Schlafender Mann und ein Baby.
Bildrechte: IMAGO

Energiesparmodus statt Erholung Warum Winterschlaf für Menschen keine gute Idee ist

Wäre das nicht verlockend: Einfach die Augen schließen, den Winter verschlafen und im Frühling ausgeruht in den Alltag zurückkehren? Leider ist der Winterschlaf schon für Tiere nicht entspannend.

von Clemens Haug

Schlafender Mann und ein Baby.
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Wer kennt das nicht: Draußen wird es immer kälter und dunkler, da würde man morgens am liebsten im Bett bleiben und einfach erst wieder aufstehen, wenn es Frühling wird. Winterschlaf halten, warum kann man das als Mensch eigentlich nicht? Tatsächlich ist die Fähigkeit zum Winterschlaf im Tierreich derart weit verbreitet, dass Forscher davon ausgehen, dass keine speziellen Gene dafür notwendig sind.

Viele Säugetiere, Vögel und teilweise sogar Reptilien können erstarren, um unter widrigen Bedingungen zu überleben, darunter auch Fettschwanzmakis, die als Affen enge Verwandte von uns sind. Deshalb vermuten Wissenschaftler, dass auch Menschen in diesen Zustand versetzt werden könnten. Sie sprechen dabei von "Hibernation". Die europäische Weltraumagentur ESA und die amerikanische NASA hoffen, auf diese Weise eines Tages Astronauten während der langen Reise zum Mars in einen tiefen Schlaf versetzen zu können.

Keine Erholung

Auf den ersten Blick scheint der Winterschlaf viele Vorteile zu bieten: Man blendet die unangenehme Jahreszeit einfach aus. Bei vielen Tieren haben die Wissenschaftler beobachtet, dass Chromosomenenden während der Starre nicht kürzer wurden. Das bedeutet, man altert sogar deutlich langsamer. Allerdings ist der Winterschlaf wohl gar nicht erholsam. Im Gegenteil.

Gerhard Heldmaier, Biologe an der Universität Marburg, hat mit Kollegen bei Untersuchungen festgestellt: Das EEG zeigt bei Tieren im Winterschlaf ganz andere Werte als beim gewöhnlichen Nachtschlaf. Wenn sie nach einer längeren Phase der Starre erwachen, müssen sie teilweise sogar mehr und länger tief schlafen, um sich zu regenerieren.

Winterschlaf bei 30 Grad

Junge Frau liegt schlafend im Bett
Einfach entspannt den Winter verschlafen - für Menschen weder möglich noch zu empfehlen. Bildrechte: IMAGO

Weil der Begriff Winterschlaf daher schnell in die Irre führen kann, nennen die Forscher das Phänomen lieber Torpor. Übersetzt bedeutet das Wort Erstarrung. Die wichtigste Funktion davon ist, dass der Stoffwechsel heruntergefahren wird. Im Grunde handelt es sich um einen Energiesparmodus, in dem Tiere lange Zeit überleben können, ohne neue Nahrung aufnehmen zu müssen. Das muss nicht zwangsläufig nur im Winter geschehen.

Auf Madagaskar beobachteten Wissenschaftler vor einigen Jahren, dass eine bestimmte Fettschwanzmaki-Art auch in einer mit bis zu 30 Grad sehr warmen Periode in Torpor fällt. In dieser Zeit ist es sehr trocken und für die Tiere daher schwer, ausreichend Wasser zu finden.

Am häufigsten lässt sich Torpor in Deutschland bei kleinen Säugetieren beobachten. "Die Notwendigkeit zur Energieeinsparung ist bei kleinen Arten besonders groß. Wegen ihrer relativ großen Körperoberfläche verlieren sie Wärme besonders rasch, haben einen hohen gewichtspezifischen Energiebedarf und können deshalb Nahrungsmangel nur kurze Zeit tolerieren", sagt Heldmaier.

Aufwachen kostet die meiste Kraft

Die wichtigste Ursache für einen Winterschlaf ist also Nahrungsmangel. Wie lange ein Torpor dauert ist dabei sehr unterschiedlich. Einige Spezies verharren viele Monate in Starre, andere nur wenige Stunden. In letzterem Fall sprechen die Forscher von einem Tagestorpor. Je länger der Zustand dauert, je tiefer ein Tier hineinfällt, desto anstrengender ist es, wieder aufzuwachen. Mitunter müssen Lebewesen ihre Körpertemperatur, die auf fünf Grad gefallen ist, binnen weniger Minuten wieder auf 36 Grad anheben.

Murmeltiere investieren 72 Prozent ihres Energieverbrauchs im Winterschlaf in die Aufwachvorgänge und die anschließenden Wachphasen, und lediglich 28 Prozent werden für die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen in den Phasen des tiefen Torpors verbraucht.

Gerhard Heldmaier, Biologe, Universität Marburg

Astronauten könnten alles Wichtige vergessen

Trotz dieser enormen Anstrengung wachen viele Spezies mehrfach aus ihrem Winterschlaf auf, noch bevor das eigentliche Ende der Mangelperiode gekommen ist. Der Grund dafür ist ein weiterer großer Nachteil des Torpors. Bei Zieseln und Hamstern konnten Forscher beobachten, dass die zentralen Nervensysteme nach längerer Zeit in Starre Schaden nehmen. Durch Aufwachsen werden diese Fehler offenbar korrigiert.

Das könnte für die Astronauten auf dem Weg zum Mars zum Problem werden, etwa, wenn sie nach langer Reise aufgeweckt werden, dann aber vergessen haben, wie sie ihre Arbeit vor Ort verrichten sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Schwerelosigkeit die Struktur des Gehirns verändert, wie eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Frankfurt/M. zeigt. Dabei werden vor allem diejenigen Hirnregionen verändert, die Einfluss auf die Koordinationsfähigkeit und Wahrnehmung haben.

Schlafmangel wirkt wie Alkoholrausch

In dieser Hinsicht könnte langer Winterschlaf zu ähnlichen Zuständen führen, wie ein Mangel an Schlaf. Forscher an der Universität von Californien in Los Angeles haben kürzlich festgestellt, dass die Gehirnzellen stark übermüdeter Versuchspersonen viel langsamer miteinander kommunizierten, als die von ausgeschlafenen Probanden. Auch Erinnerungen wurden nicht mehr richtig abgespeichert. Übermüdete zeigten daher ähnliche Beeinträchtigungen, wie stark alkoholisierte Menschen.

Dann doch lieber im Winter aus dem Bett quälen, als nach sechs Monaten mit einem gewaltigen Kater aufzuwachen.

Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | Radio | 12. November 2017 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2017, 15:00 Uhr