Eine Frau auf einem Laufband
Bildrechte: Colourbox.de

Trainieren und Musizieren "Jymmin" - Leipziger Wissenschaftler erfinden Fitness neu

Sport treiben und damit Musik machen – mit den neuen Fitnessgeräten des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig geht das. Die Wissenschaftler haben sie so nachgerüstet, dass sie wie Musikinstrumente funktionieren. Und sie stellten fest: Trainieren und gleichzeitig musizieren - das macht nicht nur fit, sondern auch glücklich.

Eine Frau auf einem Laufband
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Wird dieses Trainingskonzept der nächste Fitnesstrend? Der Name klingt ein wenig danach: "Jymmin". Das Wort setzt sich zusammen aus "jamming" (freie musikalische Improvisation) und "gym" (Training). Die speziellen Fitnessgeräte sollen den Forschern dabei helfen, wie sich Musik unter unterschiedlichen Bedingungen auf unsere Stimmung auswirkt. Testpersonen füllten zunächst einen Fragebogen darüber aus, wie sie sich gerade fühlten. Dann konnten sie zwischen verschiedenen Fitnessgeräten wie Bauchmuskeltrainer, Turm oder Stepper wählen, um darauf zehn Minuten lang zu trainieren. Eine Gruppe hörte dabei Musik, die zweite Gruppe "musizierte" selbst an den "Jymmin"-Geräten. Die sind an einen Rechner gekoppelt, der über eine spezielle im MPI Leipzig entwickelte Software aus den Bewegungen Musik macht. Danach schrieben alle Testpersonen auf, wie sie sich fühlten.

Musik selbst zu machen macht glücklicher, als Musik nur zu hören

Das Ergebnis war eindeutig: Die Stimmung bei denen, die mit ihren Bewegungen selbst Musik erzeugten, war wesentlich besser und hielt auch länger an. Da Hormone eine lang andauernde Wirkung auf die Stimmung haben, könnten sie für den Effekt verantwortlich sein.

Wir vermuten, dass Endorphine hier als Vermittler wirken.

Thomas Fritz, Professor für empirische Musikforschung
drei Männer trainieren an Fitnessgeräten
Jymmin - wenn Wissenschaftler das Training mit Musik verbinden. Bildrechte: Karolin Dörner/MDR

Miterfinder Thomas Fritz ist kein Sportwissenschaftler, sondern Professor für empirische Musikforschung. Er schaut weniger auf die Muskeln und mehr auf den Kopf. Denn der wird hier bewusst mit angesprochen. Genau deshalb sehen die Forscher in ihrer Entdeckung auch einen ganz praktischen Nutzen: Wenn man das Jymmin in der Musiktherapie einsetzt, könnte man sie viel einfacher und häufiger anwenden. Für Sucht- und Schmerzpatienten zum Beispiel kam diese Methode bislang kaum in Frage.

Sucht- und Schmerzpatienten stören sich eigentlich an allem und sind leicht reizbar. Unter diesen Umständen in der Musiktherapie ihren Geschmack zu treffen, ist schwierig. Aber beim Jymmin müssen sie sich körperlich anstrengen, um Musik zu erzeugen. Dabei gerät der Musikstil in den Hintergrund.

Prof. Thomas Fritz

Sie erleben ihre eigene Handlungsmacht, Klänge selbst erzeugen und verändern zu können. Sie erleben ihren eigenen Körper bewußter, intensiver. Und sie sind toleranter gegenüber Musikrichtungen, die sie sonst vielleicht ablehnen. Denn Musik, die man selbst macht, erlebt man anders als die, die man nur konsumiert. Psychologische Studien haben belegt, dass man die Dinge besonders wertschätzt, an denen man mitgewirkt hat. Und das trifft hier eben auch auf die "Komposition" zu.

Und das Jymmin sorgt für einen echten Kick: ehemalige Drogensüchtige haben die Methode getestet und ihr Bestnoten auf einer Glücksskala gegeben. Zum Glücksgefühl unter Drogen aber besteht ein wesentlicher Unterschied:

Nach dem Training sank der Suchtdruck im Gegensatz zu Drogen nachweislich. Und die Testpersonen haben ganz klar den Wunsch geäußert, regelmäßig an Jymmingeräten zu trainieren, weil sie denken, dass ihnen das helfen könnte, von ihrem Bedürfnis nach einem Drogenhigh runterzukommen.

Prof. Thomas Fritz

Und auch bei Menschen mit chronischen Schmerzen konnte Prof. Thomas Fritz in einer Studie eine Besserung nachweisen. Als nächstes will er die Wirkung seines Musik-Fitness-Programms bei Menschen mit Depressionen und bei Trauma-Patienten testen. Sein Selbstversuch läuft jetzt bereits seit sechs Jahren erfolgreich.

Ich habe den Eindruck, dass es einem erleichtert eine optimistische Perspektive aufs Leben zu haben.

Prof. Thomas Fritz

Und positive zwischenmenschliche Erlebnisse, die man beim Training hat, könnten das unterstützen, so Prof Fritz. Im Laufe des Jahres will er seinen Trainingsraum in der alten Leipziger Baumwollspinnerei für alle zugänglich machen. Dann kann jeder an den Jymmin-Geräten trainieren, ob mit Beschwerden oder ohne.


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 02.03.2017 | 06:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2019, 16:27 Uhr