Ein Baby nach einem Kaiserschnitt.
Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Evolution Mit dem Wohlstand kommen die Kaiserschnitte

Wer auf seinem Geburtspass drei Kilo vorweisen kann, galt vor Jahrzehnten noch als "strammer Kerl". Heute sind Babys mit drei oder vier Kilo Geburtsgewicht schon fast Alltag. Wie Kindsgröße, Kaiserschnitt-Rate und verbesserte Lebensbedingungen miteinander verknüpft sind, hat ein Forscherteam der Uni Wien untersucht und dabei einen ganz neuen Aspekt ans Licht geholt.

Ein Baby nach einem Kaiserschnitt.
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Warum kommen in manchen Ländern mehr Babys per Kaiserschnitt zur Welt als in anderen? Bisher glaubte man, dies ließe sich mit sozioökonomischen, rechtlichen und kulturellen Unterschieden erklären. Ein Forschungsteam der Uni Wien hat einen anderen Faktor ausgemacht, der das Wachstum der Föten und somit indirekt die Kaiserschnittrate beeinflusst: Verbesserte Lebensumstände der Mütter.

Wirtschaftswachstum erschwert Geburten

Die Evolutionsbiologen Philipp Mitteröcker und Eva Zaffarini von der Uni Wien haben anhand von Daten aus dem Zeitraum 1896 bis 1996 errechnet, dass Neugeborene jedes Jahr im Durchschnitt einen Millimeter größer waren als die im Jahr davor. Aus evolutionärer Sicht ein rapides Wachstum mit gewaltigen Auswirkungen: Der eine Millimeter pro Jahr, wie er für viele Länder im 19. und 20. Jahrhundert typisch war, erhöht die Kaiserschnittrate im Schnitt um etwa zehn Prozent. Angesichts vieler Länder, deren Wirtschaft sich aktuell stark verändert, wird das die weltweite Kaiserschnittrate in Zukunft weiter steigen lassen. Ob sich die Forderung der WHO, pro hundert Geburten nicht mehr als zehn bis 15 Kaiserschnitte, noch halten lässt, bezweifelt das Wiener Forschungsteam.

Wenn Föten Mütter überholen

An sich sind verbesserte Lebensumstände für alle Beteiligten etwas Gutes, doch im Fall einer Schwangerschaft führt das dazu, dass die Kinder die Mütter körperlich quasi überholen. Wie das? Wenn der Fötus  zu groß und der Geburtskanal der Mutter zu eng ist, kann das einen Kaiserschnitt zur Folge haben. Ist eine Mutter in der Kindheit im Mangel großgeworden und wird in verbesserten Lebensumständen schwanger, entwickelt sich der Fötus auf dem Level dieser Umstände, wird größer - und passt nicht durch den Geburtskanal, der sich zu anderen Zeiten und Versorgungsumständen entwickelt hat. So entsteht das Missverhältnis zwischen Mutter und Kind: Das Kind ist dem Körper der Mutter quasi eine Generation voraus.

Wo wird wie geboren?

Zwischen 2000 und 2015 hatte sich weltweit gesehen die Zahl der Kaiserschnitte fast verdoppelt - von 12 auf 21 Prozent. Von Land zu Land variieren die Kaiserschnittzahlen bis heute enorm: Die Rate in afrikanischen Ländern südlich der Sahara liegt zwischen ein und zwei Prozent. 12 Länder - darunter zahlreiche südamerikanische Länder, aber auch Iran und Georgien - haben eine Rate von 40 Prozent Kaiserschnitten bei Geburten. In der Türkei, Ägypten und Brasilien kommt sogar jedes zweite Kind so zur Welt. Auch innerhalb Europas sind die Unterschied groß: In Skandinavien werden 15 Prozent der Babys per Kaiserschnitt zur Welt geholt, in Portugal 35 Prozent. Auch in Deutschland kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt.

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Kaiserschnittzahlen 1896-1960 Bildrechte: Universität Wien
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Kaiserschnittzahlen 1896-1960 Bildrechte: Universität Wien
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Kaiserschnittzahlen 1971-1996 Bildrechte: Universität Wien
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Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 14. Oktober 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 09:54 Uhr