Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
AntwortenVideosPodcastBildungKontakt
Für den Montagmorgen nach der Zeitumstellung lieber keine wichtigen Termine einplanen: Viele Menschen werden da wohl eher müde sein auf der Arbeit oder im Unterricht. Bildrechte: imago/photothek

Wie ticken wir?Wie die Sommerzeit auf die inneren Uhren wirkt

von Albrecht Wagner

Stand: 25. März 2019, 17:27 Uhr

Im Frühjahr wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt: Die Sommerzeit. Sie spart weniger Energie als erhofft, verursacht umgekehrt für Bahn & Co. hohen Aufwand. Schadet sie auch unserer Gesundheit?

Eine schwere Klausur würde Professor Ingo Fietze am kommenden Montag früh um 7 Uhr nicht ansetzen, auch kein kompliziertes Experiment oder eine besonders knifflige Arbeit. Ansonsten gibt der Schlafmediziner und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité aber Entwarnung. Die Zeitumstellung ist wie ein Jetlag bei einer Stunde Zeitverschiebung, ein bisschen unangenehm aber verkraftbar:

Bildrechte: Illing & Vossbeck Fotografie

Ich würde vehement widersprechen, aus der Zeitumstellung ein Drama zu machen, insofern, als dass sie tatsächlich zu psychischen Störungen führt oder zu gravierenden somatischen Störungen wie beispielsweise Kopfschmerzen, Schmerzen, Schlafstörungen und so weiter.

Ingo Fietz, Schlafmedizinisches Zentrum, Berliner Charité

Leichte Probleme können Menschen bekommen, die ohnehin schlecht schlafen oder einen empfindlichen Magen oder Kreislauf haben. Aber am Dienstag danach, spätestens am Mittwoch hat sich der Körper eingestellt. Unsere innere Uhr ist es gewohnt, dass wir sie immer mal aus dem Takt bringen, denn genau genommen tun wir das jedes Wochenende. "Wir verschieben nämlich unsere Bettzeit immer um ein oder zwei Stunden vom Wochenende zur Woche, und damit hat der Körper auch schon zu tun", sagt Fietze.

Zeitumstellung belastet Frauen stärker als Männer und Familien am meistenIm Auftrag der Kaufmännischen Krankenkassen fand das Umfrage-Institut Forsa heraus, unter der Zeitumstellung leiden Frauen deutlich häufiger (39 Prozent) als Männer (23 Prozent). Familien mit Kindern haben noch stärker an der Zeitumstellung zu knapsen: 47 Prozent aller Haushalte mit Kindern bis 12 Jahren geben an, dass die Kinder durch die Umstellung schlechter einschlafen und morgens mehr Probleme beim Aufstehen haben.

Sommerzeit nicht sinnvoll

Dass der Körper die Sommerzeitumstellung verkraften kann heißt für Schlafmediziner Fietze allerdings nicht, dass sie auch sinnvoll oder gesund ist. Sinnvoll und gesund im Sinne der modernen Schlafmedizin ist, was der inneren Uhr des Menschen entspricht. Die tickt bei jedem ein bisschen anders, mal 24,2 Stunden für einen Tag, mal nur 23,8. In den richtigen Rhythmus bringen uns ganz simpel Tag und Nacht.

Das ist in der Schlafmedizin sehr entscheidend, weil Licht und Dunkel tatsächlich unsere innere Uhr triggert und jeden Tag neu auf 24 Stunden einstellt, obwohl sie eigentlich ein bisschen länger oder ein bisschen kürzer ticken möchte.

Ingo Fietz, Schlafmedizinisches Zentrum, Berliner Charité

Im Grunde ist die Zeitumstellung nicht schlimmer, als ein kleiner Jetlag. Bildrechte: IMAGO

Genau genommen sind es ganz viele innere Uhren. Die eine innere Uhr im Gehirn, die man sich allgemein vorstellt, ist für die moderne Wissenschaft überholt. Sie ist Teil eines viel komplexeren Systems, das unseren ganzen Körper durchzieht. "Jedes Organ, aber sogar jede Zelle tickt in diesem 24-Stunden-Rhythmus. Es gibt also eigentlich in jeder Zelle eine innere Uhr, einen Generator, der die Zelle in einem 24-Stunden-Rhythmus laufen lässt", erklärt Fietze.

All das hat die Natur eingerichtet, Millionen Jahre vor der Erfindung von Lichtschaltern und Weckern. Natürlich ist es ein Fortschritt, dass der Mensch heute seine Zeiten selbst bestimmen kann. Aber, sagt Schlafforscher Fietze mit Blick auf die Sommerzeit: "Es macht schon Sinn, dass die Natur langsam von Tag zu Tag den Tag länger werden lässt und die Nacht kürzer. Dabei sollte man es belassen und nicht künstliche Sprünge von einer Stunde einbauen."

Klares Votum gegen die Sommerzeit

Dass das EU-Parlament die Sommerzeit jetzt überprüfen und eventuell abschaffen will, begrüßt Schlafmediziner Fietze. Am liebsten würde er die zeitigen Schulanfangszeiten gleich mit abschaffen, denn sie gehen auch gegen den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus.

Für den Start in den ersten Sommerzeit-Montag hat er ganz einfache Tipps: Die Zeitverschiebung möglichst schon Sonntag ausgleichen. "Ich gehe eher ins Bett und versuche, am Tag keinen Mittagsschlaf zu machen, damit ich am frühen Sonntagabend schön müde bin. Dann komme ich nachts auf meine acht oder neun Stunden Schlaf, so müsste ich eigentlich erholt in den nächsten Tag starten können."

Und wenn möglich: Montag früh nicht gleich mit einem schwierigen Termin beginnen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 24. März 2018 | 08:37 Uhr