Geografie So verzerren Landkarten unser Weltbild

Auf den Landkarten in unseren Klassenzimmern ist die Welt nicht, wie sie wirklich ist. Grönland ist riesig, Indien im Verhältnis viel zu klein. Woran liegt das und wie groß sind die Länder und Kontinente tatsächlich?

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Di 09.06.2020 12:04Uhr 00:48 min

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Grönland ist eine riesige weiße Insel oben im Norden, vier Mal so groß wie das kleine Indien, und Russland ist sowieso das größte Land der Welt und größer als ganz Afrika – diesen Eindruck gewannen Generationen von Schülern, die auf Weltkarten von Hermann Haack aus Gotha schauten, oder auf jede andere Darstellung der Erde, die sich an der Projektion des Belgiers Gerhard Mercator orientierte. Das Problem daran: In Wirklichkeit ist das Verhältnis umgekehrt. Mit rund 3,3 Millionen Quadratkilometern hat der indische Subkontinent rund ein Drittel mehr Fläche als die arktische Insel, die nur etwa 2,2 Millionen Quadratkilometer groß ist. Und Russland ist nur etwas mehr als halb so groß wie Afrika.

Anderes Weltbild in Boston/USA

Sollen wir unseren Blick auf die Welt also ändern? Es ist einen Versuch wert, entschied die Schulbehörde in Boston bereits 2017. Seit diesem Jahr lernen die Schüler der Stadt an der US-Ostküste mit einer anderen Darstellung der Welt. Statt einer Mercatorprojektion wird dort an allen öffentlichen Schulen eine am Bremer Kartographen Arno Peters orientierte Weltkarte verwendet. Sie bildet die Länderflächen maßstabsgerecht ab, ist also flächentreu. Die Bostoner Behörde argumentiert: Der Nachwuchs solle nicht mehr ein Weltbild entwickeln, das Europa in den Mittelpunkt stelle und größer mache, als es in Wirklichkeit sei.

Wie entsteht das verzerrte Weltbild?

Der Belgier Mercator hatte allerdings gar nicht im Sinn, Europa, Indien, Russland oder Deutschland künstlich zu vergrößern. Das Grundproblem ist vielmehr: Man kann die Oberfläche einer Kugel nicht als zweidimensionale Fläche darstellen, ohne die Verhältnisse zu verzerren. Plastisch wird das am Beispiel einer Orange. Presst man eine abgepellte Schale flach auf den Tisch, so entstehen rasch Risse. Mercators Karte wiederum spannte die Schale der Erde auf einen Zylinder. Durch diese Darstellung weiten sich Flächen je weiter auf, je näher sie an den Polen liegen. Bei Mercatorkarten stimmen die Proportionen nur am Äquator.

Projektionen Weltkarten und ihre Proportionen

Die meisten Kartographen versuchen, die runde Oberfläche der Erde als flache Karte dazustellen. Dadurch kommt es zu Fehlern, wie etwa falschen Größenverhältnissen.

Weltkarte Merkator Projektion a
In der Schule werden meistens Karten verwendet, die auf die sogenannte Merkator-Projektion zurückgreifen. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Merkator Projektion a
In der Schule werden meistens Karten verwendet, die auf die sogenannte Merkator-Projektion zurückgreifen. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Merkator Projektion
Der belgische Kartograph Gerhard Merkator versuchte, die runde Erdoberfläche auf einem Zylinder abzubilden. Vorteil: Seefahrer können die richtigen Winkel zwischen Orten ausmessen. Nachteil: Je weiter man sich auf der Karte vom Äquator entfernt, desto größer erscheinen Orte. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Peters  Projektion b
Der Bremer Kartograph Arno Peters hingegen setzt einen Zylinder an, der die Erdoberfläche jweils bei 45 Grad südlicher und nördlicher Breite schneidet. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Peters  Projektion a
Peters Projektion gleicht die Verzerrung der Größenverhältnisse besser aus, ist allerdings nicht Winkel- und auch nicht längentreu. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Azimuthal B
Eine sogenannte Azimutalprojektionen erhält man, wenn man sich eine Fläche vorstellt, die die Erdkugel an einem Punkt berührt. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Azimuthal a
Eine sogenannte Azimutalprojektionen erhält man, wenn man sich eine Fläche vorstellt, die die Erdkugel an einem Punkt berührt. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Goode
Die Goode-Projektion wiederum versucht, die Erde wie eine Orange zu schälen... Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Goode A
... und die Schale dann flach auf einen Tisch zu pressen. Hier werden Lücken in Kauf genommen. Bildrechte: IMAGO
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Dafür ist die Projektion des Belgiers winkeltreu. Wer mit einem Segelschiff über das Meer navigiert, kann überall auf einer Mercatorkarte ausmessen, um welchen Winkel er seinen Kurs ändern muss, um an sein Ziel zu gelangen. Bei einer Petersprojektion ist das anders, dort werden die Winkel größer, je weiter man sich den Polen nähert. Es gibt nur eine Möglichkeit die Winkel und Proportionen der wirklichen Welt gleichzeitig korrekt darzustellen: auf einem Globus.

Die Origamie-Karte

Eine Annäherung an die Kugel hat der japanische Designer Hajime Narukawa versucht und für seine sogenannte Autagraph-Karte im November 2016 eine Designauszeichnung erhalten. Seine Projektion berechnet die Krümmung der Oberfläche ein, die Karte funktioniert nach dem Prinzip von Origamie. Faltet man sie zusammen, erhält man eine fast runde Abbildung der Erde.

Kartenprojektion von Hajime Narukawa, die die Verzerrungen der Flächen ausgleicht. So erkennt man: Brasilien und Afrika sind deutlich größer, als sie auf Merkator-Karten wirken.
Bildrechte: Narukawa Laboratory, Keio University Graduate School of Media and Governance + AuthaGraph Co., Ltd

Die wahre Größe auf einen Klick

Wie man die Verzerrung auf einen Klick sichtbar macht, zeigen James Talmage und Damon Maneice. Sie haben die Webseite thetruesize erstellt. Diese ermöglicht es, alle Länder der Welt so übereinanderzulegen, dass ihre wahre Größe erkennbar wird. Das Ziel der beiden: "Wir hoffen, dass Lehrer damit ihren Schülern zeigen, wie groß die Welt tatsächlich ist."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 25.03.2017 | 16:50 Uhr

ens/krm