Toxoplasma gondii Wie ein Katzen-Parasit unser Verhalten ändern soll

Sie ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten überhaupt: Beinahe die Hälfte aller Deutschen hatte Toxoplasmose. Betroffene tragen den mikroskopisch kleinen Parasiten, der sie verursacht, weiter in sich. Und das könnte verrückte Folgen haben: Er soll nämlich ganz unbemerkt unser Verhalten beeinflussen, behaupten Forscher. Risikofreudiger soll er uns machen, mutig und furchtlos, aber auch etwas langsamer und egoistischer. Aber stimmt das wirklich?

von Kristin Kielon

Sie sind ziemlich niedlich, etwas eigensinnig und schmusen auch ganz gern mal mit uns: Katzen gehören zu unseren liebsten Haustieren. Nur schwangere Frauen sind beim Katzen kuscheln etwas vorsichtiger: Denn Katzen können einen Parasiten übertragen, der gefährlich ist für das ungeborene Kind. Toxoplasma gondii heißt der Fiesling. Er ist ein Einzeller, ein sogenanntes Urtierchen, erklärt Mikrobiologie-Professor Uwe Groß von der Universität Göttingen:

Toxoplasmen sind so klein wie eine einzige Körperzelle von uns - also extrem klein.

Prof. Uwe Groß, Universität Göttingen

Doch dieser Winzling bringt etwas ganz Verrücktes zustande, behaupten einige Wissenschaftler: Er soll nämlich unser Verhalten steuern können - und zwar aus unserem Gehirn heraus. Aber wie kommt er dahin?

Der Parasit braucht die Katze für die Fortpflanzung

Es beginnt in der Katze: Hier ist alles perfekt für den kleinen Erreger. Denn nur in der Katze kann er Sex haben und das findet Toxoplasma gondii ziemlich gut. Doch eines Tages ist Schluss mit dem schönen Leben: Die Katze befördert ihn nämlich an Bord ihres Kots ins Freie.

Dort landet er im besten Fall auf einem Salatblatt und wird von einem Tier verspeist. Auch in den Menschen kommt Toxoplasma gondii meist über rohes Fleisch oder ungewaschenes Gemüse. Wenn er gefressen wird, ist das DIE Chance: Denn eigentlich will der Parasit zurück in eine Katze, erklärt Karl-Heinz Smalla vom Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) in Magdeburg:

Der Parasit kann also alle Warmblüter - auch einschließlich Säugetiere, Vögel - befallen, aber der eigentliche Endwirt, den der Parasit sucht, ist die Katze. (…) Nur dort kann er sich geschlechtlich vermehren, während die Vermehrung in den anderen Zwischenwirten eben asexuell erfolgt.

Dr. Karl-Heinz Smalla, LIN Magdeburg

Drei Forscher des  Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg in ihrem Labor.
Drei Toxoplasmose-Forscher der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und des Leibniz-Instituts für Neurobiologie Magdeburg: Prof. Dr. Ildiko Rita Dunay, Dr. Karl-Heinz Smalla und Daniel Lang Bildrechte: Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg

Und Toxoplasma gondii möchte lieber Sex. Doch dafür gibt es nur einen Weg: Das Tier, in dem er jetzt ist, muss von einer Katze gefressen werden.

Toxoplasma gondii entert das Gehirn der Maus

Nehmen wir mal an, der Zwischenwirt ist eine Maus. Dann ist das natürlich eine schwierige Kiste, denn Mäuse halten lieber Abstand von gefährlichen Mietzekatzen. Deshalb dringt Toxoplasma gondii bis ins Gehirn der Maus vor, so Smalla. Gemeinsam mit Forscherinnen der Universität Magdeburg hat er die Reise des Neuroparasiten in der Maus untersucht. Demnach entert er den Blutkreislauf und dringt dort in die weißen Blutkörperchen ein.

Mit diesem Trick gelangt er bis ins Gehirn des Wirts, vermehrt sich dort und bildet Zysten. Besonders gemütlich scheint er Nervenzellen zu finden. Nistet er sich in sie ein, beeinflusst er ständig ihren Metabolismus - also ihren Stoffwechsel. Der steuert, wie die Zelle Botenstoffe produziert und wann sie ausgeschüttet werden, erläutert Smalla: "Was wir eben sehen ist, dass wir eine Änderung in der Balance der Produktion von Botenstoffen sehen oder in dem Metabolismus von Botenstoffen, mit deren Hilfe die Neuronen miteinander kommunizieren."

Plötzlich geht die Maus auf Risiko

Und so manipuliert Toxoplasma gondii die Kommunikation zu seinen Gunsten. Steht die Katze dann vorm Mauseloch, flieht die Maus nicht mehr, sondern wird risikofreudig: Schnell an der Katze vorbeihuschen? Gar kein Problem! Toxoplasmas Lieblingsstelle im Gehirn ist nämlich offenbar der Mandelkern - also genau der Teil, der unser Verhalten steuert. So ist es zumindest im Mausmodell, erklären die Magdeburger Forscher. Für Professor Groß, den Leiter des deutschen Konsiliarlabors für Toxoplasma gondii, ist das plausibel.

Die Katze wird benötigt für die Weiterentwicklung der Art Toxoplasma gondii und in den Nebenwirten kommt es dann zur Infektion des Gehirns. Und wenn das Gehirn eines Nebenwirts von der Katze gefressen wird, ist der Lebenszyklus geschlossen.

Prof. Uwe Groß

Heutzutage werden Menschen natürlich eher selten von Katzen wie Löwen oder Tigern gefressen. Vor vielen Hunderten Jahren war aber anders, so Groß.

Feldmaus
Bildrechte: Colourbox.de

Von der Maus auf den Menschen

Schauen wir also noch einmal auf die Maus: Sie wird also plötzlich risikofreudig, unvorsichtig und fühlt sich von Katzenurin angezogen. Aber funktioniert das auch beim Menschen? Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen, von denen das viele nahe legen. Einige davon stammen Jaroslav Flegr - Evolutionsbiologe an der Karls-Universität in Prag.

Infizierte Männer zum Beispiel befolgen Vorschriften und Regeln nicht so gerne. Außerdem sind sie misstrauischer, eifersüchtiger und introvertierter.

Prof. Jaroslav Flegr, Karls-Universität Prag

Auch Risikofreude, Übermut und Egoismus werden Toxoplasma gondii zugeschrieben. Aber ändert der Parasit wirklich das Verhalten seiner Nebenwirte? Und dann noch so extrem?

Studien zeigen Schwächen im Detail

Frank Seeber - Parasitologie-Professor am Robert-Koch-Institut - hat da so seine Zweifel. Eine Kausalkette sei schwer zu belegen und überhaupt seien Experimente mit speziell gezüchteten Labormäusen keine präzise Nachbildung der Natur. Viele der Verhaltensstudien zeigen im Detail Schwächen, erläutert Seeber, und das Forschungsgebiet ist unübersichtlich. Da scheint es "halt häufig einfach eine attraktive Idee und bei manchen Arbeiten hat man schon den Eindruck, (…) dass diese Hypothese schon gern gesehen wurde" so Seeber.

Das heißt, die Untersuchungsergebnisse wurden stellenweise auch in die Richtung interpretiert. Das Glas war jetzt nicht halb leer, es war halb voll.

Frank Seeber RKI

Professor Uwe Groß von der Universität Göttingen geht weniger hart mit den Verhaltensstudien ins Gericht. Aber natürlich könnten die nur Korrelationen liefern, die am Menschen gar nicht abschließend auf kausale Zusammenhänge erforscht werden könnten. Aus ethischen Gründen könne man Menschen ja nicht vorsätzlich mit Toxoplasmose infizieren.

Wir können klar sagen, der Parasit interagiert mit dem Gehirn, mit den Gehirnschaltwegen wenn man so möchte. Aber die Konsequenz dieser Wechselwirkung, die ist in der endgültigen Ausrichtung eigentlich noch nicht wirklich klar.

Prof. Uwe Groß

Einig sind sich die Wissenschaftler also nur darin, dass unser Gehirn sehr wahrscheinlich ein beliebter Zwischenhalt für Toxoplasma gondii ist. Und selbst wenn der Erreger weiter reist, hinterlässt er uns ein paar Verwandte. Denn einmal infiziert, bleibt er für immer. Und so scherzt Mikrobiologe Groß: Wir sterben zwar nicht AM Katzen-Parasiten, aber auf jeden Fall MIT ihm.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Akzente | 12. Mai 2019 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 12:58 Uhr