Nachgefragt: Tod durch Wasservergiftung - mehr als eine böse Schlagzeile?

Trinken, trinken, trinken: Das ist die Empfehlung der Mediziner in heißen Sommerwochen und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zu 1,5 bis zwei Litern am Tag. Wer Sport treibt oder mehr schwitzt als sonst, darf auch ruhig mehr trinken. Allerdings nicht zu viel in zu kurzer Zeit, denn man kann sich auch mit zu viel Wasser vergiften.

von Karsten Möbius

Eine Joggerin trinkt während einer Pause Wasser aus einer Flasche.
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Die Dosis macht das Gift, sagt der Volksmund. Das gilt auch für für ganz normales Wasser, sagt Prof. Matthias Girndt, Nierenspezialist am Uniklinikum in Halle. Man kann sich tatsächlich an Wasser vergiften, wenn man zu viel davon zu sich nimmt. Die Nieren können bis zu einem gewissen Grad zusätzliche Wasserzufuhr regulieren. Diesen Mechanismus kann man aber auch überfordern. Überfordern bedeutet, der Körper kann die Salzkonzentration im Blut nicht mehr auf Normalniveau halten. Die Nieren kommen mit dem Ausscheiden von Flüssigkeit nicht mehr hinterher und es entsteht ein gefährliches Konzentrationsgefälle zwischen Blut und Körperzellen.

Die Flüssigkeit ist bemüht - Stichwort Osmose - dieses Konzentrationsgefälle auszugleichen: Wenn die Salzkonzentration außerhalb der Zelle, also im Blut, stark absinkt, strömt das Wasser in die Zelle hinein und sie schwillt an. Das ist vor allem beim Gehirn ein Problem, weil das Gehirn keinen Platz hat sich auszudehnen. Schwindel, Kopfschmerzen sind die Folge, also ähnliche Symptome wie bei Flüssigkeitsmangel. Dazu kommen Krämpfe bis hin zu lebensbedrohlichen komatösen Zuständen.

Ab wann verweigert der Körper die Urinproduktion?

Das Fatale: Auch die Steuerung der Nieren funktioniert über Salze, vor allem Natrium. Wenn jetzt das Signal kommt, dass im Blut der Salzgehalt sinkt, wird die Urinproduktion verringert, um das wenige Salz im Körper zu behalten, erklärt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Um weitere Salzverluste zu vermeiden, wird vom Körper sozusagen eine Sperre dazugeschaltet, indem der Körper sagt: 'Ab jetzt produziere ich keinen Urin mehr' und dann fängt der Körper an zu überwässern.

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung
Medizinische Grafik einer Niere.
Nieren - lebenswichtige Organe Bildrechte: IMAGO

Bei wie viel Litern Wasser innerhalb welcher Zeitspanne dieser Prozess beginnt, ist schwer zu sagen. Genaue Zahlen gibt es laut Ernährungsexpertin Antje Gahl nicht: "Es hängt vom körperlichen Zustand ab, ob viel Flüssigkeit durch Sport oder Hitze ausgeschwitzt wird und so weiter. Man weiß aus Studien, dass ein gesunder Körper über mehrere Tage auch mit extrem viel Wasser gut zurechtkommt. Da hat man festgestellt, dass sich durch Trinkmengen bis zu zehn Liter pro Tag nichts verändert. Das ist eine schon recht große Menge, finde ich."

Schlagzeile: "Tod durch Wasservergiftung" - was steckt dahinter?

Zehn Liter. Ein Todesfall durch Wasservergiftung geistert immer mal wieder durch die Medien. In den USA ist eine Frau, die an einem Wettbewerb teilnahm, gestorben. Dabei ging es darum, so schnell wie möglich so viel Wasser wie möglich zu trinken. 6,5 Liter während einer Sendung, ohne auf die Toilette zu gehen, bedeuteten ihren Tod. Absolute Mengen sind offenbar gar nicht das Problem - entscheidend ist, wie viel Zeit ich meinem Körper gebe, diese Mengen zu bewältigen, sagt Nierenspezialist Prof. Girndt: "Wenn Sie in ganz kurzer Zeit große Mengen trinken, dann ist das schwieriger für den Körper zu handhaben, als wenn sich das über die Zeit verteilt."

Wer sich tatsächlich vor zu viel Wasserzufuhr schützen muss

Wasservergiftungen spielen im medizinischen Alltag allerdings so gut wie keine Rolle. Herz-, Nieren- oder Leberkranke müssen mit Trinkmengen sehr sorgsam umgehen. Diabetiker, deren Blutzuckerspiegel außer Kontrolle geraten ist, haben stets und ständig unbändigen Durst. Psychisch Kranke, die einen zwanghaften Drang verspüren, immer trinken zu müssen: Sie alle laufen Gefahr, zu viel Flüssigkeit aufzunehmen. Gesunde Menschen können das Phänomen der Wasservergiftung getrost vergessen.

grauhaariger Senior lächelnd mit einer Flasche Wasser
Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 14. August 2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2018, 12:35 Uhr