Sporttherapie Sport gegen Depressionen – Wie Bewegung Betroffenen helfen kann

Rund fünf Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen. Dieses Krankheitsbild kann viele Symptome haben: negative Gefühle, Antriebslosigkeit, Zwangsgedanken. Sport kann als Therapiezusatz Leiden verringern und Betroffenen Struktur bieten. Das liegt auch daran, dass Sport positiv auf die Nervenzellen im Gehirn wirkt.

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Sport statt Pille Vorschaubild Bildrechte: MDR WISSEN/Panthermedia

Wer regelmäßig in Bewegung ist, lebt fit und gesund. Doch warum ist Sport eigentlich so effektiv? Was passiert im Körper, wenn wir auf Hochtouren laufen? Warum fühlen wir uns in Bewegung besser?

MDR Wissen So 15.08.2021 22:20Uhr 44:44 min

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Depressionen verändern das Gehirn

Depressionen zeigen sich auf unterschiedliche Weise im Gehirn. Einerseits können bei Patientinnen und Patienten Überaktivitäten im präfrontalen Kortex festgestellt werden. Das ist der Bereich des Gehirns, dem das bewusste Verarbeiten und Steuern von Verhalten zugeschrieben wird. "Im Ruhezustand, wenn wir nicht gerade unsere kognitive Leistung beanspruchen, sollte es so sein, dass wir dort wenig Aktivität haben. Aber wir sehen bei depressiven Menschen durch eine verstärkte Verarbeitung von bestimmten Situationen mehr Aktivität im Ruhezustand", erklärt der Neurologe Sebastian Ludyga von der Universität Basel. Grübelei, negative Gedankenkreise, Angst- oder Zwangsgedanken – das können Merkmale dieser Überaktivität im Hirn bei Betroffenen sein. Ein anderes Anzeichen von Depressionen im Gehirn ist die geringere Neuroplastizität: Die Strukturen und Netzwerke im Gehirn reagieren auf Veränderungen ein Leben lang, indem sie sich neu formieren und anders organisieren. Diese Fähigkeit scheint bei Menschen mit Depressionen geringer zu sein, wie eine aktuelle Forschung der Ruhr-Uni Bochum zeigt.

Sport als Therapie

Sport kann im Gehirn an beiden Stellen ansetzen und Symptome lindern: So beansprucht Bewegung andere Teile des Gehirns und verlagert die neuronale Aktivität vom präfrontalen Kortex in den primären Motorcortex – das Bewegungszentrum. Durch die veränderte Hirnaktivität kann Sport sprichwörtlich helfen, negative Gedanken aus dem Gehirn zu verdrängen. An der Uni Basel wird diese Wirkung des Sports mit ca. 300 Probandinnen und Probanden erforscht, die an Depressionen leiden. Eine Gruppe erhält eine Sporttherapie, in der sie sich täglich auf unterschiedliche Weise bewegen sollen und regelmäßige Auswertungen sowie Kontakt zu ihren Sporttherapeuten haben. Das verschafft den Betroffenen auch eine Tagesstruktur, die Patientinnen und Patienten ebenfalls entscheidend helfen kann. Die Kontrollgruppe der Studie wird ohne Sport begleitet: "Es gibt Studien, die belegen, dass für Patienten mit depressiven Störungen körperliche Aktivität gleich sein kann wie eine Behandlung mit Antidepressiva", erklärt Studienleiter Markus Gerber. Sport könne psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungen ergänzen – ersetzen sollte Sport die Therapie allerdings nicht, schränkt der Professor für Sport und psychische Gesundheit ein.

An der Ruhr-Uni Bochum hat jüngst eine Studie gezeigt, dass Sport die Neuroplastizität, also die Veränderungsbereitschaft im Gehirn bei depressiven Menschen erhöhen und klinische Symptome von Depressionen mindern kann: In der Studie wurden 41 Betroffene in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen eine ein mehrwöchiges Bewegungsprogramm absolvierte. Die andere Gruppe blieb bewegungslos. Vor und nach dem Studienprogramm wurden die Probandinnen und Probanden auf ihre depressiven Symptome hin untersucht. "Je mehr die Veränderungsbereitschaft anstieg, desto deutlicher rückläufig waren die klinischen Symptome", beschreibt Karin Rosenkranz die Studienergebnisse. Bei der Gruppe, die am Kontrollprogramm teilgenommen hatte, waren diese Veränderungen nicht so ausgeprägt. "Das zeigt, dass es einen Effekt von körperlicher Aktivität auf Symptome und Veränderungsbereitschaft des Gehirns gibt. Inwiefern die Veränderung der Symptome und die Veränderbarkeit des Gehirns kausal miteinander verknüpft sind, können wir aus diesen Daten nicht beantworten", schränkt die Medizinerin ein. "Es ist bekannt, dass körperliche Aktivität dem Gehirn guttut, da sie zum Beispiel die Neubildung von Verbindungen bei Nervenzellen fördert. Dies könnte durchaus auch hier eine Rolle spielen."

Link zur Studie

Die Studie "Physical activity reduces clinical symptoms and restores neuroplasticity in major depression" erschien am 09. Juni 2021 in Frontiers in Psychiatry

DOI: 10.3389/fpsyt.2021.660642

Therapien mit Sport könnten auch die Wartezeiten für Psychotherapien überbrücken. Aktuell müssen Betroffene teilweise monatelang warten, bis sie einen freien Therapieplatz erhalten. Sporttherapien dagegen seien einfacher und schneller zu bekommen, erklärt der Sport- und Gesundheitswissenschaftler Andreas Heißel von der Uni Potsdam. Denn es gebe ein bundesweit großes Netz an Gesundheitssportvereinen, Physiotherapiepraxen oder Reha-Kursen. Heißel forscht in einer aktuellen Studie ebenfalls zur Wirkung von Sport auf psychische Erkrankungen und wird dabei von Krankenkassen unterstützt. Wenn die Studie Erfolg zeigt, könnte das Modell "Sporttherapie gegen Depressionen" bei den Krankenkassen als zusätzliche Therapie anerkannt werden und mehr Menschen könnten bei ihren Leiden unterstützt werden.

mh