Junge Frau mit Migräne
Bildrechte: imago/allOver

Medizin Im Test: Eine Spritze gegen Migräne

Migräne ist eine neurologische Krankheit, die nicht heilbar ist. Und Medikamente schaffen kaum Abhilfe. Bisher. Denn nun macht ein neuer Antikörper Hoffnung. Zu recht?

von Anne Sailer

Junge Frau mit Migräne
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Rund 13 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Migräne, nur die Hälfte von ihnen weiß davon – denn in etlichen Fällen tritt die Migräne nur selten und eher kurz auf. Schwer Betroffene berichten von geradezu unzumutbaren Schmerzen, die sie bis zu 20 Tagen im Monat überwältigen. Nun können diese Menschen möglicherweise auf Erlösung von ihren Schmerzen hoffen. Ein bereits in den USA zugelassener Antikörper soll im Herbst auch in Deutschland als Medikament zugelassen werden. Experten sprechen von einer Therapie-Revolution.

Schmerzen, Schwindel, Übelkeit

Migränepatienten kennen es: Ein pulsierender, pochender Schmerz setzt sie regelrecht außer Gefecht. Sie werden, licht-, geräusch- und geruchsempfindlich. Bis zu 72 Stunden lang quälen sie Schmerzen, Schwindel, Übelkeit. Eine Patientin erzählt:

Das fühlt sich wirklich an wie eine Panik, das steigt der bohrende Schmerz am Hinterkopf nach oben, das führt dazu, dass ich mich nur noch hinlegen kann, und versuchen kann, zu schlafen.

Katja Lange, Migränepatientin WDR, Aktuelle Stunde

Die 50-jährige Patientin wird im Kopfschmerzzentrum der Universität Essen behandelt, dem größten der Bundesrepublik. Sie wird Teilnehmerin einer internationalen Studie, bei der ein Antikörper namens Erenumab getestet wurde. In den USA ist er bereits unter dem Markennamen Aimovig zugelassen. Der synthetische Antikörper ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung.

Bereits in den 1980er-Jahren war klar: Ein Hormonbotenstoff namens CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide) löst die Kopfschmerzattacken aus und zwar im ältesten Teil des Gehirns, dem Hirnstamm. Alle Versuche, es zu blockieren, scheiterten bisher. Der neue synthetische Antikörper nun scheint das Botenstoff- Molekül CGRP zu stoppen, wie die ärztliche Leiterin des Kopfschmerzzentrums Essen Dagny Holle-Lee dem WDR sagte:

Da ist ein Molekül, was an den Hirnhäuten andockt, um bestimmte Blutgefäße weit zu stellen und zusätzlich hier Entzündungsreaktionen auszulösen und dieser Prozess führt zum eigentlichen Migräneschmerz. Der Antikörper dockt an und dadurch wird die Migräne bekämpft.

Dagny Holle-Lee, Kopfschmerzzentrum Essen

Eine Lösung für alle? Gegenüber MDR Wissen schränkt Dagny Holle-Lee ein: Nicht alle Patienten reagieren auf den fast nebenwirkungsfreien Antikörper, etwa 20 Prozent gar nicht und andere wiederum eher moderat. Dennoch sei der therapeutische Fortschritt enorm, denn: Migräne wird bisher mit Medikamenten behandelt, die für andere Krankheiten zugelassen sind, Antidepressiva beispielsweise oder Mittel gegen Epilepsie. Auch deshalb ist Aimovig ein Riesenschritt, allerdings auch mit den üblichen "Nebenwirkungen" neuer Medikamente, so Holle-Lee:

Das wird ein neues, teures Medikament sein, erst für die, die nicht auf die herkömmlichen Medikamente ansprechen. Kommt erst einmal den besonders schweren Fällen zu Gute. Aber auch bald der breiten Masse.

Dagny Holle-Lee

Noch arbeiten die Europäischen Zulassungsbehörden und die Krankenkassen verhandeln mit der Entwicklerfirma. Die hat zugesagt, das Medikament bis spätestens im Frühjahr in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Wird dann ein Zusatznutzen nachgewiesen, ist das Medikament bald sogar für jeden Patienten per Rezept zu haben. Einmal im Monat können diese sich dann selbst eine Spritze gegen die Migräne verabreichen. So wie bei Katja Lange, deren Migräneattacken sich von 15 auf zwei pro Monat verringert haben.

Dennoch, so die Ärztliche Leiterin des Essener Kopfschmerzzentrums, bleibe der Hauptbestandteil der Migräne-Therapie die Lebensweise: Ausdauersport, Entspannungstechniken, ein geregelter Lebensrhythmus und Stressabbau gehörten einfach mit dazu.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 31. Juli 2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 12:51 Uhr