Biologie Nacktmulle schnacken Dialekt und mögen nur die Heimat

Nacktmulle sind für Menschen ausgesprochen interessant: Sie leben sehr lange, brauchen wenig Sauerstoff und … sie sprechen in Mundarten. Der Grund dafür ist auch gleich die Schattenseite.

 Kleines schrumpelige Nagetiere ohne Fell mit zwei frontalen Nagezähnen vor schwarzem Hintergrund. Oben rechts möglicherweise eine Art Lautsprecher.
Nacktmull, ein kommunikatives Bürschchen. Bildrechte: Felix Petermann, MDC

Wann haben Sie zuletzt in der Fremde geweilt und, der Zufall wollte es so, einen Menschen aus heimatlichen Gefilden getroffen? Sofern Sie nicht aus einem sehr hochdeutsch geprägten Ort kommen, hat der gesprochene Dialekt oder Akzent Ihnen möglicherweise ein behütetes Gefühl von Vertrauen und Zuhause vermittelt.

Das ist nicht ungewöhnlich und – wie sich jetzt herausgestellt hat – ein Phänomen, das älter als die Menschheit selbst ist, mitsamt der Schattenseiten, die eine regionale Abgrenzung mit sich bringt. Bei Nacktmullen ist das nämlich ganz genau so. "Menschen und Nacktmulle scheinen sich viel ähnlicher zu sein, als irgendjemand hätte ahnen können“, sagt Max Lewin vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC). "Nacktmulle verfügen über eine Sprachkultur, die sich entwickelt hat, lange bevor es den Menschen überhaupt gab."

Über 36.000-Nacktmullsätze analysiert

Lewin und sein Team haben in Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Universität Pretoria das vielleicht erstmal unscheinbare Begrüßungszwitschern unter Nacktmullen analysiert. Diese Tiere leben in Kolonien und jeder dieser Staaten spricht einen eigenen Nacktmulldialekt. Über 36.000 Sätze, pardon, Zwitscher hat das Team innerhalb von zwei Jahren aufgenommen und dabei das Sprachverhalten von 166 Tieren genau unter die Lupe genommen. Dabei ist es den Forschenden gelungen, die wesentlichen Merkmale ihres Dialekts computergestützt zu unterscheiden und sogar die Sprache einzelnen Tieren zuzuordnen.

Nacktmull, ein  kleines schrumpelige Nagetiere ohne Fell, in einem hohen Glas, unscharf im Hintergrund Computer oder Aufnahmetechnik.
Nacktmull bei der Sprachanalyse Bildrechte: Felix Petermann, MDC

Es war also möglich, jedes Tier individuell zu bestimmen und anhand von Gemeinsamkeiten festzustellen, aus welcher Kolonie es stammt. Und das hat einen Grund: Den Dialekt der Nacktmulle können nicht nur menschliche Computeralgorithmen heraushören, sondern auch die Tiere selbst. So haben Experimente gezeigt, dass Tiere auf Tiere aus der gleichen Kolonie gleich eine akustische Antwort parat haben, bei Fremden aber still sind. Das hat auch mit einer künstlichen Sprache funktioniert, die keinem einzelnen Individuum zuzuordnen war, aber sprachliche Merkmale einer Kolonie enthielt. Interessanterweise auch dann, wenn die Versuchstiere dem Duft einer fremden Kolonie ausgesetzt waren, aber den künstlichen Dialekt ihrer eigenen gehört haben.

Sprache unterstützt Fremdenfeindlichkeit

Jetzt wollten es die Forschenden ganz genau wissen: In einem Experiment haben sie verwaiste Nacktmullwelpen einer fremden Kolonie als Nachwuchs untergejubelt. Diese Adoptivkinder haben sechs Monate später klar den Dialekt der Kolonie angenommen. Es stellte sich außerdem heraus, dass die Nacktmull’sche Mundart eine Frage guter Führung ist: Sofern es gerade keine Königin im Staat gibt, sind Dialekte weniger stark ausgeprägt.

"Offenbar stärkt die Ausbildung einer speziellen Mundart das Zugehörigkeitsempfinden und den Zusammenhalt im Nacktmull-Staat", resümiert Alison Barker, Erstautorin der Studie. Auch mit den entsprechenden Schattenseiten: Fremde Nacktmulle sind in fremden Staaten alles andere als willkommen, die Tiere seien ausgesprochen fremdenfeindlich, so Max Lewin vom MDC. Er vermutet, dass dieses Verhalten auf die Nahrungsmittelknappheit in den trockenen ostafrikanischen Steppen zurückgeht, wo die Tiere beheimatet sind.

Google investiert in Nacktmulle

Trotzdem scheinen die zugegeben nicht sonderlich ansehnlichen Steppenbewohner den Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen zu sein und deshalb als Vorbild zu dienen. So sehr, dass der Suchmaschinenriese Google großen Gefallen an Nacktmullen gefunden hat. Der größte Laborbestand der Welt – es kursiert die Zahl neunzig Prozent – liegt in den Händen des zu Google gehörenden Biotechnologieunternehmen Calico. Dort wird geforscht, wie es sich gesund bis ins hohe Alter leben und das Leben damit verlängern lässt. Denn Nacktmulle haben mit zwei bis drei Jahrzehnten eine ausgesprochen hohe Lebenserwartung, die weit über die anderer Nagetiere hinausgeht. Zum Vergleich: Ein Goldhamster schafft es im Schnitt auf zwei bis drei Jahre, ein Meerschweinchen auf vier bis acht.

Großes und kleines Nacktmull: Kleine schrumpelige Nagetiere ohne Fell auf Sägespänen
Bei Nacktmullen ist es gerne dunkel und kuschelig. Bildrechte: IMAGO / Olaf Wagner

Außerdem sind Nacktmulle immun gegen Krebs und in der Lage, 18 Minuten ohne Sauerstoff auszukommen. Bei Menschen sterben nach drei Minuten Zellen ab, weil sie Sauerstoff und Traubenzucker in Kombination brauchen. Nacktmulle hingegen können ihr Gehirn von Sauerstoff auf Fruchtzucker umstellen. Für Schlaganfallforschung sind das interessante Erkenntnisse.

Blutige Machtkämpfe

Neben natürlichen Feinden sind die größte Gefahr der Nacktmulle im Übrigen sie selbst: So kann es schon mal zu einem Sturz der Königin kommen – die nach ihrer handgreiflichen Abwahl nicht mehr lebt. Einen solchen Vorfall gab es Anfang 2020 im Berliner Tierpark. Die Königin war sechs Jahre im Amt und hatte 450 Nachkommen zur Welt gebracht. Doch die jüngere Thronanwärterin hat den Machtkampf gewonnen. Alle fünf Jahre sei mit einer derartigen Auseinandersetzung zu rechnen. Was zeigt: Vieles am Nacktmull ist gut. Aber alles muss man sich dann doch nicht abgucken.

flo

Link zur Studie

Die Studie Cultural transmission of vocal dialect in the naked mole-rat erschien am 28. Januar 2021 im Fachjournal Science.

DOI: 10.1126/science.abc6588

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