Sexualforschung 70 Jahre Kinsey Report - Sex wird immer wieder neu erfunden

Vor 70 Jahren brauste ein Sturm der Empörung los, als bekannt wurde, was in US-amerikanischen Betten wirklich los war. Der Startschuss zur sexuellen Revolution hallt bis heute nach - bis an den Abendbrottisch.

Eine Lehrerin steht vor eine rTAfel. Vor ihr die Hälften eine sweiblichen Torsos. Die Lehrerin zeigt ein Kondom.
Eine Lehrerin erklärt vor einer Klasse den Einsatz von Verhütungsmitteln Bildrechte: IMAGO

Der Aufschrei des Kinsey Reports über das Sexualverhalten der Amerikaner in den 50er-Jahren ist zwar 70 Jahre her, aber längst nicht komplett verhallt. Der Stein, der am 31. Januar 1948 ins Wasser fiel, zieht bis heute Kreise: "Mama, als du dich mal hast malen lassen, hast du da deine Vulva versteckt?“ fragt der Siebenjährige beim Abendbrot zwischen zwei Löffeln Suppe. Der Sachkundeunterricht von heute lässt grüßen und damit indirekt die Ausläufer des Kinsey-Reports, dem Startschuss für die Liberalisierung der sexuellen Aufklärung.

Nicht überall wird die heutige schulische Arbeit im Bereich Sexualkunde begrüßt, wie Professor Konrad Weller von der Fachhochschule Merseburg, weiß:

Neokonservative Bewegungen versuchen neue Tabus aufzurichten, es gibt auch eine Diskussion um eine verfrühte Sexualisierung der Kinder durch die Sexualkunde in der Schule.

Prof. Konrad Weller, FH Merseburg

Ob dies tatsächlich in der Schule im Unterricht passiert? Darüber lässt sich trefflich streiten angesichts von Werbeplakaten in der Öffentlichkeit, die für Laufhäuser und Flatrate-Sex werben oder mit Models, die in extrem sexualisierten Posen werben.  

Was macht Pornographie mit der Jugend?

Nicht bestätigt hat sich die Befürchtung, dass der heute sehr einfache Zugriff auf Pornographie ganze Generationen von Jugendlichen verändert. "Die Jugendlichen sind genauso schüchtern und wild drauf wie früher, romantisch, gehen feste Beziehungen ein", so Weller, der an der FH Merseburg die Professur für Psychologie und Sexualwissenschaft inne hat. Studien der Sexualwissenschaft hätten auch gezeigt, dass Jugendliche nicht massenhaft abhängig oder süchtig werden nach Sexfilmen oder falsche Vorstellungen von sexuellem Verhalten entwickelten.

Die Rückkehr der Sensibilität

Ein Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer Frau zu sehen ist.
Bildrechte: dpa

Beobachtet hat der Wissenschaftler dagegen eine Rückkehr der Sensibilität:
"Mit der Möglichkeit, dass immer fotografiert wird und den technischen Möglichkeiten des Internets, sind wir wesentlich sensibler geworden und zurückhaltender."

Und gesellschaftlich gibt es eine deutlich stärkere Sensibilität für mögliche Missbrauchsfälle: "Wir sind viel hellhöriger geworden, wenn es um Kinder geht.“

Was wissen wir eigentlich noch nicht über Sex?

Sexualität im 21. Jahrhundert - gibt es heute überhaupt noch etwas, das wir nicht über Sex wissen? Wissenschaftler Weller sieht das anders: "Sexualität wird immer wieder neu erfunden, sie hat sich enorm pluralisiert. Aus dem guten alten Geschlechtsverkehr sind 'sexuelle Praktiken' geworden, und sexuelle Identitäten entwickeln sich in neuer Art und Weise. Insofern leben wir in einer sehr dynamischen Zeit."

Wenn Wissen stresst

Das viele Wissen über Sexualität, das inzwischen in der Bevölkerung angekommen ist, hat dem Wissenschaftler zufolge auch eine Schattenseite: "Von frühem Jugendalter an weiß man wie 'richtige' Sexualität geht. Das kann Kompetenzängste und Erwartungen fördern; wenn es zu partnerschaftlicher Sexualität kommt, Erfolgserwartungen und Druck."

Damit müssen sich dann später vielleicht die Sexualberater auseinandersetzen. In deren Praxen sind sexuelle Klagen seit Beginn des Internetzeitalters nicht mehr geworden, sagt Weller. Die Problematik habe sich verschoben, anstelle der chronischen Funktionsstörungen sind die Luststörungen getreten.

Was war der Kinsey-Report? Für den Report ließ Alfred Kinsey zunächst nur Männer, 1953 dann auch Frauen in den USA zu ihrem Sexualverhalten befragen. So kamen Dinge ans Licht, über die bislang geschwiegen oder die wissentlich übersehen wurden: Daten unters Fremdgehen, über Masturbation, bi-, oder homosexuelle Neigungen, Sex zwischen Menschen verschiedenen Ethnien, und Neigungen zu Sadomasochismus.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Leichter lieben Latenight | 04. Dezember 2017 | 00:10 Uhr