Energiewende Warum Müll in Kohlekraftwerken landet

Der Kohleausstieg ist besiegelt, bis 2038 sollen alle Kraftwerke vom Netz gehen. Was wenige wissen: In Kohlekraftwerken wird auch Müll verbrannt. Doch warum eigentlich?

von Katrin Tominski

Kraftwerk Jänschwalde
Bildrechte: imago/Dirk Sattler

Der Kohleausstieg ist besiegelt, bis 2038 sollen alle Kraftwerke vom Netz gehen. Was wenige wissen: In Kohlekraftwerken wird auch Müll verbrannt. Das stellt auch die Entsorger vor Probleme. Allein in den Kraftwerken Schwarze Pumpe in Sachsen und Jänschwalde in Brandenburg können 600.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe – das sind aus Müll gepresste Pellets – nicht mehr verbrannt werden.

Insgesamt 22 Braun- und Steinkohlekraftwerke besitzen nach einer Aufstellung des Umweltbundesamtes (UBA) die Genehmigung Abfälle zusammen mit Kohle zu verbrennen. Dazu gehören unter anderem die Kraftwerke Schwarze Pumpe und Jänschwalde in der Lausitz sowie Weisweiler nahe Eschweiler. Insgesamt verbrennen den Angaben zufolge zwölf der Kohlekraftwerke tatsächlich Abfälle – unter anderem Ersatzbrennstoffe, Klärschlamm, Tiermehl, Kunststoffe und Folien. Allein in Jänschwalde und Schwarze Pumpe werden laut deren Betreiber – dem Energieversorger LEAG – jedes Jahr 600.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe verbrannt.

Nicht alle Kraftwerke verbrennen Abfall

Laut UBA-Studie nehmen jedoch längst nicht alle der Kraftwerke ihre Genehmigung in Anspruch. Die Kraftwerke Lippendorf bei Leipzig, Boxberg in der Lausitz oder auch das Wärmekraftwerk in Kassel sowie das Heizkraftwerk in Flensburg verbrennen keine Abfälle in ihren Hochöfen.

Restmüll wird zu Ersatzbrennstoffen (EBS) verarbeitet

Der Müll landet laut Forschern der TU Freiberg jedoch nicht unverarbeitet in den Kraftwerken. Der Restmüll beispielsweise werde oft erst zu sogenannten Ersatzbrennstoffen verarbeitet. Nachdem in Sortieranlagen aus dem nassen Restmüll Metalle und Mineralstoffe herausgefiltert worden sind, wird der Müll getrocknet und zu kleinen Pellets gepresst. Diese mischen die Energieversorger dann als Ersatz- und Sekundärbrennstoffe der Kohle bei und verbrennen beides zusammen.

Der Anteil der EBS bei der Kohleverbrennung ist allerdings klein. Er beträgt laut der Forscher lediglich drei Prozent. Ersatzbrennstoffe verursachen in etwa 900 bis 1.000 Gramm CO2 pro kWh Strom. In Deutschland gibt es Kraftwerke, in denen nur Ersatzbrennstoffe verbrannt werden – unter anderem in Großräschen, Spremberg, Eisenhüttenstadt, Bitterfeld-Wolfen, Erfurt und Rudolstadt.

Warum die Müllverbrennung so populär wurde

Seit dem Jahr 2005 gilt das Deponieverbot. Unbehandelte biologisch abbaubare Siedlungsabfälle dürfen nicht mehr auf Mülldeponien gelagert werden - ohne Ausnahme. Als Siedlungsanfall gilt Haus-oder auch Restmüll. Er besteht zu etwa gleichen Teilen aus biologisch abbaubaren sowie nicht recycelbaren Anteilen. "Mit dem Verbot wird ausgeschlossen, dass von der bisher üblichen Abfallbeseitigung auch in Zukunft noch erhebliche Gefahren für Boden, Grund- und Oberflächengewässer sowie das Klima ausgehen. Die nachfolgenden Generationen sollen nicht weiterhin mit den Risiken ständig neu produzierter Altlasten und den Kosten ihrer Sanierung belastet werden", erklärte das Bundesumweltministerium damals im Jahr 2004. Infolgedessen entstanden viele Müllverbrennungsanlagen in Mitteldeutschland und auch ganz Deutschland. Deponiert wird heute nur noch baustoffähnlicher Müll – wie Bodenaushub, Bauabfälle, künstliche Mineralfasern und Asbest.

Wo wird in Deutschland überall Müll verbrannt?

Müll wird nicht nur in klassischen Müllverbrennungsanlagen verbrannt, sondern eben auch in Kohlekraftwerken in die Öfen gegeben. Auch Zement- und Kalkwerke werden genutzt, um Müll mit zu verbrennen. Weiterhin gibt es Anlagen zur Verbrennung von Klärschlamm, Altholz und Biomasse. In EBS-Kraftwerken werden EBS ohne Zugabe verbrannt.

Laut einer Studie des Umweltbundesamt aus dem Jahr 2018 gibt es in Deutschland insgesamt 66 herkömmliche Müllverbrennungsanlagen (MVA) in Deutschland, die meisten davon im Ruhrgebiet. In den ostdeutschen Bundesländern gibt es MVA's an folgenden Orten: Lauta, Leuna, Zorbau, Staßfurt, Zella-Mehlis, Magdeburg sowie Ludwigslust. In Berlin gibt es eine Verbrennungsanlage. Bereits im Jahr 2016 seien die Anlagen schon zu 92 Prozent ausgelastet gewesen - Tendenz seit 2012 steigend.

Weiterhin verbrennt Müll in 32 Verbrennungsanlagen für Ersatzbrennstoffe, 31 Sondermüllverbrennungsanlagen, 56 Anlagen zur Altholzverbrennnung sowie in 27 Klärschlammverbrennungsanlagen und 34 Zement- und Kalkwerken.

Warum verbrennt Müll in herkömmlichen Anlagen mit dem Dreifachen an CO2-Emissionen als in Kohlekraftwerken?

Die hohe Temperatur in den Kohlekraftwerken eignet sich gut, um den Müll mit wenigen Emissionen zu verbrennen. Kohlenkraftwerke sind durch den Einsatz der Kohle beim Wirkungsgrad der Stromerzeugung viel effizienter als die Müllverbrennungsanlagen mit ihren minderwertigen und hochbelasteten Abfällen. In Müllverbrennungsanlagen liegen die Verbrennungstemperaturen viel niedriger. Das treibt die Emissionen und auch den Co2-Ausstoß nach oben.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08. November 2019 | 08:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 10:00 Uhr

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