Gluten-Check Test aus der Apotheke
Für Gluten-Unverträglichkeit gibt es Tests in der Apotheke. Bildrechte: IMAGO

Getreide-Unverträglichkeit Gluten: Verwirrung um neue Studie

Immer mehr Menschen verzichten auf das Weizenprotein Gluten und erhoffen sich dadurch besseres Wohlbefinden. Doch sie könnten irren. Eine aktuelle Studie behauptet: Gluten ist möglicherweise unschuldig. Dafür steht jetzt ein anderer Stoff im Verdacht, Darmbeschwerden auszulösen.

von Konstantin Kumpfmüller

Gluten-Check Test aus der Apotheke
Für Gluten-Unverträglichkeit gibt es Tests in der Apotheke. Bildrechte: IMAGO

Aus den Lebensmittelbeschreibungen ist es nicht mehr wegzudenken - das Label "glutenfrei". Immer mehr Menschen verzichten auf das Weizen-Klebereiweiß. "Glutenfrei" ist ein echter Essenstrend geworden. Dabei ist der Anteil an Menschen, die tatsächlich an Glutenunverträglichkeit leiden, relativ gering. In Deutschland leidet unter ein Prozent der Menschen an der Zöliakie. Die Zahl der Menschen, die über Beschwerden nach weizenbasiertem Essen wie Brot oder Nudeln klagt, steigt allerdings.

Unverträglichkeit, Weizenallergie, Weizensensitivität

Die Krankheit Zöliakie, bei Erwachsenen auch Sprue genannt, ist schon seit der Antike bekannt. Erwähnt wurde sie schon vom griechischen Arzt Aretaios im zweiten Jahrhundert. Und die Folgen dieser Autoimmunerkrankung können gravierend sein. Gluten führt bei Betroffenen zu Entzündungen im Dünndarm. Wird die Krankheit nicht erkannt, kann sie zu Depressionen, Blutarmut und erhöhtem Krebsrisiko führen. Eine Diagnose bedeutet für Betroffene einen Änderung des ganzen Lebensstils.

Zöliakie-Patienten müssen sich an eine lebenslange, glutenfreie Diät halten und dann ist es auch kein Spaß mehr, weil die nicht mal das gleiche Brotmesser benutzen dürfen oder den gleichen Toaster oder die gleiche Rührschüssel.

Lars Selig | Leiter des Ernährungsteams am Leipziger Uniklinikum

Bei Verdauungsbeschwerden kommen neben der Zöliakie auch Allergien oder eine Weizensensitivität in Frage. Bei einer Allergie ist der Fall klar: Hier muss getestet werden, welche Stoffe genau eine Abwehrreaktion hervorrufen. Dementsprechend muss dann ein Diätplan erstellt werden.

Bei der Weizensensivität ist es wesentlich komplizierter. Sie ist eine Form der Intoleranz gegen Weizenbestandteile. In Abgrenzung wird sie wissenschaftlich auch "Nichtzöliakie-Nichtallergie-Weizensensitivität" genannt. Da Betroffene einen Zusammenhang zwischen Beschwerden und glutenhaltigem Essen feststellten, war auch hier lange klar: Wer auf Gluten verzichtet, ist auf der sicheren Seite. Falsch, sagen jetzt Wissenschaftler des Osloer Instituts für klinische Medizin.

Fruktane statt Gluten?

In der aktuellen Studie wurden 59 Probanden mit selbstdiagnostizierter Gluten-Sensitivität gebeten, drei verschiedene Müsli-Riegel zu essen: Einer beinhaltetete Gluten, einer die Kohlehydrate Fruktane, ein Test-Riegel war neutral. In Aussehen und Geschmack ähnelten sich die Riegel. Bei der Auswertung zeigte sich, dass nur die Fruktan-Riegel Blähungen und andere Verdauungs-Symptome hervorriefen. Das Gluten hatte keinen negativen Effekt auf die Testesser. Das erkläre, so die Wissenschaftler, warum Menschen mit Verdauungsproblemen zwar von glutenfreier Nahrung profitieren, aber nicht ganz beschwerdefrei werden.

Die Rechnung ist ganz einfach: Wer auf Gluten verzichtet, isst kein Weizen mehr und damit auch weniger Fruktane. Schon länger ist eine bestimmte Gruppe von Kohlehydraten, zu denen auch die Fruktane zählen, im Fokus von Ernährungsberatern. Der Stoff findet sich aber auch bei Zwiebeln oder Knoblauch. Patienten mit Reizdarm bespielsweise sollten die sogenannten FODMAP-Kohlehydrate vermeiden. Die Abkürzung steht für „fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole", also vergärbare Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie mehrwertige Alkohole.

Vorsicht vor Eigendiagnose

Lars Selig von der Uniklinik Leipzuig, sieht solche Studien skeptisch. Die Konsequenz daraus dürfe kein neuer Foodtrend sein, warnt der Ernährungsexperte. Wer ohne medizinischen Grund über einen langen Zeitraum auf Gluten oder Lactose verzichtet, kann wirklich gluten- oder lactoseintolerant werden, weil der Körper sich mit der Zeit auf die Ernährung einstellt. Wer kann, sollte sich einfach eine gesunde Lebensmittelvielfalt erhalten. Einen Vorteil haben die Trends zu glutenfreiem Essen allerdings: Für Zöliakie-Patienten ist die Lebensmittel-Auswahl um einiges größer geworden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 18. November 2017 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 15:45 Uhr