Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Bildrechte: imago/Christian Ohde

Drittes Geschlecht Was ist Intersexualität?

Künftig muss es in Deutschland drei Geschlechter geben: Mann, Frau und Inter. Das Karlsruher Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass ein drittes Geschlecht für intersexuelle Menschen eingeführt werden muss. Aber was genau ist Intersexualität eigentlich?

Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Bildrechte: imago/Christian Ohde

Lange Zeit konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Schon immer kamen einige Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt. Ab Ende 2018 muss für diese Menschen ein eigenes Geschlecht eingeführt werden. Laut dem Beschluss muss der Gesetzgeber eine Neuregelung schaffen, in der neben "männlich" und "weiblich" noch ein drittes Geschlecht aufgeführt wird, das etwa "inter", "divers" oder eine andere "positive Bezeichnung des Geschlechts" bekommen muss.

Eine biologische Besonderheit

Die Menschen, die dem dritten Geschlecht zugeordnet werden, bezeichnet man als Intersexuelle. Doch was verbirgt sich hinter der Intersexualität? Die Antwort beschreibt gewissermaßen eine biologische Besonderheit: Die meisten Menschen werden mit einem bestimmten Geschlecht geboren, dass sich über gewisse Merkmale bestimmen lässt. Dazu gehören Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane. Bei intersexuellen Menschen ist das nicht ganz so eindeutig. Sie weisen Merkmale beider Gechlechter auf - kommen also gewissermaßen zwischen den Geschlechtern zur Welt. Dabei kann es durchaus sein, dass eine intersexuelle Person äußerlich zwar eindeutig einem Geschlecht entspricht, genetisch oder horomonell aber dem des anderen.

Die Intersexualität wird den sogenannten Sexualdifferenzierungsstörungen (engl. disorders of sex development, DSD) zugerechnet. In der Vergangenheit hat man auch von "Zwittern" gesprochen, was einige Menschen jedoch als diskriminierende Bezeichnung empfinden. Das Phänomen ist gar nicht so selten, wie man vermuten könnte: Nach Schätzungen kommt etwa eines von 4.500 bis 10.000 Kindern intersexuell zur Welt. Diese Uneindeutigkeiten des Körpergeschlechts sind biologisch möglich, weil die Geschlechtsorgane beim männlichen und weiblichen Embryo im Mutterleib aus denselben Anlagen entstehen.

Der Begriff der Intersexualität stammt vom Genetiker Richard Goldschmidt. Er prägte ihn bereits im Jahr 1915. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen Präfix inter- für "zwischen" und dem lateinischen sexus für "Geschlecht" und bedeutet demnach "Zwischengeschlechtlichkeit".

Was unterscheidet Intersexuelle von Transsexuellen und Transgendern? INTERSEXUALITÄT: Bei intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Vor der Einführung des Begriffs "Intersexuelle" war meist von "Zwittern" die Rede.

TRANSSEXUALITÄT: Transsexuelle haben zwar eindeutige Geschlechtsmerkmale, fühlen sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig und somit als Mensch im falschen Körper. Die genauen Ursachen dafür sind unbekannt. Bei starkem Leidensdruck können Ärzte die Geschlechtsorgane in Richtung des angestrebten Körpers verändern.

TRANSGENDER: Bei Transgendern geht es - anders als bei Transsexuellen - nicht um die körperliche, sondern die soziale Identität: um die Abweichung von klassischen Geschlechterrollen. Sie fühlen sich mit der Rolle, die ihnen wegen der äußeren Geschlechtsmerkmale bei der Erziehung zugewiesen wurde, falsch beschrieben.

LSBTTIQ: Selbstbezeichnung für eine Gruppe von Menschen, die mehrere sexuelle Identitäten und Gender umfasst. Die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queere.

Die Frage nach der Eindeutigkeit

Intersexualität war lange Zeit ein Tabu. Ab den 1960er Jahren wurden bei Kindern, die nicht mit eindeutigen äußeren Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, bereits im Säuglingsalter genitalangleichende Operationen durchgeführt. Dazu gehörten unter anderem die Entfernung eventuell vorhandener Hoden oder die Verkleinderung der Klitoris auf eine "typisch weibliche" Größe. Die Eltern wurden vor der Entscheidung für solche Operationen oft nur unzureichend aufgeklärt über die Risiken, die medizinischen Folgen wie etwa weitere Behandlungen. Außerdem sind die Eingriffe aus medizinischer Sicht meist nicht notwendig gewesen, sondern waren eher kosmetischer Natur.

Fünf nackte Babys liegen auf einem Teppich
"Feminisierungs und Maskulinisierungsoperationen" bereits bei Babys waren der Normalfall Bildrechte: Colourbox.de

Notwendig war diese operative Herstellung einer Eindeutigkeit allenfalls aufgrund des Personenstandsrechts, das die Kategorisierung in männlich oder weiblich vorschrieb. Seit einer Neuregelung des Personenstandsgesetzes 2009 kann auf Verlangen darauf verzichtet werden, in die Geburtsurkunde das Geschlecht aufzunehmen. Mit einer weitergehenden Neuregelung 2013 stellte der Gesetzgeber noch einmal eindeutig klar, dass die Geschlechtsangabe im Geburtseintrag offenbleiben kann, wenn sie nicht zweifelsfrei feststeht. Seitdem sind medizinisch nicht notwendige Operationen zur Geschlechtsangleichung kurz nach der Geburt nicht mehr notwendig. Stattdessen soll eine individuelle Therapie erfolgen, die neben der Anatomie auch andere Fachdisziplinen umfasst, empfiehlt eine Leitlinie der Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.

Die Leitlinien für die medizinische Behandlung intersexueller Kinder wurden seit 2005 nach und nach überarbeitet, nachdem die Operationen in die Kritik geraten waren. Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin hat untersucht, inwiefern das zu einem Rückgang der kosmetischen Operationen geführt hat. Die Forscher kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass die Anzahl von "Feminisierungs- und Maskulinisierungsoperationen" an Kindern unter zehn Jahren relativ konstant geblieben und somit nicht zurückgegangen ist.

Außerhalb Deutschlands gibt es das "dritte Geschlecht" vielerorts bereits - etwa in Indien, Brasilien, dem Kosovo, Nordamerika und Indonesien gibt es eine weitere Geschlechteskategorie. In Australien und Belgien gibt es ein "unbestimmtes" Geschlecht.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 08.11.2017 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 14:57 Uhr