Eine weiße Frau hört mit Kopfhörern Musik, in der Hand ein gesundes Getränk, im Vordergrund unscharfe grüne Blätter
Bildrechte: imago images / Westend61

Neurologie Musikliebhaber leben gesünder

Musik ist nicht nur gut fürs Gemüt, sondern auch für die Gesundheit. Ganz ohne Esoterik, wie ein Leipziger Forscher jetzt gezeigt hat. Denn auch unsere Selbstheilungskräfte mögen Musik. Und unser Gehirn hält sich jung.

Eine weiße Frau hört mit Kopfhörern Musik, in der Hand ein gesundes Getränk, im Vordergrund unscharfe grüne Blätter
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Musikstreamingdienste haben es natürlich längst erkannt: Musik lässt sich dort nicht nur nach Schublade und Interpret auswählen, sondern auch nach Stimmung. Tristesse wird da angeboten, oder Motivation, Erinnerung und Romantik. Das wundert kaum. Wer traurig ist und die Melancholie auch ein kleines bisschen auskosten möchte, kann diesen Zustand mit trauriger Musik ganz gut erhalten oder es zumindest genießen, dass da jemand musiziert, der einen versteht. Und Gefühle, Momente, vielleicht sogar Gerüche eines vergangenen Jahrzehnts sind irgendwo in der Musik aus dieser Zeit gespeichert – wie auch immer sie das macht.

Gut tut, was gute Stimmung macht

Mann mit Anzug und weißen Haaren steht im Gewandhaus Leipzig, im Hintergrund die Orgel, spielt Geige
Prof. Dr. Stefan Koelsch im Gewandhaus Leipzig Bildrechte: Gert Mothes

Musik tut unserem Gemüt gut, das ist bekannt. Wissenschaftlich bewiesen ist aber auch: Sie tut auch dem Körper gut.

Dabei ist aber ein Punkt ganz entscheidend, erklärt der Neurowissenschaftler Stefan Kölsch, der an der Universität Bergen und dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig arbeitet.

Wichtig ist nicht nur die Musik zu hören, die zur Stimmung passt, sondern auch Musik, die sich so anhört, wie die Stimmung, in die man kommen möchte.

Prof. Dr. Stefan Kölsch

Eine Stimmungssache eben und für viele weitgehend nachvollziehbar. Stimmung entsteht aber im Gehirn und das hält in Sachen Nervensystem und Hormonen die Zügel in der Hand und kann somit direkt die Aktivität von Organen beeinflussen, "also zum Beispiel den Herzschlag, die Verdauung und die Tätigkeit anderer Organe", so Stefan Kölsch.

Nur damit das klar ist: Beethovens Neunte oder eine beschwingende Elektro-Swing-Nummer sind keine Wunderheiler. Ein Wunderheiler ist nur der Körper selbst:

Die stärksten Heilkräfte hat unser Körper selbst. Medikamente, Ärzte und Musik können den Körper nicht heilen. Aber sie können den Körper darin unterstützen.

Prof. Dr. Stefan Kölsch
Eine weiße Frau hört mit Kopfhörern Musik, in der Hand ein gesundes Getränk, im Vordergrund unscharfe grüne Blätter 23 min
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MDR KLASSIK Mo 27.05.2019 09:10Uhr 22:42 min

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Dadurch, dass Musik positive Stimmung fördern kann, steht eine negative Stimmungslage den Heilkräften nicht mehr im Weg. Und nicht nur bei Menschen, so zumindest der Mythos um eine Studie aus den 1940er-Jahren, dass Milchkühe besser Milch geben, wenn sie Mozart hören würden. Wie sich später herausstellte, waren es nicht die Kühe, die durch Mozart in eine bessere Stimmung kamen, sondern die Melker, die der Klänge sei Dank besser gemolken haben.

Mozart-Effekt nicht nur mit Mozart

Trotzdem: Der Mozart-Effekt ist Mumpitz. Denn Stefan Kölsch zufolge kommt es nicht darauf an, welche Musik man hört, sondern welche Musik man gern hört. Das ist bei den einen Heavy Metal, das für andere eher stressig wirkt – wobei davon auszugehen ist, dass auch bei Mozarts kleiner Nachtmusik sich nicht alle Menschen gleichermaßen positiv beflügelt fühlen. Es hat sich auch gezeigt, dass Musik gut zur Ablenkung geeignet ist. Wer auf ein Gewohnheits-Dessert nach dem Essen oder ein anderes Verlangen gern verzichten möchte, kann sich durch Musik ablenken, die Gedanken also umlenken. Das funktioniert ganz besonders gut, wenn man sich an der Musik beteiligt: Stichwort Mitsingen und Mitklopfen.

Musik als Jungbrunnen

Und es geht weiter: Nicht nur die Selbstheilungskräfte haben durch Musik freie Bahn, sondern auch unser eingebauter Jungbrunnen. Beim Musikhören wird besonders viel Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, mit dem sich das Gehirn jung hält. In einer Studie waren Gehirne von Musikern, deren Alter mit einem MRT gemessen wurde, deutlich jünger als ihr tatsächliches Alter.

Hilfe für Demenz-Kranke

Auch bei an Demenz erkrankten Menschen ist Erstaunliches festgestellt worden: Selbst in einem fortgeschrittenen Stadium können sich Menschen an Musik und Liedtexte, sowie - je nach Stadium - durch die Musik auch an Ereignisse in ihrem Leben erinnern.

Musik kann dabei auch helfen, den Stress für Alzheimer-Patienten zu reduzieren. Sofern der Patient auf ein Musikstück positiv reagiert, kann es für die Wiedererkennung durch den Patienten förderlich sein, wenn die Pflegerin oder der Pfleger bei jeder Begegnung diese Musik anstellt.

Nicht immer ist gut, was sich gut anfühlt

Trotz aller Euphorie um wohltuende Klänge ist auch Vorsicht geboten: In einem akuten Krankheitsfall ist zunächst immer sofort ein Arzt oder das Krankenhaus aufzusuchen und nicht der Musik-Streamingdienst. Außerdem kann traurige Musik bei Depression die Stimmung noch verstärken, auch wenn es sich für Patienten in einer depressiven Phase womöglich gut anfühlt, von der Musik verstanden zu werden.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 27. Mai 2019 | 09:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 13:24 Uhr