Eine junge Frau liegt mit offenen Augen im Bett.
Bildrechte: IMAGO

Schlafstörungen: Alles nur ein böser Traum? Insomnie-Patienten träumen ihre Schlaflosigkeit

Haben Sie heute Nacht gut geschlafen? Seien Sie froh. Millionen Deutsche leiden unter Störungen, bekommen zu wenig Schlaf. Zumindest glauben sie das. Denn die Realität ist manchmal anders.

von Kristin Kielon

Eine junge Frau liegt mit offenen Augen im Bett.
Bildrechte: IMAGO

Wie haben Sie letzte Nacht geschlafen? Gut? Dann können Sie sich glücklich schätzen! Eine Studie des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen belegt nämlich, dass ein Drittel der Deutschen, die in der Studie untersucht wurden, unter Schlafstörungen leidet.

Doch tatsächlich schlafen viele Menschen, die über Schlaflosigkeit klagen, nur etwas weniger als alle anderen. Und auch deren Bettpartner sagen: Die Person da neben mir hat tief und fest geschlummert. Aber woran liegt das? Das versuchen Wissenschaftler seit zwei Jahrzehnten herauszufinden. Jetzt haben Forscher erstmals eine messbare Erklärung für das Phänomen gefunden: Die Insomnie-Patienten nehmen ihre Träume offenbar so wahr, dass sie denken, sie wären wach.

Alles nur geträumt?

Schlafforscher Bernd Feige vom Universitätsklinikum Freiburg hat viele Patienten mit Schlafstörungen untersucht und dabei ist er auf ein scheinbar paradoxes Phänomen gestoßen.

Wir beobachten schon seit längerem, dass Menschen mit Insomnie – also das heißt Schlaflosigkeit – im Schlaflabor eigentlich länger schlafen als sie denken, dass sie schlafen.

Bernd Feige, Uniklinik Freiburg

Dem wollte Feige mit seinen Kollegen auf den Grund gehen und hat deshalb untersucht, "in welchen Schlafstadien sich die Menschen eigentlich wirklich als wach empfinden oder nicht empfinden."

Die Forschung weiß heute relativ viel über unseren Schlaf: In welchen Phasen er abläuft oder wann wir träumen zum Beispiel. Was sie dagegen noch nicht so genau weiß ist, wie wir unsere einzelnen Schlafphasen subjektiv empfinden. Denn wenn man das herausbekommen will, müsste man die Patienten mitten in der Nacht nach jeder Phase wecken. Genau das haben die Freiburger getan.

Jetzt haben wir in unserer Studie ganz konkret die Menschen tatsächlich aus verschiedenen Schlafstadien heraus geweckt und sie direkt gefragt, ob sie geschlafen haben oder ob sie wach waren.

Bernd Feige

Das Ergebnis: In der sogenannten REM-Schlaf-Phase - also in der Schlafphase, in der wir am intensivsten träumen - zeigte sich ein deutlicher Unterschied. In dieser Zeit ähneln unsere Hirnströme dem Wachzustand, unser Körper ist aber komplett gelähmt. Während den normalen Schläfern in der Studie klar war, dass sie geschlafen hatten, waren die Insomnie-Patienten häufig der Überzeugung, zuvor wach gewesen zu sein, erklärt Schlafforscher Feige. Haben Insomnie-Patienten also gar kein Schlaf-, sondern eher ein Traumproblem?

Wir denken schon, dass der REM-Schlaf verändert ist, weil diese Menschen eben offensichtlich diesen Schlaf anders empfinden und eher dem Wachen zuordnen.

Bernd Feige

Die Schlaflosigkeit könnte auch eine Art Albtraum sei, vermuten die Forscher. Deshalb empfehlen sie auch Methoden aus der Traumtherapie für die Behandlung von Insomnie-Patienten – ein ganz neuer therapeutischer Ansatz. So gibt es zum einen spezielle Medikamente, erklärt Feige, aber auch Psychotherapie. Dabei werden im wachen Zustand Strategien für den Umgang mit Sorgen entwickelt, die den Patienten vermeintlich wach halten.

In der Albtraumtherapie zum Beispiel: Wenn da immer ein Monster kommt, das einen dann am Ende frisst, da überlegt man sich ein alternatives Ende: Dass man zum Beispiel eine Bratpfanne rausholt und die dem Monster über den Kopf haut.

Bernd Feige

So ähnlich kann man das dann auch tagsüber mit schlechten Gedanken machen, so der Schlafforscher. Man ruft sie sich in Erinnerung und deutet sie dann praktisch um: "Okay gut, wenn ich diese Nacht zum Beispiel mal schlecht schlafe, dann kann ich dann einfach die nächste Nacht noch viel besser schlafen. Das ist dann nicht so schlimm."

Für die Patienten ist es übrigens egal, ob ihre Schlaflosigkeit objektiv messbar oder ein böser Traum ist. Mit den körperlichen und psychischen Folgen der Erkrankung müssen sie so oder so kämpfen.

Schlafen: Forschung und Versuche

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 12. September 2018 | 09:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 16:21 Uhr