Nahaufnahme der Gesichter von zwei jungen Mädchen
Zwei jugendliche Mädchen (Themen-Archivbild): Anders als bislang angenommen, bringt die Pubertät keinen Selbstwert-Knick für junge Menschen mit. Bildrechte: Colourbox

Entwicklungspsychologie Selbstwert-Knick in der Pubertät ist ein Mythos

Viele Eltern kennen das: Jugendliche in der Pubertät können echt anstrengend sein. Klar, da verändert sich ja auch einiges in Sachen Kopf und Körper. Lange hat man angenommen, dass sich auch das Selbstbild ändert – weg von der kindlichen Unbeschwertheit hin zu einer realistischeren Selbsteinschätzung. Die Folge: Ein Tiefpunkt im Selbstwertgefühl. Stimmt aber gar nicht, sagen Entwicklungspsychologen der Universität Bern. Wie kann das sein?

von Kristin Kielon

Nahaufnahme der Gesichter von zwei jungen Mädchen
Zwei jugendliche Mädchen (Themen-Archivbild): Anders als bislang angenommen, bringt die Pubertät keinen Selbstwert-Knick für junge Menschen mit. Bildrechte: Colourbox

Mehr als 300 Studien mit Daten von rund 160.000 Menschen zwischen vier und 94 Jahren: Diesen schier riesigen Datenberg hat Entwicklungspsychologie-Professor Ulrich Orth mit seinem Team in einer Metastudie analysiert. Das Ergebnis war eindeutig: Schon bei Kindern wächst das Selbstwertgefühl und es sinkt auch nicht in der Pubertät. Anders als bisher vermutet, stagniert es bloß. Dazu Orth: "Die Ergebnisse waren für uns überraschend, insbesondere im Hinblick auf die Kindheit und die frühe Jugend eben um die Pubertät herum." Hier hatten die Forscher aufgrund der bisherigen Literatur erwartet, zu finden, dass es sich "verringert und dass wir in der frühen Adoleszenz um die Pubertät herum einen Tiefpunkt finden im Selbstwertgefühl. Und das hat uns überrascht, dass das nicht der Fall ist."

Großer Knick erst später

Der große Knick kommt erst viel später: Im hohen Alter von mehr als 90 Jahren. Aber bis wir etwa 70 sind, steigt unser Selbstwertgefühl mehr oder weniger rasant an. Einige Eltern pubertierender Jugendlicher dürften angesichts dieser Analyse ungläubig die Stirn runzeln: Ihre Alltagsbeobachtung sagt nämlich etwas ganz anderes. Möglich, meint Orth. Zum einen habe er den durchschnittlichen Lebensspannenverlauf ermittelt – individuell könne es da natürlich Unterschiede geben. Insgesamt halten sich Teenager mit hohem und niedrigem Selbstwertgefühl aber die Waage. Grund für den Eltern-Eindruck könnte aber etwas anderes sein: "Nämlich die Frage: Wie sehr schwankt denn das Selbstwertgefühl von einem Tag zum anderen? Und da ist es so, das weiß man, dass fürs Teenageralter doch noch viel stärker schwankt von einem Tag zum anderen als das dann später im Erwachsenenalter der Fall ist. Und das kann natürlich auch zu der Wahrnehmung führen, dass ein Teenager ein geringes Selbstwertgefühl hat, obwohl das möglicherweise gar nicht stimmt, weil es solche Schwankungen natürlich auch bei Teenagern gibt, die grundsätzlich das Gefühl haben, dass sie so wie sie sind in Ordnung sind."

"Generation Ich" gibt es nicht

Gerade den jüngeren Generationen wurde in der Vergangenheit sogar oft unterstellt, dass sie sich selbst sogar zu in Ordnung finden, ergänzt Orth. Von einer "Generation Ich" war da sogar die Rede. Die These lautet, dass heute mehr auf die Entwicklung des individuellen Selbstwerts geachtet werde und, so Orth, "… dass so das Aufkommen von Sozialen Medien (…) und die vielen Selbstdarstellungsmöglichkeiten, die Jugendliche haben, dazu geführt haben, dass sie vielleicht selbstbezogener geworden sind, (…) aber die Daten sagen ganz klar: Das ist nicht der Fall. Es gibt keine bedeutsamen Veränderungen weder in der Höhe des Selbstwertgefühls noch im typischen Entwicklungsverlauf."

Das heißt, dass es keine "Genartion Ich" gibt, dass das Selbstwertgefühl junger Menschen sich ganz ähnlich entwickelt wie bei den Generationen davor – und das trotz Selfies und Instagram.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Juli 2018 | 08:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2018, 11:09 Uhr