Uni Jena Tennis: Laut gestöhnt ist halb gewonnen?

"Grunting" ist so eine Art Fachbegriff im Tennis und bezeichnet das Stöhnen, das die Spieler von sich geben, wenn sie den Ball schlagen. Das klingt zum Teil wirklich ziemlich ulkig. Ist aber ein Phänomen, das durchaus kontrovers diskutiert wird: Einige Spieler fühlen sich vom Stöhnen ihrer Gegner nämlich massiv gestört. Ist Stöhnen beim Tennis also unfair? Die Uni Jena geht der Frage nach.

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Stellen Sie sich ein beliebiges Tennisspiel vor. Und jetzt schließen Sie die Augen. Was hören Sie? Das Jubeln des Publikums, das Ploppen des Balles – und das Stöhnen der Spielerinnen und Spieler. Dabei erreichen die besten "Grunter" - ( to grunt = grunzen) eine Lautstärke von über 100 Dezibel. Das ist vergleichbar mit der Lautstärke von Motorrad oder Kreissäge. Kein Wunder also, dass nicht nur Fans auf die Barrikaden gehen, sondern auch Tennisspieler selbst. Denn nicht alle stöhnen beim Spielen:

Ich sollte dieses Geräusch nicht machen, um meinen Gegenspieler zu behindern. Es ist kein direktes Schummeln, aber schon schummeln auf eine Art, weil du es für deinen Gegner schwierig machst, den Ball zu hören, wenn er auf den Schläger trifft, und das sollte so nicht sein.

Martina Navratilova, Tennisspielerin

Das sagt Martina Navratilova, immerhin eine der erfolgreichsten Tennis-Spielerinnen aller Zeiten. Im Wimbledon-Halbfinale 1992 beschwerte sie sich bei der Schiedsrichterin über das Stöhnen der damals 18-jährigen Monica Seles, die dann kurz weniger stöhnte – und am Ende trotzdem gewann. Hier das ganze Spiel:

Andererseits gibt es Spieler, die sagen: "Ich muss stöhnen, weil ich erst so die Kraft in den Schlag perfekt reinbekomme", weiß Dr. Florian Müller. Er ist Sportpsychologe an der Uni Jena und bestätigt: In der Tat setzt das geräuschvolle Atmen Kräfte frei. So wird die Bauchmuskulatur aktiviert, was zu härteren Schlägen führt.

Wo wird der Ball landen?

Ist es aber unfair dem Gegner gegenüber? Dazu hat das Team um Dr. Müller und Prof. Cañal-Bruland erfahrenen Tennisspielern Videos von einem Profi-Spiel gezeigt. Bei einem Schlag sollten die Probanden vorhersagen, wo der Ball landen wird. Die Schwierigkeit: Das Bild wurde ihnen im Moment des Schlags genommen. Was blieb, war das Geräusch. Und das wurde auch noch manipuliert: Mal lauter, mal leiser.

Man könnte ja vermuten, wenn das Stöhnen tatsächlich so ein Ablenkungseffekt ist. Dann müsste der stärker sein. Je lauter ich stöhne und dann müsste auch der Fehler in der Ballvorhersage immer stärker werden, je lauter gestöhnt wird.

Dr. Florian Müller Uni Jena

Doch dafür zeigten die Forschungsdaten keinen Anhaltspunkt. Das Stöhnen hatte die Probanden also nicht abgelenkt. Und nicht nur das: Es konnte sogar hilfreich sein, denn je nachdem, wie laut ein Tennisspieler stöhnte, wurde die Weite des Schlags vorhergesagt.

Sie sind also durchaus in der Lage das Stöhngeräusch als Indikator für die Härte des Schlages mit in die Berechnung der Ballflugbahn einzubeziehen.

Dr. Florian Müller

Allerdings räumt Florian Müller ein, dass die Effekte auf dem Tennisplatz anders aussehen könnten: "Wenn Sie da jemanden gegenüber haben, der mit mehr als 100 Dezibel schreit. So haben wir unsere Probanden nicht gequält". Tatsächlich fand das Forschungteam in Jena heraus, dass sich die Vorhersage des Ballflugs ändert: Je lauter oder leiser gestöhnt wird, um so weiter oder kürzer wird die Flugstrecke eingeschätzt.

Manipulation auf dem Platz

Aber man kann das Gegenüber auf dem Platz auch ohne Stöhnen beeinflussen. Stella Wiesemann, die drei Jahre lang an einer Sportakademie in Spanien trainiert hat, schildert eine ganz andere Art, wie man Gegner verunsichern kann: Indem man dem Gegner den Rücken zudreht, viel mehr Pause macht, den Spielrhythmus verändert, lange auf der Bank sitzen bleibt - alles Methoden, um ungewohnte Spielsituationen zu schaffen.

Oder eben absichtlich leiser stöhnen und dann trotzdem weit schlagen. Schummeleien dieser Art gibt es übrigens nicht nur im Tennis, sondern auch im Fußball. Zum Beispiel, wenn sich die Menschen im Tor körperlich größer machen als sie sind, weiß Sportpsychologe Müller:

Wir wissen zum Beispiel, dass besonders große Torhüter dafür sorgen, dass weiter nach außen geschossen wird.

Man kann zwar an der eigenen Körpergröße nichts ändern, aber man kann sich visueller Illusionen bedienen, um sich größer oder kleiner erscheinen zu lassen, sagt Florian Müller. In dem man die Arme ausstreckt, nach oben, unten, zur Seite - je nachdem, in welche Richtung, nach oben oder unten, seitlich ausgestreckt, vergrößert das den Menschen im Tor optisch.

Welche Rolle spielt das Publikum?

Und was ist eigentlich mit dem normalen Lärmpegel bei sportlichen Wettkämpfen? Wirkt sich die Stille auf den Rängen jetzt zu Corona-Zeiten auch auf die Sportlerinnen und Sportler aus - und wenn ja, wie? Genau dieser Frage geht man in Jena derzeit auf den Grund, allerdings nicht beim Tennis und auch nicht beim Fußball, sondern beim Biathlon. Sportpsychologe Müller erklärt, warum genau in der Sportart:

Durch die Corona-Krise finden einige Wettkämpfe ohne Zuschauer statt, die in den vergangenen Jahren an denselben Orten mit zum Großteil den gleichen Teilnehmern mit Zuschauern stattgefunden haben. Das ermöglicht uns, genau anzuschauen, welchen Einfluss auf die Leistung die Anwesenheit der Zuschauer hat.

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