Gene oder Umwelt? Warum sind Menschen eigentlich unterschiedlich groß?

Wer einen Teenager Zuhause hat, kennt das vielleicht: Plötzlich guckt das 14-jährige Kind auf Vater oder Mutter runter und prustet: "Du bist aber klein!" Das ist kein Wunder, sondern liegt in der Natur des Menschen. Wir werden von Generation zu Generation größer, allerdings nicht gleichmäßig: Der eine ist etwas kürzer geraten, die andere hat immer den Überblick von ganz oben. Aber warum ist das so? Die genetische Veranlagung allein erklärt das nicht. Was macht uns also unterschiedlich groß?

Jos Staiger misst die Körpergröße eines Kindes 3 min
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Sie mag für die meisten Menschen etwas Banales sein, aber für Evolutionsbiologen ist unsere Körpergröße ein spannendes Rätsel. Dass wir Menschen und auch andere Lebewesen so unterschiedlich groß sein können, ist ein Phänomen, für das man keine richtige Erklärung hatte, sagt Thomas Bosch, Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Man weiß, dass die Körpergröße art-spezifisch festgelegt ist, erklärt der Zoologe. Der Mensch hat seine bestimmte Größe und je nach Tierart ist das auch so.

Bei den Tieren sind Wale größer als Meerschweinchen und Hunde. Es gibt eben keinen Hund, der so groß ist wie ein Wal und es gibt kein Meerschweinchen, das so groß ist wie ein Hund. Eine biologische Art hat eine fixierte Körpergröße innerhalb fixierter Grenzen und Schwankungen. Es muss wohl irgendwo genetisch festgelegt sein.

Evolutionsbiologe Thomas Bosch

Aber, relativiert Bosch, wenn er durch die Fußgängerzone gehe, dann seien die Menschen ganz und gar nicht gleich groß, ganz im Gegenteil. Wie kommt das also zustande? Wie groß der Einfluss unserer Größen-Gene tatsächlich ist, hat eine Kohortenstudie bereits 2017 festgestellt, erläutert der Evolutionsbiologe.

Diese Arbeit postulierte tatsächlich, dass etwa 30 Prozent Genetik ist. (…) 70 Prozent ist dann nicht Genetik. Und das haben wir uns an unserem Modell-Organismus, dem Süßwasser-Polypen Hydra, dargestellt: Wie sieht 's denn da aus?

Evolutionsbiologe Thomas Bosch
Süßwasserpolyp
Vom Süßwasserpolyp lässt sich auf andere Lebewesen schließen Bildrechte: imago/imagebroker/Dirscherl

Der Süßwasserpolyp Hydra war also das Testsystem der Forscher. Denn sie wollten einige Gene, die mit der Körpergröße zu tun haben könnten, ausschalten. Das geht natürlich nicht beim Menschen. Hydra eigne sich dafür, weil es ebenfalls Tiere unterschiedlicher Größe gibt und sich die Ergebnisse auf andere Lebewesen übertragen ließen, sogar auf den Menschen. Das Erbgut dieser winzigen Tierchen haben die Forscher dann genau analysiert.

Auf der zellulären Ebene haben wir herausgefunden, dass in der Tat einer der Umweltfaktoren – die Temperatur – einen großen Einfluss auf Größe hat.

Evolutionsbiologe Thomas Bosch

Ein Faktor, der unsere Körpergröße bestimmt, seien also Einflüsse aus der Umwelt. Je niedriger die Temperatur war, desto größer wurden die Tiere. Die Forscher haben auch die Gene selbst genauer analysiert und sind dabei auf ein paar Schlüssel-Gene gestoßen. Wurden die ausgeschaltet, änderte sich die Körpergröße. Daraus konnten die Forscher eine Art Grundplan für die Entstehung der Größe ableiten.

Offensichtlich bilden die interne Maschinerie einer Zelle zusammen mit den Regulatoren die genetische Maschinerie. Die Temperatur wird von dieser genetischen Maschinerie wahrgenommen und dann umgesetzt in Zellzahl, in Zellgröße und damit auch in Körpergröße.

Evolutionsbiologe Thomas Bosch

Als nächstes will Boschs Team sich dem Umwelteinfluss unserer Ernährung widmen. Denn die bestimmt im Wesentlichen die Zusammensetzung unseres Mikrobioms - der Bakterien also, die auf und in uns sind. Ein erstes Zwischenergebnis gibt es sogar schon: Ganz offenbar hat auch das Mikrobiom etwas damit zu tun, wie groß ein Individuum wird.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 05. September 2019 | 07:50 Uhr