Nahtod
Bildrechte: Coloubox/mdr.de

Hoffnung für Schlaganfallpatienten Erforscht: Was passiert kurz vor dem Tod im Körper?

Eine Riesenwelle im Gehirn - die haben wir nicht im Augenblick des größten Schreckens oder des größten Glücks, sondern ganz am Ende, wenn das Gehirn schon nicht mehr vom Körper versorgt wird. Zu dieser Erkenntnis sind amerikanische und deutsche Forscher gelangt. Was sie herausgefunden haben, kann langfristig beispielsweise Schlaganfallpatienten helfen.

von Uwe Jahn

Nahtod
Bildrechte: Coloubox/mdr.de

Es gibt sie, die Ruhe vor dem Sturm, auch in unserem Gehirn, wenn das Leben zu Ende geht. Bekommen die Zellen keinen Sauerstoff mehr, stellen sie innerhalb von etwa 30 Sekunden ihre neurobiologischen Aktivitäten ein. So ein Forschungsergebnis des deutschen Mediziners Professor Jens Dreier von der Charité in Berlin:

Wenn man jetzt so elektronische Aktivität aufzeichnet, entsteht ein Zustand der Stille. Ob das dann eine tatsächliche, eine echte Stille ist, kann man nur sehr schwer sagen. Das ist wie gesagt kein normaler Prozess. Und die Zellen befinden sich aber in einem prinzipiell aktivierbaren Zustand.

Professor Jens Dreier

Das heißt, zunächst ist es für eine Wiederbelebung noch nicht zu spät. Erst danach setzt eine neurobiologische Welle ein, die auch als eine Art Tsunami beschrieben wird. Dabei lösen die Zellen ihre gespeicherten Energiereserven auf. Die intensiven Empfindungen, von denen Patienten mit Nahtoderfahrungen berichten, könnten auf genau diesen Moment zurückgehen:

Also das Entscheidende ist, dass es nach einem gewissen Zeitraum, der so bei zwei, drei Minuten liegt, eine Entladungswelle gibt, die sich vermutlich mit 3 mm pro Minute in der Hirnrinde und anderen Strukturen des Gehirns ausbreitet.

Professor Jens Dreier

Diese Entladungswelle ist mit keinem anderen Prozess vergleichbar. Sie ist der Anfang vom Ende: Mit der Welle beginnt ein Vergiftungsprozess, an dessen Ende die Zellen verloren sind. Da diese Welle sich nur schleppend ausbreitet, vollzieht sich das Sterben vielleicht langsamer als bisher gedacht.

Die Welle ist nicht der Tod an sich. Also wenn die Welle auftritt, heißt das nur, dass jetzt in dem Moment die Prozesse einsetzen, die für die Zelle extrem giftig sind. Jetzt beginnt die Uhr zu laufen und die Zelle geht langsam in einen Zustand rein, wo sie immer stärker geschädigt ist, und ich muss versuchen, sie daraus zu bringen. Dafür bleibt mir eine gewisse Zeit.

Professor Jens Dreier

Gerade diese Erkenntnis markiert den Anfangspunkt, um Patienten mit Schlaganfall oder Schädelhirntrauma vor Langzeitschäden zu schützen, sagt der Mediziner: Künftige Forschung wird darauf zielen, diese Veränderungen zu beeinflussen, so dass es nicht zu den Vergiftungsprozessen in den Gehirnzellen kommt, wenn der Körper zwar aufgehört hat, sie zu versorgen, der Patient aber dennoch zu retten ist. Eine andere Folgerung betrifft Menschen, die sterben müssen:

Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, dass so lange es noch solche Prozesse im Gehirn gibt, wo Zellen noch aktivierbar sind, wo sie sich entladen können, dass man einen Menschen, der jetzt verstirbt, in dieser Phase friedlich sterben lässt.

Professor Jens Dreier

Und das braucht Zeit. Erst dann kann man vielleicht von der Ruhe nach dem Sturm sprechen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. März 2018 | 15:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018, 18:41 Uhr