Debatte über Arbeitszeit Sind Arbeitswochen über 40 Stunden gefährlich?

Der Vorschlag des BDI-Präsidenten die Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden zu verlängern, um den Fachkräftemangel zu begegnen, hat eine Debatte entfacht. Wie gesund ist es, mehr zu arbeiten? Kann der Fachkräftemangel nicht im Gegenteil mit einer Vier-Tage-Woche viel besser bekämpft werden? MDR WISSEN sprach mit Professor Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Lehrerin sitzt alleine in einem Klassenraum
In Deutschland werden viele Überstunden in vielen Branchen gemacht. Bildrechte: IMAGO / photothek

Professor Windemuth, stimmt es wirklich, dass – so wie von der IG Metall behauptet – nach acht Stunden Arbeit die Unfallgefahr steigt?

Ja, das ist tatsächlich so richtig. Es ist auch mehrfach belegt, die erste Studie dazu gab es bereits vor etwa 20 Jahren: Wer länger als acht Stunden arbeitet, wird mehr Unfälle verursachen und in Unfälle eher verstrickt. Nach zehn Stunden Arbeit steigt das Risiko noch einmal entscheidend.

Professor Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.
Dauerhaft über acht Stunden mit zu wenig Pausen zu arbeiten, ist weder gut für Körper noch Geist, erklärt Arbeitsschützer und Psychologe Dirk Windemuth. Bildrechte: Dirk Windemuth

Wer länger als acht Stunden arbeitet, wird mehr Unfälle verursachen und in Unfälle eher verstrickt.

Professor Dirk Windemuth Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Andererseits könnte man ja auch denken, die zwei Stunden in der Woche müssten doch bedenkenlos zu absolvieren sein?

Das ist eine sehr schwierige Frage, neben den idealen Gesundheitssituationen muss man auch die Realität betrachten. Die wirtschaftliche Situation ist sehr wichtig, man muss hier also wirklich abwägen. Wenn man diese zusätzlichen zwei Stunden also aufteilt und jeden Tag 20 Minuten länger arbeitet, wird nicht sofort eine Serie an Unfällen ausbrechen. Hier handelt es sich um eine politische Frage.

Arbeitszeit hin oder her – werden in der Realität nicht ohnehin in vielen Berufen Überstunden gemacht?

Insgesamt werden in Deutschland sehr viele Überstunden gemacht, in so ziemlich allen Branchen. Die meisten Überstunden absolvieren Arbeitnehmer in der Unternehmensberatung sowie in der Branche der Konsum- und Verbrauchsgüter. Danach kommt gleich – wie es sicher jeder ahnt – die Logistik und die Gastronomie. Durch die Pandemie kann sich hier jedoch einiges verschoben haben, dazu müssen wir aktuelle Studien abwarten.

Wenn man sich etwas wünschen darf: welche Arbeitszeitlänge empfehlen Sie?

Eigentlich muss man immer von drei Elementen sprechen, die auch im Arbeitszeitgesetz festgelegt sind: die Arbeitszeit, die Pausen und die Ruhezeiten. Die Ruhezeit ist immer die Zeit zwischen Arbeitsende und Arbeitsanfang. Arbeit muss man immer zusammen mit der Erholung betrachten. Grundsätzlich gilt immer: Acht Stunden bei einer längeren Pause ist gut, alles andere, also weniger Pausen, Ruhezeit oder mehr Arbeit ist schlecht. Hier geht es aber nicht darum, dass man krank wird, wenn einer mal eine halbe Stunde länger arbeitet. Die acht Stunden sind aber auch dann nicht mehr gesund, wenn ich abends im Home-Office 22 Uhr noch einmal meine Mails checke und dann am nächsten Morgen wieder am Rechner sitze.

Die acht Stunden sind aber auch dann nicht mehr gesund, wenn ich abends im Home-Office 22 Uhr noch einmal meine Mails checke und dann am nächsten Morgen wieder am Rechner sitze.

Professor Dirk Windemuth Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Es ist also nicht gesund, auch über die Arbeitszeiten hinaus, erreichbar zu sein?

Nein. Doch auch hier gilt: Wenn einer sagt, ruf mich an, wenn es wichtig ist, oder Fragen gibt, kann das ruhig mal sein. Es sollte jedoch nicht die Regel werden.

Wie wichtig sind Pausenzeiten? Wie viel Erholung brauche ich mindestens?

Grundsätzlich ist das individuell unterschiedlich, wie bei den Arbeitszeiten auch. Nach sechs Stunden muss mindestens eine halbe Stunde Pause gemacht worden sein. Das kann auch aufgeteilt werden in zwei Mal 15 Minuten. Sinnvoller ist es jedoch, die Pause in einem Block zu machen. Es gibt aber auch Sondersituationen am Fließband, wo die Arbeiter jede Stunde fünf Minuten Pause machen. Auch Home-Office erfordert viel konzentrierte Arbeit, auch hier empfiehlt sich, jede Stunde eine kleine Pause einzulegen.

Home-Office ist anstrengend, sind Sie sich da wirklich sicher?

Ja. Ein echter Stressor ist zum Beispiel, sich in Videokonferenzen ständig selbst zu sehen. Das haben wir in Untersuchungen herausgefunden. Die ständige Selbstkontrolle und Bildschirmoptimierung erfordert viel Energie. Wir empfehlen immer: Kleben Sie doch einfach ein kleines Post-it auf das Bild von ihrem eigenen Gesicht, das entspannt ungemein. Lachen Sie nicht, das sind unsere Empfehlungen. Die Software ist leider nicht immer so weit, dass man sein eigenes Kamerabild für sich ausschalten kann. Multi-Tasking ist messbar unheimlich anstrengend.

Wir empfehlen immer: Kleben Sie doch einfach ein kleines Post-it auf den Bildschirmteil mit ihrem Gesicht, das entspannt ungemein.

Ab welcher Arbeitszeit wird es nachweislich gesundheitsschädigend?

Wenn die Ruhezeit von elf Stunden langfristig unterschritten wird, treten gehäuft psychosomatische Beschwerden auf. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass die Acht-Stunden-Grenze sinnvoll ist. Verlängert sich die Arbeitszeit, verringert sich ja auch automatisch die Erholungszeit, der Tag hat ja nur 24 Stunden, daran können wir nichts ändern, auch wenn wir wollen. Es steigt also die Belastung und gleichzeitig sinkt die Regenerationszeit. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Es führt zur Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie zu Problemen des Bewegungsapparates. Da haben weder die Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer etwas davon.  

Wie schätzen Sie den Arbeitsschutz in Deutschland ein?

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz ist in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau und das freut mich auch. Trotzdem bleiben beispielsweise psychische Belastung und Beanspruchung, Maschinenunfälle und die Länge der Arbeitszeit ein Dauerbrenner.

Maschinenunfälle? Gibt es hier noch so viele Gefahren?

Natürlich sind die psychischen Belastungen und die Erschöpfung ein Riesenproblem. Doch der klassische Arbeitsschutz ist eben auch wichtig. Tausende Menschen arbeiten an schweren Maschinen, mit Chemikalien und giftigen Stoffen oder in einem anderweitig sensiblen Umfeld. Das darf nicht unterschätzt werden. Auch Treppen gehören in Verwaltungsgebäuden zu den gefährlichsten Orten.

Vom Ort zur Zeit: Wie wichtig ist der Biorhythmus für Gesundheit und Leistung?

Der Biorhythmus ist extrem wichtig, es gibt einfach Zeiten, in denen wir von Natur aus nicht so viel Leistung bringen können. Viele Menschen haben ein Tief von 11 bis 14 Uhr oder nachts zwischen drei und fünf Uhr. Wenn wir dann zum Beispiel Auto fahren, sind wir einfach nicht so leistungsfähig. Wenn sie in der Zeit sicherheitskritische Dinge machen, ist die Gefahr hier viel größer. Wir empfehlen immer, morgens Dinge zu erledigen, die eine hohe Konzentration erfordern. Das Leichtere, Spielerische, Routinierte kann dann auf später verschoben werden

Welche Gefahren liegen in der Schichtarbeit?

Schichtarbeit ist absolut notwendig. Wenn es gerade brennt, ist es ungünstig, wenn alle gerade im Bett liegen. Sie freuen sich auch, wenn sie nach einem Unfall in der Nacht medizinisch versorgt werden. Während der Ernte ist es auch hilfreich, wenn die Landwirte die Zeit nutzen, ehe Regen und Sturm über die Felder fegen. Auch Chipfabriken können aus produktionstechnischen Gründen ihre Maschinen nicht einfach über Nacht ausschalten. Schichtarbeit ist also eine absolute Notwendigkeit. Doch im Gegenzug ist Schichtarbeit nichts, was der Mensch von Natur aus macht.

Die Frage ist, wie findet man hier einen Kompromiss. Die extrem gefährlichen Dinge sollten also lieber zu Beginn der Nachtschicht also nicht zwischen 3 bis 5 Uhr erledigt werden. Natürlich können sich Arbeitnehmer, wie LKW-Fahrer, ihre Strecken mit großer oder kleiner Belastung nicht immer aussuchen. Hier greifen die Regeln. Die Schichten müssen vorwärts rotieren und nicht rückwärts. Wenn ich fünf Tage Frühschicht hatte, sollte danach die Mittelschicht oder Spätschicht folgen. Nach fünf Schichten ist eine möglichst lange Freiphase wichtig, mehr als fünf Schichten sollten nicht aneinandergehängt werden. Bei Zwölf-Stunden-Schichten sollte schon nach drei Tagen eine mindestens vier Tage lange Pause folgen.

Wie bewerten Sie die 4-Tage-Woche aus gesundheitlicher Perspektive?

Als Wissenschaftler kann ich noch nicht so viel dazu sagen. Da fehlen noch die Studien. Die 40 Stunden Arbeitszeit auf vier Tage zu verteilen und sich drei Tage komplett zu erholen, ist vielleicht ein Ansatz. Es gibt sicher Menschen, die durch die 4-Tage-Woche entspannter sein könnte. Doch hier wird viel spekuliert. Ich selbst finde es als Option attraktiv und kann mir vorstellen, dass es funktioniert.

Es gibt ja auch Entwürfe, vier Tage bei gleicher Arbeitszeit von acht Stunden zu arbeiten …

Bei gleichbleibender täglicher Arbeitszeit ist eine Vier-Tage-Woche natürlich toll für viele Menschen, weil sie einfach einen Tag mehr Erholung haben. In der Regel arbeiten sie auch effektiver und machen weniger Überstunden. Kurzum: Die Work-Live-Balance ist einfach besser.

(kt)

33 Kommentare

Shantuma vor 1 Wochen

Auf welchen deutschen Arbeitnehmer steigt da wohl der Druck?

Wir schaffen es nicht einmal einen griechischen Chefarzt in Deutschland als Chefarzt anerkennen zu lassen. Dieser darf dann wieder als Assistenzarzt hier antreten.

D.h. was Sie hier schreiben trifft auf jene, die eh schon mehr Sorgen haben als die akademische Mittelschicht die mit solchen Ideen um die Ecke kommt.

Und auch Sie müssen sich mit Vorwurf begnügen, dass man nur soviel Arbeit machen kann, wie auch da ist.
Es gibt Firmen die haben volle Auftragsbücher, aber die haben kein Material.
Die Materiallieferanten haben aber keine Fahrer ... daher sollen also die Fahrer länger arbeiten oder?
Oder wir bezahlen mal die Fahrer richtig und stellen mehr ein.
Denn LKW-Fahrer sind essentiel für unsere zentralisierte Gesellschaft.

Ich höre aber von den Alten immer nur Jammern, Jammern, Jammern. Und zugleich merkt man, wie unerfahren diese Leute dann auch sind.

Shantuma vor 1 Wochen

These und kein Argument.
Das funktioniert Argument ist meines Erachtens kein wirkliches Argument, sondern ein Teil der These, denn es würde keine 42h Woche geben, wenn es nicht funktionieren würde.

D.h. Hausaufgaben übers Wochenende:
-Argumente finden

Shantuma vor 1 Wochen

Es ist also Jammer auf hohem Niveau.

Na dann ab mit den Kindern in die Kohleminen!
Früher war ja alles besser und Überstunden waren ja so gut und toll.

Ich wurde von meinem früheren Vorgesetzten auch gefragt, ob ich nicht Samstags kommen wolle. Dann habe ich zur Seite geschaut, die zu erledigenden Aufgaben gesehen und gesagt "Nö, das schaffe ich auch ohne den Samstag".

Erst diese Woche war ich am Dienstagnachmittag bereits am Donnerstagnachmittag laut Arbeitsplan gewesen.

Wenn Sie also von Jammern reden, dann rede ich von Unproduktivität ihrerseits.
Denn ich kenne die Geschichten von schlafen in der Nachtschicht und dem horten von Material in den Schränken, damit man nicht auf Arbeit arbeitet, sondern sich ausruht.

Soviel zu den auch so harten Zeiten früher. Und wenn sie dies anders sehen, dann fragen sie mal ihre Altersgenossen, die solche Geschichten erzählen.