Infektion Covid-19 Wie sich das Wetter auf das Corona-Virus auswirkt

Einige Experten hoffen, dass der nahende Frühling die Zahl der Corona-Infizierten sinken lässt. Aber worauf beruht die Hoffnung? Und ist sie begründet? Ja, sagt der Virologe Alexander Kekulé, der am Uniklinikum in Halle arbeitet. Skeptischer sind dagegen der Leipziger Mediziner Uwe Liebert sowie Thomas Pietschmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Hannover. Modellrechnungen aus den USA und Schweden und Studien in China kommen zu verschiedenen Aussagen.

Eine junge Frau mit Schirm in einem Sommerregen
Bringen Frühling und Sommer uns eine Entspannung der Corona-Lage? Bildrechte: Colourbox.de

Update 16. März

Warme Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit reduzieren Corona-Übertragung offenbar doch

Eine neue statistische Untersuchung aus China kommt zu dem Ergebnis, dass wärmere Temperaturen und eine höhere Luftfeuchtigkeit offenbar doch die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus signifikant einschränken. Die Forscher haben für ihre Untersuchung insgesamt 100 chinesische Städte mit jeweils mehr als 40 bestätigten Coronafällen betrachtet. Sie haben die jeweilige Übertragungsrate für diese Stadt errechnet und dabei auch Bevölkerungsdichte und wirtschaftliche Aktivität berücksichtigt. Dabei zeigte sich: Ein Temperaturanstieg von einem Grad Celsius und eine Zunahme der Luftfeuchtigkeit um ein Prozent reduzierte die Ansteckungsrate für die jeweilige Stadt deutlich. Dieses Ergebnis decke sich mit den Beobachtungen über Grippeviren. Die Forscher glauben deshalb, dass mit Beginn des Sommers und der Regenzeiten auf der Nordhalbkugel mit einer deutlich verminderten Ausbreitung von Covid-19 zu rechnen ist.

Update 12. März

- Neue Modellrechnungen von US-Forschern legen nahe, dass die saisonale Effekte gering bleiben und wir im Herbst/Winter neue Ausbrüche von COVID-19 erleben werden. "Wir müssen wohl damit rechnen, dass wir trotz steigender Temperaturen direkt in eine Epidemiewelle hineinlaufen werden. Der saisonale Effekt war nicht so groß wie bei anderen Erkältungsviren", wertete Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin in dieser Woche die Ausagen der Studien.

Links zu den Studien

Forscher der Harvard T.H. Chan School of Public Health haben ihre Ergebnisse unter dem Titel "Projecting the transmission dynamics of SARS-CoV-2 through the post-pandemic period" auf dem Preprint Server MedRxiv veröffentlicht.

Eine Untersuchung von Forschern aus Schweden und der Schweiz war bereits Anfang Februar zu ähnlichen Egebnissen gekommen. Hier der Link zum pdf.

Das Phänomen ist von den Grippeviren bekannt: Steigen die Temperaturen, geht die Zahl der Infizierten herunter. Das hat verschiedene Gründe.

Grippeviren: wie Lebensmittel im Kühlschrank

Zum einen halten sich bei besserem Wetter die Menschen weniger in großen Gruppen in geschlossenen Räumen auf, sodass die Viren nicht so gut zirkulieren können. Dazu helfen die Wärme und die UV-Strahlen enorm gegen die Verbreitung von Grippeviren, wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité im Gespräch mit dem RBB erklärt.

Zum anderen sind viele Virenarten von einer Fettschicht umgeben, die nicht sehr hitzbeständig ist. "Viren haben bei niedrigen Temperaturen eine höhere Stabilität. Ähnlich wie Lebensmittel, die im Kühlschrank am längsten haltbar sind", sagte HZI-Infektionsforscher Pietschmann der "Deutschen Welle". Außerdem spiele auch die Luftfeuchtigkeit eine Rolle: "An kalten und meist trockenen Wintertagen schweben die kleinen Tröpfchen mitsamt den Viren länger in der Luft, als bei hoher Luftfeuchtigkeit".

Der Sommer als grösster Verbündeter

Werden diese Mechanismen auch beim neuartigen Corona-Virus wirken? Alexander Kekulé ist vorsichtig optimistisch. "Es könnte sein, dass uns der Sommer hilft", sagte der Hallenser Virologe dem "Deutschlandfunk Kultur".

Denn normalerweise schwächten sich viele Viren und die damit verbundenen Krankheiten in der warmen Jahreszeit ab. "Der Sommer ist unser größter Verbündeter, daher sollten wir die Corona-Viren so lange und so gut es geht aus dem Land halten", fordert Kekulé im Gespräch mit dem "Deutschlandfunk".

Corona-Fälle auch auf Südhalbkugel aufgetreten

Zurückhaltender ist da sein Kollege Pietschmann. "Streng genommen und ehrlicherweise" könne man noch nicht sagen, ob sich das Corona-Virus wie andere Virenarten verhält und mit wärmeren Temperaturen zurückgeht. Denn es gebe auch andere Viren wie etwa das Norovirus, das vor allem aus Eiweißen besteht und daher stabiler ist.

Passagiere mit Mundschutz auf dem Flughafen von Sydney
In Australien liegt die Zahl der gemeldeten Corona-Fälle derzeit bei 43 (Stand 5. März 2020). Bildrechte: imago images/AAP

Ähnlich äußerte sich auch der Leipziger Virologe Uwe Liebert im Gespräch mit "MDR Sachsen": "Wie sich der Frühling auf das Virus auswirkt, wissen wir einfach nicht. Das können wir nicht vorhersagen. Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es abnimmt."

Zudem gebe es auch Gegenbeispiele tropischer Virenerkrankungen wie etwa das Dengue-Fieber, denen die Hitze nichts ausmacht. Ihre Ausbreitung wird in dem Fall von den Stechmücken begünstigt, die warme und feuchte Gefilde bevorzugen.

Und schließlich sind auch schon Corona-Fälle (Stand 5. März 2020) auf der südlichen Halbkugel aufgetreten - laut Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit mehr als 40, bisher in Australien und Brasilien. Dort herrscht in großen Teilen gerade Sommer, der kühlere Winter steht also erst noch bevor.

cdi

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 16:05 Uhr