Der Musikstil macht den Unterschied Gehirne von Jazz- und Klassik-Pianisten ticken verschieden

Es braucht lange Übung, um ein Instrument zu lernen. Wer es schafft, der hat neben seinen Händen auch seinem Gehirn etwas beigebracht: Musikergehirne ticken anders. Wissenschaftler vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben jetzt herausgefunden, wie weit das geht. Denn es gibt sogar Unterschiede je nach Stilrichtung: Bei Jazzpianisten laufen andere Hirnprozesse ab als bei klassischen Pianisten, selbst wenn sie das gleiche Musikstück spielen.

Jazzpianist Keith Jarrett hat es schon gewusst: Als er in einem Interview mit einem Musikmagazin gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, in einem Konzert sowohl Jazz als auch Klassik zu spielen, antwortete er: "Nein, ich glaube, das wäre Wahnsinn [...], praktisch nicht machbar. [...] Dein System baut für beide Richtungen auf unterschiedliche Schaltkreise."

Zwei Hände auf den Tasten eines Pianos
Wer Klavier spielt, tickt im Gehirn anders als Nicht-Musiker. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Und das scheint tatsächlich zu stimmen: Die Gehirne von Jazz- und Klassik-Pianisten ticken unterschiedlich. Wissenschaftler um die Neuropsychologin Daniela Sammler vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben beobachtet, dass bei Jazz- und klassischen Pianisten andere Hirnprozesse ablaufen, während sie Klavier spielen. Und das ist sogar dann der Fall, wenn sie dasselbe Musikstück spielen.

Die Ursache dafür liegt wohl in der unterschiedlichen Planung von Bewegungen beim Klavierspielen, erklärt Sammler. Natürlich müssen Pianisten ganz unabhängig jeder Stilrichtung zunächst wissen, was sie spielen - also welche Tasten sie drücken müssen. Dazu kommt dann noch die Frage, wie sie ein Stück spielen - also mit welchen Fingern sie diese Tasten bedienen. Je nach Musikrichtung variiert nun die Gewichtung von "was" und "wie", erläutert Neuropsychologin Sammler.

Die klassischen Pianisten fokussieren sehr stark darauf, wie sie das Stück ausdrucksstark gestalten. Da geht es sehr viel darum, wie das Stück gespielt wird. Da zeigte sich in unseren Daten, dass also die klassischen Pianisten sehr viel korrekter die Fingersätze wiedergegeben hatten, die sie von uns vorgegeben spielen sollten.

Dr. Daniela Sammler, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Die Jazz-Pianisten hingegen seien dadurch, dass sie sich sehr stark bewusst sind, was für Harmonien sie spielen und welche möglich sind im Anschluss an einen Akkord, den sie gerade gespielt haben, sehr flexibel darin gewesen, auch überraschende Änderungen zu verarbeiten.

Untersuchung an 30 professionellen Pianisten

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 30 professionelle Pianisten untersucht. Die eine Hälfte ist seit mindestens zwei Jahren auf Jazz spezialisiert gewesen, die andere auf klassische Musik. Viele der Probanden sind Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy".

Die Probanden haben auf einem Bildschirm eine Hand gesehen, die eine Abfolge von Akkorden auf einem Klavier spielt - gespickt mit Stolperfallen in den Harmonien und den Fingersätzen. Die Pianisten sollten genau nachspielen, was sie auf dem Bildschirm zu sehen bekamen, auch alle Fehler. Währenddessen wurden ihre Hirnströme gemessen. Das Ziel: Herausfinden, wie die Pianisten ihr Spiel planen.

"Tatsächlich konnten wir die bei Jazzpianisten trainierte Flexibilität beim Planen von Harmonien während des Klavierspiels auch im Gehirn sehen", erklärt Roberta Bianco, Erstautorin der Studie. "Als wir sie während einer logischen Abfolge von Akkorden plötzlich einen harmonisch unerwarteten Akkord spielen ließen, begann ihr Gehirn viel früher die Handlung umzuplanen als das klassischer Pianisten. Entsprechend schneller konnten sie auch auf die unerwartete Situation reagieren und ihr Spiel fortsetzen." Den klassischen Pianisten dagegen sei es viel leichtergefallen, sich auf ungewöhnliche Fingersätze einzustellen. Denn da ihr Gehirn mehr Aufmerksamkeit auf den Fingersatz richtet, haben sie beim Nachahmen weniger Fehler gemacht.

Und jetzt war es der Fall, dass die Pianisten, die eine klassische Ausbildung haben, mit den Fingersatzfehlern keinerlei Probleme hatten und unsere Jazz-Pianisten mit den Harmoniefehlern keine Probleme gehabt haben.

Dr. Daniela Sammler, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Darauf solche Unterschied zu entdecken, hatten die Forscher gehofft, erzählt Daniela Sammler. "Wir haben es hier mit hochtrainierten Personen zu tun. Beide Gruppen sind wunderbare Pianisten, aber ihr Gehirn hat sich eben an unterschiedliche Anforderungen sehr sehr genau angepasst."

Sie können das mit dem Radsport, der Tour de France vergleichen: Da haben Sie die Sprinter und die Kletterer. Das sind also Radfahrer, die eher für Berg- oder für flachere Etappen ausgebildet sind und was der eine kann, kann der andere nicht. Also ein Sprinter ist selten gut im Bergfahren und andersrum, einfach weil unterschiedliche Muskelgruppen trainiert werden.

Dr. Daniela Sammler, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Anwendungen für das Lernen erhofft

Die Tests mit den Pianisten haben gezeigt, wie feinjustiert unser Gehirn auf die Anforderungen seiner Umwelt reagiert, erläuert Neuropsychologin Daniela Sammler. Wenn man deshalb verstehen wolle, was universell im Gehirn passiert, wenn wir musizieren, müsse man sich auf mehr als nur einen Musikstil konzentrieren. Bisher wurde das aber hauptsächlich anhand von westlicher, klassischer Musik gemacht. Die Untersuchungen des Max-Planck-Instituts sind Grundlagenforschung. Sie dienen dem generellen Verständnis der Vorgänge in unserem Gehirn.

Prof. Sontraud Speidel und Lisa Wang spielen ein Stück von Franz Schubert, Allegro a-moll Op. 144 -Lebensstürme- für Klavier zu vier Hände bei der Eröffnung im ZKM der Konferenz 20 Jahre Frauenkulturfestival.
Pianisten üben ihr Instrument meist schon seit frühester Kindheit. Bildrechte: IMAGO

Pianisten sind für uns ein wunderbares Modell, wie sich das Gehirn an seine Umwelt anpasst. Es ist bekannt - schon seit Jahren -, dass die Gehirne von Musikern anders ticken als Gehirne von Nicht-Musikern. Das ständige, jahrelange Training seit der frühesten Kindheit führt zu ganz bestimmten Änderungen im Gehirn. Was uns jetzt wichtig war, ist zu zeigen, dass auf einem sehr sehr hohen Trainingslevel trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - Unterschiede immer noch bestehen zwischen den Gehirnen.

Dr. Daniela Sammler, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

"Für das Gesamtbild müssen wir nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner aller Musikrichtungen schauen", fügt die Neurowissenschaftlerin hinzu. Das sei ähnlich wie in der Sprachforschung. Um zu erkennen, welche Mechanismen universell gelten, um Sprache zu verarbeiten, könne man sich auch nicht nur auf Deutsch beschränken. Und ausgerechnet bei den Sprachen könnten die Forschunsgergebnisse praktische Anwendung finden: Wenn man weiß, wie man ein Gehirn trainieren muss und unterschiedliche Trainingsmethoden verschiedene Verknüpfungen im Gehirn hervorrufen, könnte man dieses Wissen nämlich beispielsweise auch auf das Sprachenlernen anwenden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 16. Januar 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2018, 07:00 Uhr