Uni Marburg
Inspiration für die Forscher: Das Landgrafenschloss der Uni Marburg - bei Tag und Nacht. Bildrechte: MDR/Henrik Isenberg

Verschwundene Sterne Je genauer wir hinschauen, desto weniger sehen wir

Es ist ein Phänomen, das nur in der Dunkelheit passiert. Aus dem Augenwinkel nehmen wir etwas wahr und wenn wir genau hinschauen, ist es weg. Warum das so ist, haben jetzt Forscher der Uni Marburg herausgefunden.

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Inspiration für die Forscher: Das Landgrafenschloss der Uni Marburg - bei Tag und Nacht. Bildrechte: MDR/Henrik Isenberg

Man kann dieses Phänomen mit Hilfe eines Sterns beschreiben, sagt Dr. Alejandro H. Gloriani, Psychologe an der Philipps-Universität Marburg: "Ein kleiner Stern am Nachthimmel kann verschwinden, sobald wir direkt auf den Stern blicken." Warum ist das so? Weil er dann auf die Sehgrube oder Fovea projiziert wird. Diese Fovea ist eine kleine Einsenkung in unserer Netzhaut und eigentlich der Punkt des schärfsten Sehens.

Aber es gibt dabei ein kleines Problem. Denn in diesem zentralen Bereich unseres Auges gibt es keine Stäbchensehzellen. Die aber brauchen wir, um auch schwaches Licht wahrzunehmen. Die dort konzentrierten Zapfen sind dagegen für schwaches Licht nicht empfindlich genug, so dass das visuelle System bei schwacher Beleuchtung keine Signale von dort erhält. Mit anderen Worten: Der Stern ist weg.

Grafik eines menschlichen Auges
Die kleine Delle auf der Innenseite rechts ist die Fovea, die sogenannte Sehgrube. Bildrechte: imago/StockTrek Images

Das Gehirn könnte natürlich Informationen von den Stäbchen in der Peripherie des Auges hinzuziehen. Macht es aber nicht, wie die Studie der Uni Marburg ergab. "Die Versuchsteilnehmerinnen bevorzugten Informationen aus dem zentralen Blickfeld, obwohl diese bei schwacher Beleuchtung nicht vertrauenswürdig waren", so beschrieben es Professor Dr. Alexander C. Schütz und Dr. Alejandro H. Gloriani bei der Auswertung ihrer Versuche.

Wie lief der Test ab?

Schütz und Gloriani ließen 40 Probandinnen ein Muster betrachten, das in der Mitte des Gesichtsfeldes, auf Höhe der Sehgrube, anders gestaltet war als drumherum. "Trotz der Unterbrechung des Musters nahmen die meisten Probandinnen es als durchgehend wahr, wenn die Beleuchtung schwach war", berichten die Psychologen und schlossen daraus: Die Lücke, die nachts im Gesichtsfeld besteht, wird mit Informationen aus der unmittelbaren Umgebung aufgefüllt.

Unser Gehirn ignoriert also die nachtblinde Fehlstelle, so die Forscher. "Die übergeordneten Verarbeitungsinstanzen vertrauen dieser abgeleiteten Information mehr als wahrheitsgetreuen Informationen aus der Peripherie des Gesichtsfeldes." Damit wissen wir also, was passiert. Unser Gehirn ignoriert die fehlenden Daten. Zwar haben die Forscher keine Antwort auf das warum, aber zumindest können wir uns behelfen, indem wir in Zukunft nachts öfter auf das achten, was im Augenwinkel passiert.

Die Veröffentlichung mit dem Titel "Humans trust central vision more than peripheral vision even in the dark" ist in Current Biology 2019 erschienen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. März 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2019, 05:00 Uhr