Die Lust an der Angst Gruseln kann nützlich sein

Warum gruseln wir uns so gerne? Warum schauen wir Filme, bei denen wir den Ton abstellen? Warum joggen wir mit Apps, die uns mit Gruselsounds Beine machen?

Horror Clown
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Ob Clown Penny Wise aus Stephen Kings Wälzer "Es" oder Freddy Kruger aus "Nightmare on Elmstreet" oder Internetphänomene wie "Blauer Wal" oder das rabenartige "Momo"-Phänomen: Gruselige Figuren in gruseligen Geschichten oder Kontexten. Warum tun wir uns das an, was fasziniert am Grusel? Warum schauen wir uns Filme an, bei denen wir die Augen zumachen, lesen Bücher, die uns den Schlaf rauben, oder laden uns Apps wie "Zombies run" aufs Smartphone, deren Horrorgeräusche uns beim Lauftraining Angst machen?

Evolutionsbiologisch gesehen ist Angst ein uralter Mechanismus, der uns schützt: Vor vielen tausend Jahren vor wilden Tieren und gefährlichen Situationen wären die Menschen ohne diesen Menchanismus vermutlich ausgestorben. Im besten Fall lässt sie uns heute in Gefahr über uns selbst hinauswachsen und befähigt uns zu Dingen, die wir ohne Angst für unmöglich hielten. Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen, erklärt das im Gespräch mit dem MDR so:

Immer wenn wir uns in Gefahr bewegen und wir unbeschadet rauskommen, kreisen Angsthormone in unserem Körper. Dann werden auch Endorphine ausgeschüttet.

Warum suchen wir den Thrill?

ClipX | Wingsuit-Flying
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Aber warum suchen manche Menschen einerseits die Stresshormone der plötzlichen, nicht kontrollierbaren Angstmomente, ganz gleich ob als Kinder zu Halloween, als Jugendliche beim Schritt auf die Klappe der Loopingrutsche, oder als Erwachsene beim Sprung im Wing-Suit vom Bergabhang? Es liegt an den Endorphinen, Wohlfühlhormonen, die da sind, sobald wir ins Geborgenheitsmoment zurückkehren:

Der Moment nach dem freien Fall in der Looping-Rutsche. Der Augenblick, wenn der Schreck sich auflöst, wenn die Wohlfühlhormone im Blut kreisen. Psychologen nennen dieses Gefühl die Angstlust: Sie tritt da auf, wo die Anspannung nachlässt – zum Beispiel auch wenn im Kino-Thriller der Täter oder das Gruselmonster gefasst werden.

Gruseln - gut oder schädlich?

Gesundheitlich gefährlich sind Schreckmomente beim Gruseln nicht - nach Auffassung von Borwin Badelow testen sie unser Angstsystem, wenn unser Kreislauf oder Pulsschlag plötzlich in die Höhe schnellt. Schlimmstenfalls können sie Bilder in uns hinterlassen, die wir nicht wieder vergessen, warnt der Psychologe. Bei anderen dagegen wirken sie seelenreinigend oder sogar Angst abbauend, wie beim Aufwachen aus einem Alptraum.

Nicht gruselig: Sogar Sprache passt sich an

Interessanterweise spiegelt auch die Sprachentwicklung wider, wie wir beängstigende Phänomene beschreiben: Früher verbreiteten sich Gruselgeschichten oder Phänomene "wie Lauffeuer" - Feuer als beängstigender, unkontrollierbarer Zerstörer. Heute dagegen gehen Gruselphänomene wie "Momo" oder der "Blaue Wal" "viral": die rasende schnelle Verbreitung lehnt sich sprachlich an das beängstigende "Verhalten" von Viren an - unsichtbar, nicht steuerbar, selbstausbreitend.

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Kreidequietschen und Angstschreie - beides gehört zu den unangenehmsten Geräuschen überhaupt. Da ist eine Gänsehaut garantiert.
Wieso eigentlich?

Do 15.03.2018 11:42Uhr 02:01 min

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