Zeit für Utopien Solidarische Landwirtschaft – ein Konzept für die Zukunft?

Am 19. April startet "Zeit für Utopien“ in ausgewählten deutschen Kinos. Ein Dokumentarfilm, der nachhaltige Ideen wie die solidarische Landwirtschaft in den Fokus rückt. Regional und fair werden dabei von Verbrauchsgemeinschaften Gemüse, Obst und mehr angebaut. Ein zukunftsfähiges Konzept?

Filmszene aus dem Film 'Zeit der Utopien'.
Petra Wähning erzählt in "Zeit für Utopien", warum sie sich für solidarische Landwirtschaft einsetzt. Bildrechte: Langbein & Partner Media

Wie wäre es Kartoffeln, Möhren und Tomaten nicht im Supermarkt zu kaufen, sondern auf dem eigenen Feld zu ernten? Regional angebaut, fair produziert und bestenfalls auch noch bio. Für immer mehr Menschen ist das nicht nur eine schöne Idee, sondern Realität. Das Stichwort lautet: solidarische Landwirtschaft. Dahinter verbirgt sich eine Reihe vielfältiger Gemeinschaftsinitiativen, deren Ziel eine nachhaltige Versorgung mit Lebensmitteln ist.

Gemeinsam nachhaltig wirtschaften

Filmszene aus dem Film 'Zeit der Utopien'.
Filmszene aus "Zeit für Utopien". Bildrechte: Langbein & Partner Media

Projekte der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) finden sich nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Nähe größerer Städte wie z.B. Dresden, Erfurt, Halle oder Leipzig. Beim deutschlandweiten Netzwerk "Solidarische Landwirtschaft" sind derzeit knapp 180 verschiedene SoLaWi-Betriebe registriert. Fast 20 davon befinden sich in Mitteldeutschland. Tendenz steigend. Die solidarische Landwirtschaft beschränkt sich dabei nicht auf gemeinschaftlich bewirtschaftete Felder, auf denen eine kleine Gruppe von Verbrauchern Gemüse und Kräuter für den eigenen Bedarf anbaut.

Viele Initiativen unterstützen ganze landwirtschaftliche oder gärtnerische Betriebe. Die Mitglieder zahlen hierfür einen festgelegten Jahres- oder Monatsbetrag, der die anfallenden Kosten des jeweiligen Betriebes deckt. Gleichzeitig verpflichten sich die Mitglieder mit dem Betrag die Erzeugnisse, wie Eier, Gemüse, Fleisch und Käse, abzunehmen. Während den Bauern hierdurch Planungssicherheit garantiert wird, erhalten die Unterstützer Lebensmittel aus regionalem und nachhaltigen Anbau.

SoLaWi der ersten Stunde

Auch Petra Wähning ist von der solidarischen Landwirtschaft begeistert. Sie ist eine der Protagonistinnen des Dokumentarfilms "Zeit für Utopien". Gemeinsam mit Freunden gründete sie 2012 eine Genussgemeinschaft, um die Käserei eines Bio-Bauernhofes wieder auf den neuesten Stand der Technik zu bringen – und damit zu retten. Hierfür zahlten die Mitglieder der Gemeinschaft jeweils 500 Euro. Im Gegenzug erhielten sie "Genussrechte" an den Produkten. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Doch schon vor der Gründung der Genussgemeinschaft war Wähning, die eigentlich aus der Werbebranche kommt, angetan von nachhaltigen Konzepten wie der solidarischen Landwirtschaft.

Mittlerweile engagiert sich Wähning weit über die Genussgemeinschaft hinaus. Gemeinsam mit neun anderen bewirtschaftet sie in der Nähe von München ein eigenes Feld. Für den Dokumentarfilm "Zeit für Utopien" reiste sie nach Südkorea, um sich solidarische Landwirtschaft im großen zu Stil anzusehen. Während in Deutschland die meisten SoLaWi-Projekte von kleineren Gemeinschaften betrieben werden, versorgt hier die Genossenschaft "Hansalim" rund 1,5 Millionen Menschen mit regionalen Lebenmitteln in Bio-Qualität.

Wäre dies auch in Deutschland umsetzbar? Für die Slow-Food-Aktivistin ist das auf jeden Fall denkbar. Allerdings findet sie es gut, dass momentan die deutschen SoLaWi-Projekte eher klein sind. "Ich seh das wie Experimentierlabore, wo eben über Alternativen nicht nur nachgedacht wird, sondern wo Alternativen gelebt werden. Und das geht natürlich nicht auf den ersten Schlag gut", erklärt Wähning.

Ein Konzept für die Zukunft?

Porträtaufnahme eines Mannes mit schwarzen Haaren vor einer Bergkulisse.
Markus Egermann koordiniert das Forschugnsprojekt TURN. Bildrechte: Markus Egermann

Auch für die Wissenschaftler des Leibnitz Instituts für ökologische Raumentwicklung in Dresden ist die solidarische Landwirtschaft ein interessantes Konzept. Mit "TURN" versuchen sie derzeit ein dreijähriges Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen. "Sie ist, was die landwirtschaftliche Produktion angeht, natürlich in einer Nische. Hat aber verschiedene Eigenschaften, die für uns interessant sind. Wo wir glauben, das könnte zukunftsweisend sein," sagt Projektkoordinator Markus Egermann.

Besonders interessant sei dabei, dass es SoLaWis nicht darum geht, immer größer zu werden. Das Unternehmenswachstum ist begrenzt. Hinzu kommen eine umweltfreundliche Produktion, kurze Transportwege und vergemeinschaftete Betriebskosten. Hierdurch würden Risiko und Verantwortung geteilt. "Am Ende wird sozusagen nicht über den Preis eines Produktes am Markt Geld wieder reingeholt, sondern es erfolgt über diese Vorfinanzierung", erklärt Egermann. Er und Kollegen wollen im Labor und unter Realbedingungen herausfinden, ob und vor allem wie sich das Konzept der solidarischen Landwirtschaft auf den urbanen Raum und andere Wirtschaftsbereiche, beispielsweise im Dienstleistungssektor, übertragen lässt.

Schritte zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft

Noch ist Gruppe um Egermann mit dem Schreiben von Forschungsanträgen beschäftigen. Doch fest steht schon jetzt, dass die solidarische Landwirtschaft ein zukunftsfähiges Konzept für Deutschland sein kann – zumindest, wenn bestimmte Weichen gestellt werden. Laut den Ergebnissen des vorangenganen ARTS-Projekts des Leibnitz Institutes müssten hierfür vor allem die Rahmenbedingungen verbessert werden.

Ein wichtiger Schritte in Richtung einer nachhaltigeren Landwirtschaft wäre demnach, die ökologische Produktion als Standard zu definieren und landwirtschaftschaftliche Betriebe an den ökologischen Folgekosten beteiligen. Beispielsweise in Form einer Abgabe für Spritz- und Düngemittel. Aber auch die Möglichkeit überhaupt an landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu kommen, müsste verbessert werden. Denn das sei für viele SoLaWis eine der größten Schwierigkeiten.

Informationen zum Film: Der Dokumentarfilm "Zeit für Utopien" startet ab dem 19. April 2018 in ausgewählten Kinos. Regie führte der Österreicher Kurt Langbein. Neben Projekten aus dem Bereich der solidarischen Landwirtschaft zeigt der Film auch ein energiesparendes Wohnprojekt in der Schweiz und begleitet die Fairphone-Gründer. Sie haben ein fair und ökologisch nachhaltig produziertes Smartphone entwickelt.

"Zeit für Utopien" läuft unter anderem im Passage Kino Leipzig und im Puschkino in Halle.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN artour | 12. April 2018 | 22:05 Uhr