren oder ganz darauf zu verzichten. Reporterin Daniela Schmidt greift auf Jutebeutel aus Biobaumwolle zurück. Einige Bio-Siegel wie etwa das "GOTS"-Siegel beinhalten den Verzicht dieser primären aromatischen Amine bei der Bedruckung. Alternativen können auch Edelstahl-Dosen oder Bienenwachstücher sein.

8. Plastik vermeiden

Plastik ist überall. Einerseits ist es ein extrem praktisches Material, andererseits vermüllt es den Planeten - mit der Lizenz, uns zu überleben. Mittlerweile zeigen erste Studien, dass Plastik auch seinen Weg in unseren Körper gefunden hat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat untersucht, wie kleinste Plastikpartikel in unserem Darm reagieren und gibt derzeit noch Entwarnung: Darmzellen würden die Plastikpartikel zwar aufnehmen, aber beim stetigen Erneuerungsprozess des Darms unverändert ausscheiden. Gleichzeitig weist das BfR daraufhin, dass es noch nicht genug Wissen darüber gebe. Wer sich schützen will, sollte versuchen, Plastik in seinem Alltag zu reduzieren. Tipps gibt es hier:

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