Vater schreit durch ein Megafon aus Zeitungspapier seine zwölfjaehrige Tochter an.
Bildrechte: imago/photothek

Tag der gewaltfreien Erziehung Das Problem heißt heute: Psychischer Druck

Wir sind auf gutem Weg, aber es ist noch eine Menge zu tun - sagen deutsche Erziehungswissenschaftler zum Tag der gewaltfreien Erziehung. Das große Problem unsere Zeit ist der psychische Druck.

von Albrecht Wagner

Vater schreit durch ein Megafon aus Zeitungspapier seine zwölfjaehrige Tochter an.
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Eltern wollen ihren Kindern möglichst optimale Startbedingungen schaffen. Dass Prügel da nicht helfen – die Erkenntnis hat sich mittlerweile durchgesetzt. Aber gewaltfreie Erziehung bedeutet viel mehr – und manches übersehen gerade Eltern, die es besonders gut meinen.

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 1631 

Gewalt in der Erziehung – erst in den 1970er-Jahren begann in der damaligen Bundesrepublik eine Diskussion, gab es Gesetzesinitiativen, um Kinder zu schützen. 1998 erfolgte ein Verbot "körperlicher und seelischer Misshandlungen". Doch das war rechtlich eher unklar und wurde bereits im November 2000 durch den oben zitierten Paragrafen erweitert. Das Ziel: Kinder sollen unbeschwert und angstfrei aufwachsen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – und in den letzten Jahrzehnten für immer mehr Menschen Konsens. Die Geschäftsführerin des deutschen Kinderschutzbundes Cordula Lasner-Tietze sieht eine ganz klare Bewusstseinsentwicklung.

Eine Frau lächelt in die Kamera
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Wir nehmen das sehr positiv wahr, dass die gewaltfreie Erziehung als Leitbild der Gesellschaft angekommen ist. Das zeigen auch Studien, dass ein übergroßer Teil der Eltern sagt: Gewaltfreie Erziehung ist unser Erziehungsstil.

Cordula Lasner-Tietze, DKSB

Bis vor 30, 40 Jahren waren Kinder Objekte, an denen die Eltern biegen und schleifen wollten. Heute sehen die meisten Eltern ihre Kinder als eigene Persönlichkeiten, die Vertrauen, Sicherheit und Freiheit erleben sollen, so Lasner Tietze, und die “Erwachsene an ihrer Seite haben, die die Welt erklären, und das Kind Erfahrungen machen kann, indem es mit Neugier und Lust die Welt entdecken kann.“

Wenn "engagierte" Eltern zuviel wollen

Körperliche Gewalt findet heute zum Glück immer weniger statt. Dafür verstärken sich andere Probleme, die Eltern häufig gar nicht bewusst sind, sagt Erziehungswissenschaftlerin Alexandra Langmeyer vom Deutschen Jugendinstitut.

Heute ist im Vordergrund eher psychische Gewalt, also: übe ich Druck auf mein Kind aus oder erkläre ich ihm vielleicht auch nicht, warum wir manche Dinge so machen.

Alexandra Langmeyer, DJI

Es ist meist kein böser Wille. Gerade besonders engagierten Eltern passiert es, dass sie ihre Kinder zu noch einem Musik- oder Englischkurs bringen, und dabei nicht mehr unterscheiden,  was ihre eigenen Idealvorstellungen sind und was die echten Bedürfnisse der Kinder. Statt sich frei entwickeln zu können, erleben die Kinder Druck.

Dr. Alexandra Langmeyer
Bildrechte: Deutsches Jugendinstitut e.V.

Wenn ich eben so aufwachse, immer mit Druck und Verpflichtungen, ohne eigentlich zu wissen, warum ich wie handeln muss, dann bin ich selber eher ein unsicherer Mensch, das kann sich bis hin zu eigenen psychischen Problemen auswirken.

Alexandra Langmeyer

Moderne Erziehung heißt: mit den Kindern reden. Kinder müssen ihren eigenen Wert spüren,  dass sie ernstgenommen werden und in Entscheidungen einbezogen sind. Sie müssen nicht alles selbst entscheiden, aber verstehen, warum Dinge stattfinden. Für Eltern heißt das: Diskussionen führen und aushalten. Auch, wenn es über Jahre die immer gleichen Streitpunkte sind. Erziehungswissenschaftlerin Langmeyer rät, positiv zu bleiben.

Sohn und Vater schreien sich an.
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Man will das ja auch, dass sein Kind seine Meinung vertreten kann gegenüber anderen. Dass es das natürlich auch mir gegenüber als Mutter oder Vater tut, das ist der Nebeneffekt, der dann auch noch rauskommt.

Alexandra Langmeyer

Mit den Kindern Entscheidungen diskutieren, heißt nicht, ihnen alle Entscheidungen zu überlassen. Freiheit in Grenzen nennt es Erziehungswissenschaftlerin Langmeyer. Beim deutschen Kinderschutzbund heißt ein ganz ähnliches Konzept anleitende Erziehung, so Geschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze.

Der anleitende Erziehungsstil beinhaltet sowohl die liebevolle und auch warmherzige aber auch aufmerksame Haltung gegenüber den Kindern als auch klare Regeln und Werte.

Cordula Lasner-Tietze

Kinder brauchen klare Orientierung

Eltern müssen diese Regeln immer neu mit den Kindern aushandeln. Und kontrollieren, dass die Kinder das Vereinbarte einhalten. Kinder stöhnen darüber und brauchen trotzdem diese klare Orientierung, um sich in der Welt zurechtzufinden. Dieses Sich-in-der-Welt-zurechtfinden müssen Eltern ihren Kindern ermöglichen. Gewaltfreie Erziehung im umfassenden Sinne – mit Liebe und Zuwendung – ohne körperliche Gewalt und psychischen Druck schafft die besten Voraussetzungen. Cordula Lasner Tietze erlebt so aufgewachsene Kinder.

Sie sind neugierig, sie sind lustvoll, sie haben ein Selbstbewusstsein, und sie gehen auch auf Menschen zu.

Cordula Lasner-Tietze

Erziehungswissenschaftlerin Alexandra Langmeyer ergänzt: “Es ist jemand, der zur Selbständigkeit erzogen wird, seine Meinung gut vertreten kann, lernt, auf demokratische Art und Weise mit anderen umzugehen - letztlich eine gesunde Persönlichkeit.“ Eltern profitieren übrigens auch selbst von einer so verantwortungsvollen Erziehung, sagt  Cordula Lasner-Tietze vom Kinderschutzbund. Denn, wer seine Kinder als freie Persönlichkeiten ernstnimmt, bekommt selbst einen weiteren Blick auf die Welt.

Es ist auch für Eltern eine Zeit, die Welt der Kinder intensiver zu entdecken und dass wir aus manchem stereotypem Trott, den ja auch so die Erwachsenenwelt mit sich trägt, aussteigen können.

Cordula Lasner-Tietze

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR Rdaio | 30. April 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2018, 14:17 Uhr