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ZuwanderungMigration als Chance für Wachstum und Wohlstand

von Peter Kaiser

Stand: 14. Juni 2021, 19:00 Uhr

Zuwanderung aus dem Ausland sehen viele Deutsche sorgenvoll. Dabei bringen Migranten oft frischen Wind mit, der sich wirtschaftlich auszahlt. Mehr Diversität macht laut einer neuen Studie innovativer und produktiver.

Martin Hyun sagt: "Wenn man wirklich alles gibt, um in dieser Gesellschaft anzukommen, ohne sich von seinen Wurzeln zu verabschieden, und wirklich alles dafür tut, sich zu integrieren, dann sollte man auch einem die Türe öffnen und sagen, ok, du hast deine Chance verdient."

Dr. Martin Huyn Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Hyun war in den Jahren 1996 und 1997 der erste koreanischstämmige Eishockeyspieler in der deutschen Eishockeyliga. Sein Vater immigrierte 1970 aus Südkorea in den Ruhrpott, um dort als Gastarbeiter unter Tage zu arbeiten, Hyuns Mutter kam 1971 als Krankenschwester aus Korea hierher. Nach seiner Sportkarriere studierte der Sohn Politologie und promovierte. Doch leicht war der berufliche Werdegang nicht für ihn. "Als ich in Amerika studiert habe und später in Brüssel, habe ich gedacht, mir würden die Türen offenstehen", sagt er. "Bis ich dann zurück nach Deutschland kam und versuchte, mich bei Unternehmen und Verbänden zu bewerben, die auf meine Qualifikation auch passen. Da kamen oft nicht mal Einladungen und viele Absagen."

Erfolgreiche Unternehmensgründungen, Wachstum für die Gesellschaft und Menschenrechte

Dr. Martin Hyun hat seinen Weg gefunden. So wie viele Migranten und Kinder mit Migrationshintergrund, die hier leben. Dass Migration eine Win/Win-Situation sein kann, zeigen viele Beispiele von Startup-Gründungen wie Delivery Hero, Gorillas, Get-your-Guide oder auch Biontech, deren Gründer Kinder türkischer Gastarbeiter sind.

Von der Unternehmensgründung profitieren nicht nur die Gründer selbst, auch die Gesellschaft erfährt durch sie Wachstum. Das ist der Tenor einer Studie der US-Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group, kurz BCG. Ökonom Johann Harnoss von BCG erklärt: "Das Thema hat zwei Dimensionen. Einerseits sehen wir nicht nur Innovationseffekte, sondern auch weitergehende Effekte wie Wirtschaftswachstum. Andererseits, besonders spannend, können Sie auch sehen, dass Migration dazu führt, dass sich universelle Menschenrechte weltweit verbreiten."

Migration bringt Gewinne in Billionenhöhe

Johann Harnoss nennt die Emanzipation von Frauen in Saudi-Arabien als Beispiel: "Dort kann man sehen, dass die ursprüngliche Diskussion losgetreten wurde von jungen saudi-arabischen Frauen, die ins Ausland gegangen sind, die in Kanada studiert haben, zurückgekommen sind, und dann unter Einsatz von persönlichen Risiken diese Diskussion losgetreten haben."

Özlem Türeci, medizinische Geschäftsführerin von Biontech und ihr Mann Uğur Şahin (r), Vorstandsvorsitzender Bildrechte: imago images/Political-Moments

Das Thema Zuwanderung als Wachstumschance wird derzeit intensiv in der akademischen Fachwelt diskutiert, sagt Johann Harnoss. Denn hier befinde sich ein hohes ökonomisches Potential für mehr Wohlstand und Frieden in der Welt. "Man sieht, dass die Wohlstandseffekte beträchtlich wären. Das sind Billionen von US-Dollar. Sehen Sie das als Prozent vom weltweiten BIP, würde das bedeuten, dass Sie Zugewinne von 20 Prozent, und in Extremfällen sogar 100 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts hätten."

Für Deutschland sagen die Forscher im BCG, läge der Einkommenszuwachs durch Migration bei etwa 660 Euro pro Jahr und Kopf. Andere Länder wie etwa Australien erzielen einen noch höheren Wohlstandszuwachs. Hier steht die Summe von 4.800 Euro pro Jahr und Kopf im Raum. Doch wodurch entsteht diese Summe? "Hier in Berlin gibt es eine blühende Startup-Szene. Das sind Firmen, die zum einen immer wieder gegründet wurden von Menschen mit Migrationshintergrund", sagt Harnoss. "Und zweitens, wenn Sie sich dort umschauen, und sehen, wer durch die Flure geht und dort arbeitet, das sind wirklich Menschen aus aller Herren Länder. 70, 80, 90 unterschiedliche Nationalitäten arbeiten dort zusammen."

Diese diversen Teams sind effektiver und innovativer, als wenn nur einheimische Deutsche zusammenarbeiten. All das, betont Johann Harnoss, betrifft nicht nur Menschen mit höheren Qualifikationen. Auch Migranten mit niedrigen Qualifikationen profizieren, und deren Kinder. Insgesamt ist eine Win/Win-Situation, wie es heißt.

Migranten sorgen für Entwicklung ihrer Heimatländer

"Migranten überweisen an Familienmitglieder oder Freunde in ihren Herkunftsländern Geld", sagt Harnoss. "Das ist jetzt schon in Summe höher als sämtliche Entwicklungshilfeausgaben, die wir sehen. Und was daran noch spannender ist: Diese Familien setzen die Gelder oft ein für Bildung. Und nicht selten auch für Bildung für Frauen. Das heißt, die Wirksamkeit dieser Gelder, die zurückgehen, ist möglicherweise um ein Vielfaches höher als die Entwicklungshilfe, die topdown von oben herab über die Regierung verteilt wird."

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