Waldkrise Wie viel Mensch braucht der Wald zum Überleben?

800 Millionen Euro will Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ausgeben, um den deutschen Wald zu retten und wieder aufzuforsten. Doch viele Forstexperten finden, das sei rausgeschmissenes Steuergeld.

Ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt – das sind 11,4 Millionen Hektar. In den vergangenen beiden, sehr trockenen Jahren, gingen 1,5 Prozent davon verloren. Land- und Forstwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ruft deshalb praktisch den Waldnotstand aus: "Unser deutscher Wald ist in Gefahr. Das ist keine Panikmache, sondern das ist eine Bestandsaufnahme."

Zur Anpassung des Waldes an den Klimawandel verkündete Ministerin Klöckner einen steuerfinanzierten Waldrettungsplan, der in Kürze startet. Knapp 800 Millionen Euro sollen für die Wiederaufforstung und die Räumung von Borkenkäferholz eingesetzt werden. "Und dann geht es darum, dass wir auch Setzlinge haben, die standort- und klimastabil gepflanzt werden", erklärt Klöckner gegenüber dem ARD-Magazin FAKT.

Eine Milliarde Pflanzen zur Wiederaufforstung

Waldökologe Rolf Steffens
Der Waldökologe Rolf Steffens findet die massenhafte Aufforstung nicht sinnvoll. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb ziehen Baumschulen massenhaft Setzlinge – heimische Laubbäume, kalifornische Douglasien. Es sind eine Milliarde Pflänzchen zur künstlichen Wiederaufforstung. Doch hilft das und ist ein großer Verlust von 180.000 Hektar bereits eine Katastrophe?

"Nein", sagen Waldökologen wie Rolf Steffens. Er leitete lange die Naturschutz-Fachbehörde Sachsen und ist entsetzt: "Ich kann ja damit leben, dass die Forstwirtschaft zusätzliches Geld braucht für forstsanitäre Maßnahmen oder bestimmte Forschung und so weiter." Doch für diese massenhafte Wiederaufforstung mit Baumarten, "deren Zukunft wir nicht kennen, würde ich keinen Euro ausgeben".

Abkehr von Plantagenwirtschaft gefordert

Steffen unterschrieb – wie viele andere – einen Offenen Brief an die Ministerin. Eine "konsequente Abkehr von der Plantagenwirtschaft", "Ruhepausen für den Wald" und "mehr Naturnähe" werden darin gefordert. Zu den Unterzeichnern gehören Waldaktivisten, Naturschützer, Forstbesitzer, Wissenschaftler sowie Umwelt- und Naturschutzverbände.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner weist die Kritik an ihrem Plan zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bundesministerin Klöckner sagt dazu: "Also alle Wissenschaftler und seriösen Kenner der Szene halten das für sehr ideologisch angeheizt. Also ich glaube, wir sollten sehr evidenzbasiert und sehr faktenbasiert argumentieren."

Der habilitierte Forstwissenschaftler Rolf Steffens setzt dem Fakten entgegen. Er erlebte die massive Aufforstung vor 30 Jahren: "Ende der AchtzigerJahre hatten wir in Sachsen etwa auf zwei Drittel der Nadelwaldbestockungen Rauchschäden und auf etwa 30.000 Hektar richtig absterbenden Wald." Zur Abhilfe wurden im Erzgebirge Millionen "rauchharte" Stechfichten und Murraykiefern gepflanzt. Sie galten als besonders robust. Ein Irrtum – die meisten gingen ein.

Experten: Wald wächst von allein

Stattdessen soll es laut Experten ein anderes Modell geben. So war in den Achtziger Jahren auch um die Lugsteine bei Zinnwald alles kahl. Dort hat niemand aufgeforstet. Der junge Urwald wuchs allein – mit zehn Baumarten: Karpatenbirke, Aspe, Rot-Erle oder Bergahorn. Ein Vorwald mit Naturverjüngung.

"Wir wissen aus den Untersuchungen, dass mindestens 60 Prozent, wahrscheinlich sogar 70 bis 80 Prozent der Fläche innerhalb von fünf Jahren wiederbewalden", sagt Knut Sturm von der Naturwald-Akademie. Er hat mit Kollegen in ganz Deutschland ähnliche Fälle dokumentiert. "Das heißt also, warum will ich jetzt so viel Geld ausgeben?", fragt er.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 26. November 2019 | 21:45 Uhr

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