Radfahrer fahren am 25.09.2015 in Göttingen (Niedersachsen) über den eRadschnellweg. Die Strecke verbindet den Göttinger Bahnhof mit dem Nordcampus der Universität.
Der eRadschnellweg in Göttingen ist mit blauen Symbolen gekennzeichnet. Bildrechte: dpa

"Fahrrad-Autobahnen" Wie sinnvoll sind Radschnellwege?

Für den Weg zur Arbeit sollen Pendler vor allem in die Städte künftig vom Auto aufs Rad umsteigen. Deshalb fördert der Bund den Ausbau sogenannter Radschnellwege mit 25 Millionen Euro. Diese Fahrrad-Autobahnen sollen dafür sorgen, dass es rollt - ganz ohne Ampeln, Kreuzungen und vor allem ohne Autos und Fußgänger. Doch wie sinnvoll sind diese Strecken? Und wie realistisch ist es überhaupt, dass Pendler auch für längere Strecken das Fahrrad nutzen?

Radfahrer fahren am 25.09.2015 in Göttingen (Niedersachsen) über den eRadschnellweg. Die Strecke verbindet den Göttinger Bahnhof mit dem Nordcampus der Universität.
Der eRadschnellweg in Göttingen ist mit blauen Symbolen gekennzeichnet. Bildrechte: dpa

In Göttingen sind Radfahrer schon seit Spätsommer 2015 auf der Überholspur. Hier verbindet der vier Kilometer lange "eRadschnellweg" den Bahnhof der Stadt mit dem Nordcampus der Universität. Vier Meter ist der Weg breit, hat leuchtend blaue Randmarkierungen und große Piktogramme auf dem Asphalt. Und Deutschlands erster richtiger Radschnellweg ist ein echter Erfolg: Schon nach einem Jahr nutzten den Weg täglich bis zu 5.000 Radfahrer. Doch Göttingen ist eine bekannte Radlerstadt, schon vor der Schnellfahrstrecke waren hier viele Menschen mit dem Rad unterwegs.

Radschnellwege Als Radschnellwege werden direkt geführte, qualitativ hochwertige Verbindungen zwischen Wohn- und Gewerbegebieten bzw. den Stadtzentren bezeichnet. Radschnellwege ermöglichen eine gleich bleibende Fahrgeschwindigkeit mit relativ geringem Energiebedarf. Dies erreicht man durch Kreuzungsfreiheit (Unter- und Überführungen), Geradlinigkeit bzw. große Kurvenradien, durch gute Oberflächenbeschaffenheit und besondere Radwegbreiten zum Überholen und Nebeneinanderfahren. Deutsches Institut für Urbanistik (Difu)

Gute Erfahrungen aus den Niederlanden

Ob die Radschnellwege generell sinnvoll für deutsche Städte sind, hat unter anderem das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) untersucht. Ausgehend von den Erfahrungen aus den Niederlanden kommen die Experten zu dem Schluss, dass Schnellstrecken durchaus dafür sorgen können, dass die Bereitschaft steigt auch mittlere Strecken, die länger als fünf Kilometer sind, mit dem Fahrrad zu fahren. Außerdem sorgt das störungsfreie Fahren dafür, dass der Fahrradanteil im Verkehr generell steigt, heißt es in der Untersuchung weiter. Vor allem entlang staugefährdeter Pendlerstrecken und in Spitzenzeiten des Berufsverkehrs könne der Radschnellweg entlastend wirken. Allerdings müssten die Strecken in überregionale Mobilitätskonzepte eingebettet werden.

Die Radschnellwege in Ballungsgebieten gehören in den Niederlanden zur nationalen Mobilitätsstrategie. Ziel ist ein landesweites Netz an "Fahrrad-Autobahnen", das über einheitlich geregelte Standards verfügt: eine weitgehend autofreie Führung, circa drei Meter Breite, zweispurig befahrbar, befestigt, beleuchtet und einheitlich gestaltet,
einheitliche kontinuierliche Wegweisung.

Wird das eBike zum "Pendler-Fahrrad"

Die Bundesregierung hofft vor allem darauf, dass Pendler angesichts der Schnellverbindungen aufs Rad umsteigen könnten. Doch eine Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat kürzlich ergeben, dass der Weg zum Arbeitsplatz in Deutschland durchschnittlich 16,8 Kilometer lang ist. Das macht im Durchschnitt eine tägliche Radfahrstrecke von immerhin 33,6 Kilometer. Ohne Motor-Unterstützung braucht es da schon eine gewisse Grundfitness.

Deshalb sieht das Difu für die Fahrrad-Autobahnen in Deutschland vor allem in den elektronisch betriebenen Fahrrädern eine Chance: Der Trend zu Elektrofahrrädern erhöhe sogar den Bedarf an schnellen, sicheren Verbindungen. Mit technischer Unterstützung werde das Fahren bei Steigung, Gegenwind und eben auch längeren Pendlerdistanzen und mit höherer Geschwindigkeit erleichtert.

Eine Studie aus Norwegen stützt diese These. In der Untersuchung stellten die Wissenschaftler fest, dass Menschen mit einem eBike deutlich häufiger und sehr viel weitere Strecken zurücklegen als sie es zuvor mit einem normalen Fahrrad gemacht haben. Nahmen die Probanden das Fahrrad für 0,9 Fahrten am Tag, waren es mit dem eBike durchschnittlich 1,4 Touren. Und auch die Distanzen nahmen deutlich zu: Mit einer Steigerung von 4,8 Kilometer auf 10,3 Kilometer waren die Strecken mehr als doppelt so lang wie vorher. Der Anteil des Fahrrads an allen genutzten Transportmitteln stieg sogar von 28 Prozent auf 48 Prozent an.

Ein Highway in die Vorstadt

Wer im Ballungsgebiet nur von der Vorstadt ins Zentrum muss, könnte allerdings sehr wohl mit dem Fahrrad-Pendeln liebäugeln, wenn die Strecke stimmt. Das sieht man auch in Hamburg so, weshalb Forscher der Technischen Universität Hamburg (TUHH) für die Metropolregion Hamburg analysiert haben, wo Radschnellwege sinnvoll sein könnten. Studienautor Marcus Peter glaubt, dass Fahrrad-Autobahnen vor allem bei Entfernungen von fünf bis zehn Kilometern sinnvoll sind: "Im Bereich bis zu zehn Kilometer sehe ich ein großes Potenzial, das durchaus zu einer Entlastung des Straßenverkehrs insgesamt führen kann."

Unsere Untersuchungen zeigen, dass ausgehend vom Wohnort, die Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen, Schulen etc. mit dem Fahrrad durch Radschnellwege um bis zu 75 Prozent verbessert werden kann.

Marcus Peter, Technische Universität Hamburg

Peter sieht auch nicht nur für Pendler eine neue Option. Auch für alle anderen Strecken könnten die Radschnellwege genutzt werden. So hätten Menschen, die abends in die Stadt fahren, auf dem Rückweg oft das Problem, dass der öffentliche Nahverkehr nicht mehr fahre oder sie als Autofahrer komplett nüchtern bleiben müssten. Ein Radschnellweg würde auch sie viel flexibler machen.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Radschnellwege können den Verkehr durchaus entlasten. Eine Machbarkeitsstudie für den Ruhrpott-Radweg "RS1" zwischen Duisburg und Hamm zeigt, dass der mehr als 100 Kilometer lange Radschnellweg täglich etwa 52.000 Pkw-Fahrten mit mehr als 400.000 gefahrenen Kilometern einsparen würde. Ein Potential das auch die Bundesregierung sieht. Sie will den Ausbau der "Fahrrad-Autobahnen" mit 25 Millionen Euro bezuschussen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht die Investition als "politisch wichtiges Signal", übt aber gleichzeitig Kritik: Die Summe sei für ganz Deutschland viel zu gering. Ein Kilometer Schnellweg koste zwischen 0,5 und zwei Millionen Euro - mit 25 Millionen Euro könne man also lediglich zwölf bis 50 Kilometer bauen. Für einen Radweg zwischen Leipzig und Halle, Pirna und Meißen oder Magdeburg und Schönebeck würde es also reichen - aber eben nur für einen einzigen der geplanten Radschnellwege in Mitteldeutschland.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Radio und im Fernsehen: MDR SPUTNIK | 04.04.2017 | 18:48 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04.04.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 15:13 Uhr