Frau mit juckender Haut
Frau mit juckender Haut: Für Neurodermitis-Patienten gibt es neue Hoffnung auf Heilung. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Ohne Nebenwirkungen Neue Tablette soll Neurodermitis-Patienten helfen

Sich in der eigenen Haut wohlfühlen – das ist für Menschen mit schwerer Neurodermitis kaum möglich. Ihr tägliches Los ist trockene, juckende Haut. Wenn die betroffenen Stellen dann auch noch an Händen und Beinen oder womöglich im Gesicht sind, kommt auch noch gesellschaftliche Stigmatisierung hinzu. Forscher wollen nun ein wirkungsvolles Medikament gegen Neurodermitis gefunden haben, ganz ohne Nebenwirkungen.

von MDR-Wissenschaftsredakteurin Annegret Faber

Frau mit juckender Haut
Frau mit juckender Haut: Für Neurodermitis-Patienten gibt es neue Hoffnung auf Heilung. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Rote, juckende Haut. Die hat kein Mensch freiwillig. Und wer sie hat, will sie schnell wieder loswerden. Aber genau das ist das Problem. Neurodermitis zu heilen, ist extrem schwer. Studien sagen: Die Gene spielen eine entscheidende Rolle - und die Psyche. Ebenso wie bei der Schuppenflechte. Zu Beginn also erst einmal die Frage, was diese beiden Krankheiten unterscheidet?

Dazu Prof. Dr. Thomas Werfel von der Medizinischen Hochschule in Hannover: "Beide Erkrankungen sind zwar entzündlich und sehen rot aus. Die Schuppenflechte ist aber in der Regel an ganz anderen Stellen lokalisiert und ist relativ scharf begrenzt, macht eine sehr deutliche Rötung und führt zu einer schuppigen Haut, während die Neurodermitis so kleine Stippchen hat, die viel stärker jucken, als die bei der Schuppenflechte."

Juckreiz und psychische Belastung

Dr. Kristine Roßbach (TiHo), Professor Dr. Thomas Werfel (MHH), Professor Dr. Wolfgang Bäumer (ehemals TiHo, jetzt Freie Universität Berlin) und Gustav Gerd Bruer (TiHo)
Prof. Dr. Thomas Werfel (2.v.l.) und sein Team arbeiten an einer Tablette gegen Neurodermitis. Bildrechte: Medizinische Hochschule Hannover/Kaiser

Laut Werfel ist der Juckreiz das Schlimmste für Neurodermitis-Geplagte, neben der starken psychischen Belastung. Die Forschergruppe des Professors ist schon lange auf der Suche nach einer Lösung. Nun scheinen die Wissenschaftler fündig geworden zu sein. Der Wirkstoff nennt sich Histamin-4-Rezeptor-Blocker. Klingt nach einer handfesten Sache. Aber was steckt dahinter und was ist eigentlich Histamin?

Dazu Dermatologe Werfel: "Das Molekül Histamin ist allgemein bekannt im Bereich der allergischen Erkrankungen, das ist ein Botenstoff. Und dieses Histamin ist ein Molekül, das sich an vier verschiedene Zielstrukturen binden kann. Und das sind die Histamin-Rezeptoren 1 bis 4."

Die Rolle von Histamin

Histamin ist also ein Stoff, der bei allergischen und entzündlichen Reaktionen im menschlichen Körper eine große Rolle spielt. Um seine Wirkung zu entfalten, sprich Juckreiz und rote Flecken auf der Haut, muss er aber an einen Rezeptor andocken.

Sie können sich das so vorstellen wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip. Demnach wäre das Histamin der Schlüssel und der Rezeptor das Schloss.

Prof. Thomas Werfel
Mastzelle setzt Histamin während einer alergischen Reaktion frei
Eine Mastzelle setzt Histamin während einer allergischen Reaktion frei. Bildrechte: imago/Science Photo Library

An insgesamt vier Rezeptoren kann das Histamin andocken. Der vierte wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt und er scheint tatsächlich der Übeltäter zu sein und der Schlüssel für "Kratz-Attacken". Deswegen heißt der Wirkstoff Histamin-4-Rezeptor-Blogger. Er verhindert, dass der Schlüssel ins vierte Schloss passt - mit dem Ergebnis, dass Entzündungen und Juckreiz abklingen. In einer klinischen Studie mit 98 Patienten konnten die Forscher das bereits nachweisen. "Diese Studie war erfreulich und überraschend positiv ausgegangen. Und jetzt kommt die größere Phase 2B Studie", sagt Werfel.

Medikamententest im Großversuch

Als nächstes wird das Medikament an 400 Probanden getestet. Dabei wird abermals geschaut, wie es wirkt und ob sich - entgegen der erste Studie - vielleicht doch Nebenwirkungen zeigen. "Da kann immer wieder etwas passieren", so Werfel. "Zum einen könnte es sein, dass die Wirksamkeit in der kleinen Gruppe anders ist als in einer größeren Gruppe. Nebenwirkungen haben wir gar keine gesehen in der kleinen Studie. Auch das kann in einer größeren anders sein."

Hoffnung auf Histamin-4-Rezeptor-Blocker

Zehn bis zwölf Prozent der Unter-Sechsjährigen leiden unter Neurodermitis. Das zeigen Vorschuluntersuchungen. Mit dem Alter wird es dann weniger und schrumpft bei Erwachsenen auf ein bis zwei Prozent. Unangenehmer Juckreiz und rote Hautstellen gehören aber weiter zum täglichen Leben dieser Menschen dazu. Der Histamin-4-Rezeptor-Blocker könnte für sie Linderung bringen.

Dermatologie-Professor Werfel bleibt dennoch vorsichtig. Auch wenn die Studien bisher sehr gut verlaufen sind, will er keine falsche Hoffnung schüren. Bestätigt sich aber die Wirkung, rechnet Werfel in drei bis vier Jahren mit einem marktfähigen Medikament. Und zwar in Form einer Tablette.

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2019, 17:40 Uhr

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