Interview mit Svante Pääbo Wieviel Neandertaler steckt noch in uns?

Unser nächster Verwandter ist der Neandertaler. Viele von uns tragen noch immer rund zwei Prozent seines Genoms in sich. Doch was bedeutet diese Verwandtschaft für uns? Prof. Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist seit Jahren auf der Suche nach Antworten. Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius hat ihn getroffen.

Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Prof. Svante Pääbo mit den Erbinformationen des Neandertalers. Inzwischen ist das Genom unserer Vorfahren zu zwei Dritteln entschlüsselt, die fehlenden Sequenzenen wurden mit statistischen Verfahren ersetzt, also errechnet. Aber noch immer gibt es viele offene Fragen, auf die er nach Antworten sucht.

Der Neandertaler ist unser nächster Verwandter. Wenn wir wissen wollen, was uns moderne Menschen ausmacht, was unsere genetischen und biologischen Besonderheiten sind, dann müssen wir uns mit dem Neandertaler vergleichen.

Prof. Svante Pääbo, Mediziner und Biologe, MPI Leipzig

Obwohl die Wissenschaftler inzwischen so viel über das Neandertaler-Genom wissen, tappen wir noch immer ziemlich im Dunkeln, was das Verhalten und das Aussehen unserer Vorfahren betrifft. Denn es gibt keine Methode, mit der man von einem Genabschnitt direkt darauf schließen könnte. Es gibt aber Teile des Erbguts, die wir heute noch in uns tragen und die zumindest einige Vermutungen zulassen:

Wir haben Genvarianten entdeckt, die vom Neandertaler kommen und die bei uns zu Typ-2-Diabetes führen können. Ein Gen, das uns zum Verhängnis wird, weil wir ein Leben lang zu viel essen, hat unsere Vorfahren in Hungerphasen offenbar gerettet.

Prof. Svante Pääbo

Wie oft hatten wir Sex mit Neandertalern?

Die Forscher konnten inzwischen herausfinden, dass sich Neandertaler und moderner Mensch begegnet sind und auch gemeinsame Kinder hatten. Es ist aber unklar, wie viele Mitglieder von jeder Population gleichzeitig existiert haben. Daher ist auch schwer zu sagen, wieviele dieser "Mischbeziehungen" es gab und wie viele Nachkommen daraus hervorgingen.

Wir haben in Rumänien Überreste eines modernen Menschen gefunden, der vor etwa 40.000 Jahren gelebt hat. An ihm konnten wir zumindest nachweisen, dass er vier bis sechs Generationen zuvor Neandertaler-Verwandte in seinem Stammbaum hatte. Je mehr solcher Funde wir untersuchen können, desto mehr werden wir eines Tages darüber wissen.

Prof. Svante Pääbo

Haben wir unsere Vorfahren verdrängt?

Wir modernen Menschen und die Neandertaler sind uns nur für einen begrenzten Zeitraum begegnet. Kurz nachdem wir in Europa ankamen, sind unsere Verwandten ausgestorben. Bislang konnte nicht nachgewiesen werden, was ihnen zum Verhängnis geworden ist. Svante Pääbo hat aber eine Vermutung:

Ich bin sicher, dass es etwas mit uns zu tun hat. Wäre es nur der Neandertaler, der verschwunden ist, würde ich sagen, er war vielleicht anfällig für irgendeine Krankheit. Aber alle anderen Formen des Menschen, die es z.B. in Afrika gab, verschwanden ja auch. Heute sind die Orang Utans vom Aussterben bedroht. Da wissen wir, dass es an uns liegt.

Svante Pääbo

Was nützt uns das Wissen über unsere Verwandschaft?

Die Entschlüsselung der Neandertaler-DNA ist ein insgesamt extrem aufwändiger Prozess, der überhaupt erst durch eine eigens entwickelte Technologie möglich wurde. Wie alte Schriften zerfällt auch das Erbgut im Laufe der Zeit und wird darüber hinaus durch Pilze und Bakterien mit Fremd-DNA vermischt. Oder gar mit DNA von den Forschern, die mit den Fossilien arbeiten, was die Bestimmung noch weiter erschwert. Warum haben die Wissenschaftler diesen ganzen Aufwand betrieben?

In erster Linie sind wir getrieben von Neugier. Wir wollen über das Genom etwas über unsere Geschichte erfahren, was wir sonst nie erfahren würden. Und wie so oft in der Grundlagenforschung finden wir dabei zufällig etwas, das uns an ganz anderer Stelle hilft.

Prof. Svante Pääbo

Pääbos Kollege Michael Thomasello geht zum Beispiel davon aus, das unsere sozialen Fähigkeiten typisch sind für uns moderne Menschen, und dass wir einander beeinflussen, uns gegenseitig etwas mitteilen. Diese Eigenschaften unterscheiden uns von unseren Vorfahren. Bei Authisten sind sie ebenfalls beeinträchtigt.

Wenn wir herausfinden, an welcher Stelle hier eine Veränderung vom Neandertaler zum modernen Menschen stattgefunden hat, haben wir vielleicht eine Chance, etwas mehr über Autismus zu verstehen.

Prof. Svante Pääbo

Könnten wir den Neandertaler wieder auferstehen lassen?

Svante Päabo hat das Genom des Neandertalers gefunden und weitestgehend entschlüsselt. Was würde eigentlich geschehen, wenn man dieses Erbgut in eine menschliche Eizelle injizieren würde?

Das ist technisch unmöglich und wird unmöglich bleiben. Wir haben das Neandertaler-Genom zwar soweit entschlüsselt, aber nur zu zwei Dritteln detailliert, den Rest statistisch. Es ist auch ethisch unmöglich. Wir würden nie ein menschliches Individuum aus wissenschaftlicher Neugier erschaffen.

Prof. Svante Pääbo wurde 1955 in Stockholm geboren und studierte ab 1975 Ägyptologie, Wissenschaftsgeschichte und Medizin an der Universität in Uppsala. Während seiner Doktorandenzeit extrahierte er DNA aus Gewebeproben und wandte diese Technik 1984 erstmals auch erfolgreich an totem Gewebe von Mumien an. Seit 2000 ist er einer der fünf Direktoren des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthroplogie in Leipzig.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 19.09.2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 17:00 Uhr