Videochat statt Wartezimmer Sprechstunde im Netz

Statt im überfüllten Wartezimmer zu sitzen, einfach ganz entspannt von zuhause aus mit dem Arzt reden – via Videosprechstunde von der gemütlichen Couch aus? Das war bisher gar nicht so einfach und das wo es doch heute technisch überhaupt kein Problem mehr ist. Doch der rechtliche Rahmen war bisher sehr eng. Ein Arzt konnte eine Videosprechstunde nur ergänzend und auch nur unter bestimmten Bedingungen anbieten, doch genau das könnte sich jetzt ändern.

Mit dem Smartphone holt sich diese Patientin ihren Arzt direkt ins Wohnzimmer
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Claudia Groß aus dem Jenaer Umland ist 75 Jahre alt. Vor ein paar Wochen wird sie mit einem offenen Oberschenkel in die Praxis für Venenerkrankung in Jena eingeliefert. Die Ärzte diagnostizieren eine venöse Störung, ziehen bereits am nächsten Tag die Krampfadern, entfernen abgestorbenes Gewebe und versorgen die Wunde. Doch wie soll die Nachsorge verlaufen? Claudia Groß ist schlecht zu Fuß und die Anreise zur Praxis beschwerlich. Die Patientin hat Glück. Ihre Ärztin Christine Zollmann ist Pionierin auf dem Gebiet der Videosprechstunde, hat dafür mit ihrem Ehemann sogar eine eigene Firma gegründet. Claudia Groß bekommt Nachsorgetermine, eine Internetadresse und einen Code. Mit dem kann sie sich zu den jeweiligen Terminen über ihr I-Pad online einloggen und ist dann über eine direkte und verschlüsselte Verbindung mit ihrer Ärztin verbunden. Alle zwei Wochen kontrolliert diese die Wundheilung und spricht mit Claudia Groß über weitere Beschwerden. Mittlerweile ist die Nachsorge abgeschlossen.

Was so einfach klingt, ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit, es gibt mittlerweile zwar neun zertifizierte Plattformen für Videosprechstunden im medizinischen Bereich, die Nutzerzahlen sind aber verschwindend gering. Offizielle Angaben gibt es nicht, doch eine Anfrage an alle neun Anbieter ergibt: Nur ca. 400 Ärzte in Deutschland bieten Videosprechstunden an. Das sind nicht einmal 1%. Zu wenig für die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin. Die Vereinigung setzt sich für die Förderung und Verbreitung innovativer Lösungen und Produkte in der Medizin ein. Hier sieht man drei große Problemfelder: Den rechtlichen Rahmen, die Abrechnungssituation und die allgemeinen Umständen.

Videosprechstunden bringen keine Zeitersparnis

Generell hat ein Arzt natürlich nur eine bestimmte Zeit, in der er arbeiten kann. Ob er den Patient dabei im Sprechzimmer empfängt oder über Videochat mit ihm redet, macht kaum einen Unterschied. Joseph Mischo von der Bundesärztekammer gibt sogar zu bedenken, dass Videosprechstunden oft mehr Zeit in Anspruch nehmen, weil es länger dauert mit dem Patienten alle Fragen zu klären.

Josef Mischo ist Vorsitzender einer Projektgruppe von Juristen, Datenschutzexperten, IT-Experten und Ärzten, die die Rahmenbedingungen von Fernbehandlungen festlegen soll.
Josef Mischo ist Vorsitzender einer Projektgruppe von Juristen, Datenschutzexperten, IT-Experten und Ärzten, die die Rahmenbedingungen von Fernbehandlungen festlegen soll. Bildrechte: Bundesärztekammer

Ich sehe aber Chancen, dass wir Ärzte, die gerade erst in Rente gegangen sind oder junge Ärzte, die wegen kleiner Kinder sagen, ich kann nicht nachmittags in die Sprechstunde gehen, aber abends kann ich mich mal zwei Stunden an den Computer setzen, dass wir hier ärztliche Arbeitskraft gewinnen, die wir mit den derzeitigen Arbeitsmodellen nicht ermöglichen können.

In Zeiten des Ärztemangels – vor allem in den ländlichen Regionen – werden flexiblere Modelle dringend notwendig. Doch nicht jeder Arzt ist von der neuen Technik begeistert. Viele müssten ihren Praxisalltag umstellen, fürchten einen hohen technischen Aufwand und Investitionen in Soft- und Hardware. Dabei sind die meisten Plattformen für Videosprechstunden browserbasiert – das bedeutet, sowohl Arzt als auch Patient brauchen nicht mehr als einen Rechner, Laptop, Tablet oder Smartphone mit stabiler Internetverbindung, einer Webcam und einem Mikrofon.

Videosprechstunden sind für Ärzte bisher nicht lukrativ

Selbst wenn Ärzte sich mit diesen allgemeinen Umständen arrangiert haben, lassen sich Videosprechstunden immernoch schwierig abrechnen. Seit vergangenem Jahr gibt es zwar eine Vergütungsregelung und dazugehörige Abrechnungsziffern für Videosprechstunden, doch die einzelnen Beträge sind nicht lukrativ. So kann ein Arzt für eine Videosprechstunde nur 9,38 Euro abrechnen (Im Vergleich dazu sind es für die gleiche Zeit bei einem persönlichen Patientenkontakt über 20 Euro). Zusätzlich darf der Arzt pro Quartal maximal 200 Euro Technikpauschale abrechnen. Dem gegenüber stehen aber unter anderem die Kosten für die einmalige Anschaffung von technischen Geräten (Zum Beipsiel Webcam und Mikrofon) und die zertifizierten Portale für Videosprechstunden. Diese bieten ihre Dienste zur Zeit für 29-69 Euro im Monat an.

Natürlich sind Videosprechstunden so nicht lukrativ für die Ärzte, wir hätten uns da auch mehr erhofft. Aber jetzt sehen wir es erst einmal als Einstieg und dann muss es da mit Sicherheit noch Nachbesserungen geben.

Roland Stahl, Kassenärztliche Bundesvereinigung

Den Arzt einfach mit dem Smartphone konsultieren
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Erstdiagnosen sind bisher nicht erlaubt

Nach dem E-Health-Gesetz dürfen Ärzte bestimmter Fachrichtungen außerdem seit dem 1. April 2017 Videosprechstunden anbieten und abrechnen – bisher jedoch ausschließlich zur Verlaufskontrolle bestimmter Krankheitsbilder. Das heißt, dass der Patient wegen der Erkrankung, wegen der er den Arzt per Video konsultiert, bereits in der regulären Sprechstunde gewesen sein muss. Zu den Krankheitsbildern zählen die visuelle Verlaufskontrolle von Operationswunden, Bewegungseinschränkungen und -störungen des Stütz- und Bewegungsapparates sowie die Kontrolle von Hautkrankheiten, einschließlich der diesbezüglichen Beratung.

Diese Einschränkungen sollen jedoch bald der Vergangenheit angehören. Der Bundesärztetag änderte bereits im Mai seine Berufsordnung und ebnete damit den Weg dafür, Patienten ausschließlich via Videosprechstunden zu behandeln. Diese Änderung muss allerdings noch von den Landesärztekammern übernommen werden und dann müssen die jeweiligen Landesgesundheitsministerien zustimmen. In Sachsen ist zumindest der erste Schritt schon erfolgt, jetzt folgte auch Sachsen-Anhalt (?), in Thüringen kommt die Landesärztekammer erst wieder im Oktober zusammen. Auch beim E-Health-Gesetz soll es Nachbesserungen geben, so kündigte das Bundesgesundheitsministerium für die laufende Legislaturperiode ein E-Health-Gesetz II an.