Neurologie Streit um Tourette-Videos

Spätestens seit dem Film "Vincent will Meer" haben viele von Tourette gehört. Vincent ist nicht Herr seiner Worte und Bewegungen. Er zuckt und flucht. Tourette ist ein Thema, das niemanden unberührt lässt, der es sieht. Das passiert auch auf Youtube. Millionenfach geklickte Videos zeigen Erkrankte und ihren Alltag. Aber ist das alles echt? Der Neurologe Alexander Münchau sagt: Mit Tourette hätten einige dieser Youtuber nicht viel zu tun. Die würden vor allem Aufmerksamkeit suchen.

Links eine eine junge Frau, rechts ein junger Mann, in einem Badezimmer, im Gespräch 3 min
Bildrechte: Kooperative Berlin

Tourette ist eine unfassbare Krankheit. Die Betroffenen fluchen, zucken, zwinkern, schmeißen ihre Arme hoch, schreien, grunzen, ohne es selbst zu wollen. Ihr Körper ist außer Kontrolle. Tourette ist ein Thema, das niemanden unberührt lässt, der es sieht. So auch auf Youtube. Dort kursieren millionenfach geklickte Videos und zeigen Erkrankte und ihren Alltag. Darunter sollen aber auch Simulanten sein, junge Menschen, die so tun, als hätten sie Tourette, kritisiert der Neurologe Alexander Münchau. Die Touretter selbst sagen, alles ist möglich. Die Krankheit kann niemand definieren. Allerdings gäbe es tatsächlich ein paar junge Leute, die im Fahrwasser echter Touretter Filme drehen, in denen sie sich völlig daneben benehmen und behaupten, dass sie krank wären.

Tics nur "ungezogenes Verhalten"?

Im Youtube Kanal "Gewitter im Kopf" schimpft und flucht Jan Zimmermann, beleidigt, schubst, ist übergriffig, so empfindet es der Neurologe und Neuropsychiater Prof. Alexander Münchau. Das würde ein Mensch mit Tourette nicht tun, sagt der Wissenschaftler von der Uni in Lübeck. Seit zwanzig Jahren erforscht er das Tourette-Syndrom. 1.200 Patienten hat er schon behandelt, schätzt er selbst.

Das ist einfach ein ungezogenes Verhalten, das hat mit Tic überhaupt nichts zu tun.

Prof. Alexander Münchau, Neurologe
Prof. Dr. med. Alexander Münchau, Universitätsklinikum  Schleswig-Holstein.
Bildrechte: Prof. Dr. med. Alexander Münchau, Universitätsklinikum

Und dieses Aversive, dieses Übergriffige, dieses Anzügliche, das komme bei Tourette nie vor. "Die ticken vor sich hin", beschreibt es Münchau. Zielgerichtete Bewegungen gebe es dabei nicht, sondern eher stereotype Wiederholungen. Auch die Menge der Tics sei begrenzt. Und genau hier sieht er den Unterscheid zu den – wie er es sagt – "Pseudo-Tourettern", bei denen die Tics variabel seien, "ganz verschiedene Sachen und sehr auf den Kontext abgestimmt".

Ein Prozent der Bevölkerung betroffen

Die Krankheit tritt in der Kindheit auf, verliere sich aber meist nach kurzer Zeit wieder. Nur bei wenigen Menschen würde sie sich bis ins Erwachsenenalter halten. Ein Prozent der deutschen Bevölkerung seien betroffen. Typisch seien Tics, also Zwinkern, mit den Augen rollen, Grimassen ziehen, Zuckungen in Nacken und Schulterbereich. Einige Betroffene geben Töne von sich.

Meistens sind das Geräusche, Qieken, Grunzen, vogelartige Geräusche, das kann auch sehr nervend sein. Ein Wort als Tic kommt auch vor, aber seltener, einzelne Worte und nicht lange Sätze.

Prof. Alexander Münchau, Uni Lübeck

Tourette wird  vor allem vererbt. Zu neunzig Prozent ist die Störung genetisch bedingt. Die Wenigsten würden Schimpfworte hervorstoßen. Warum sie das tun, ist noch nicht klar. Ganze Sätze seien für Tourette sehr untypisch. In Youtube Videos passiere das aber. Deshalb distanziert sich auch die Tourette-Gesellschaft Deutschland von solchen Videos und schreibt, die Erkrankung werde vereinfacht, reduziert und letztendlich falsch dargestellt. Auf eine Interviewanfrage bei Jan Zimmermann bekommen wir eine Absage, aber diese Stellungnahme per Mail:

Wir können Ihnen versichern, dass bei Jan Zimmermann eine komplexe Form von Tourette besteht. Diese Diagnose wurde 2018 von der Medizinischen Hochschule Hannover bestätigt. Entsprechende Arztberichte liegen vor.

Lutz Friedrichsen, Tourette-Gesellschaft Deutschland
Lutz Friedrichsen, Tourette-Gesellschaft Deutschland Bildrechte: Lutz Friedrichsen

Lutz Friedrichsen von der Tourette-Gesellschaft Deutschland glaubt, dass Jan Zimmermann ein Touretter ist, wie die Betroffenen sich selbst nennen. Der Ende-Fünfzigjährige ist seit seiner Kindheit erkrankt und sagt: Tourette hat viele Gesichter. Selbst erfahrene Neurologen könnten aus seiner Sicht nicht sagen, welches Repertoire da dazu gehört. Trotzdem mache auch er sich Sorgen. Denn es gebe Trittbrettfahrer. Vielleicht ausgelöst durch den Millionenfach geklickten Youtube-Kanal von Jan Zimmermann filmen sich junge Leuten und imitieren Tourette tatsächlich.

Und das ist eine Entwicklung, die unsere Aufklärungsarbeit untergräbt und da haben wir Alt-Touretter auch eine Verantwortung und müssen mal deutlich machen, dass viele andere mit ihrem Tourette große Probleme haben und nicht so glatt durchs Leben kommen.

Lutz Friedrichsen, Tourette-Gesellschaft

Das schade der Aufklärung beachtlich. Viele Erkrankte hätten ein sehr schweres Leben, das mit derlei Videomaterial ins Lächerliche gezogen werde. Doch was tun, wenn Eltern bei ihrem Kind unkontrollierte Bewegungen feststellen? Die Filme im Netz würden viele Menschen unnötig verunsichern, beobachtet Neurologe Münchau in seinen Sprechstunden. Seine Empfehlung: Erst zum Arzt gehen, wenn die Tics bei einem  Kind so stark ausgeprägt sind, dass es Nachteile hat, es zum Beispiel gehänselt wird.

Also immer wenn Fragen da sind, wenn Ambivalenz da ist, Unklarheit, Sorgen, Ängste, Nöte, dann sollte man einen Experten aufsuchen. Ansonsten: Ball flach halten!

Prof. Alexander Münchau

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 29. Juli 2019 | 19:50 Uhr