Weltgesundheitstag Mit Daten gegen Depressionen

Unter Depressionen leiden Betroffene sehr. Und deren Zahl geht in Deutschland in die Millionen. Eine Volkskrankheit - die Behandlung wird aber wirksamer, weil die Krankheit besser erkannt wird. Nun erforschen Mediziner auch an der Leipziger Uniklinik, wie Internet und Smartphones helfen können.

Depressionen werden immer noch sehr oft missverstanden, sagt Ulrich Hegerl. Das Umfeld glaube, jemand sei einfach in schlechter Stimmung, weil er etwas Trauriges erlebt habe. Das aber sei grundfalsch. "Menschen mit schweren Depressionen geben an, überhaupt keine Gefühle mehr wahrnehmen zu können, auch keine Trauer. Die erleben sich wie versteinert", sagt der Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Zudem suchten die Betroffenen die Schuld oft bei sich selbst.

Wer unter Depressionen leidet, sagt nicht, dass ist die Überforderung durch den Arbeitgeber, sondern der gibt sich oft selbst die Schuld. Betroffene sind auch häufig sehr angespannt, fühlen sich permanent in einem Zustand wie vor einer wichtigen Prüfung. Jemand, der vielleicht zu viel gearbeitet hat, ist müde, muss gähnen und ihm fallen die Augen zu. Depressive dagegen können eher nicht gähnen und nicht einschlafen.

Ulrich Hegerl, Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Uniklinik Leipzig

Die Zahl der Diagnosen steigt. Krankenkassen stellen seit einigen Jahren fest, dass immer häufiger Depressionen als Ursache angegeben werden, wenn Arbeitnehmer längere Zeit krankgeschrieben sind. Der Weltgesundheitstag 2017 am 7. April macht daher Depressionen zum zentralen Thema. Mit dem Blick auf die Zahlen warnt Hegerl aber vor dem zweiten Missverständnis.

Nicht die Häufigkeit von depressiven Erkrankungen nimmt zu, sondern sie werden häufiger erkannt. Mehr Menschen suchen sich Hilfe und Ärzte verstecken Depressionen nicht mehr hinter Ausweichdiagnosen wie etwa chronischen Rückenschmerzen oder Tinitus.

Prof. Ulrich Hegerl

Vor 30 Jahren sind nur neun Prozent der Arbeitnehmer wegen psychischen Problemen frühzeitig in Rente gegangen, so Hegerl. "Heute sind es 43 Prozent. Das ist eine gute Entwicklung, denn im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Suizide von etwa 18.000 auf jetzt etwa 10.000 zurückgegangen. Ich sehe da einen Zusammenhang, weil mehr Menschen aus der Isolation rauskommen und sich Hilfe holen."

Wie aber lässt sich den Betroffenen besser helfen? Am Forschungszentrum Depression der Deutschen Depressionshilfe, das Hegerl leitet, arbeiten der Psychiater und seine Kollegen an neuen Methoden. Finanzielle Unterstützung erhalten sie dabei von der Stiftung der Deutschen Bahn. Die Eisenbahner haben ein ureigenes Interesse daran, die Zahl der Suizide zu senken: Immer wieder werden Lokomotivführer schwer traumatisiert, wenn Selbstmörder vor Züge springen.

Zu viel Schlaf verstärkt die Depression

Ein Ergebnis der Arbeit der Leipziger Mediziner ist das Online-Werkzeug "iFightDepression". Mit seiner Hilfe können sich Patienten, die sich in einer Therapie befinden, selbst überwachen und lernen, mit der Krankheit umzugehen. "Man muss darauf achten, wie man seinen Tag strukturiert, dass man nicht zu viel Stress hat. Das Tool kann einem helfen, negative Gedankenkreisläufe zu durchbrechen und auf den richtigen Schlaf zu achten."

Zu viel Schlaf verstärke die Depression, das sei durch Studien gut erforscht, sagt Hegerl. Eine wirksame Methode gegen die Symptome sei daher eine Reduzierung der Schlafzeit. Dabei soll ein weiteres Programm helfen, die "Get-Up"-App für Smartphones. Damit kann jeder Patient zunächst prüfen, ob bei ihm ein Zusammenhang vorliegt, zwischen längeren Bettzeiten und der Schwere der Depression. "Und dann kann man mit Hilfe der App eine leichte Schlafrestriktion machen, dass man nicht zehn Stunden, sondern nur acht und dann nur noch siebeneinhalb Stunden im Bett ist und so gegensteuert."

Smartphones messen Biodaten

Auch das neue Projekt "Steady" greift auf moderne, persönliche Elektronik zu. In Kooperation mit dem Institut für angewendete Informatik entwickeln die Forscher Programme, die die Sensoren von Smartphones nutzen und so Biodaten von Patienten aufzeichnen. So soll unter anderem gemessen werden, wie viel sich ein Patient bewegt, oder wie ruhig sein Schlaf ist. So sollen Patienten Informationen über sich selbst erhalten und sich besser beobachten können. Dadurch sollen sie herausfinden, welche Methoden ihnen am besten gegen die Krankheit helfen.

Bei Steady soll der Patient selbst bestimmen können, ob er seine Daten dem Arzt zugänglich macht oder in anonymisierter Form auch den Forschern zur Verfügung stellt. Können die Wissenschaftler so eines Tages auf längere Datenreihen zugreifen, sei das eine große Chance, meint Hegerl.

Wir haben hier ja keine objektiven Laborwerte, etwa wie etwa den vom Blutzucker bei Diabetikern, an denen wir uns festhalten können. Und deswegen sind alle Daten, die hier Infos liefern, sehr wertvoll.

Prof. Ulrich Hegerl

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN im Radio | 07.04.2017 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 11:52 Uhr