Gene Schmerzempfinden: Waren die Neandertaler sensibler als wir?

Menschen mit einer speziellen von Neandertalern stammenden Genvariante sind sensibler für Schmerzreize. Ihre Schmerznerven lösen schneller aus. Ob die Vormenschen deswegen aber auch schmerzempfindlicher waren, ist unklar.

Ein Arzt impft einen Jungen, dieser schaut mit verzerrtem Gesicht darauf.
Sind vielleicht Neandertaler-Gene schuld? Sie senken die Schmerzschwelle. Bildrechte: imago images/Westend61

Schmerzempfinden ist komplex: Am Anfang steht ein Schmerzreiz, zum Beispiel wenn wir mit unserer Hand auf etwas Heißes gefasst haben. Der Reiz löst ein elektrisches Signal aus, das über eine Nervenbahn in Rückenmark und Gehirn übertragen und dort als Schmerz interpretiert wird. Wie empfindlich wir sind, hängt auch davon ab, ab welcher Schwelle der Reiz das Signal auslöst. Dafür ist ein Ionenkanal zuständig. Wie Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig jetzt zeigen, sind Menschen, die eine Neandertaler-Variante des Ionenkanals geerbt haben, sensibler für Schmerzreize.

Neandertaler-Gene machen uns schmerzempfindlicher

Das Team um Hugo Zeberg und Svante Pääbo hat Neandertalergene untersucht. Dann suchten die Forscher nach Menschen, die die Neandertaler-Variante dieser Gene haben und wollten wissen: Gibt es einen Unterschied zu Menschen, die die Genvariante nicht haben? Bei der Erbinformation für den Ionenkanal der Schmerznerven zeigte sich: Wer Neandertalergene hat, bei dem werden Schmerzsignale schneller ausgelöst. Betroffen davon sind vor allem Menschen aus Mittel- und Südamerika sowie aus Europa.

Wie viel Schmerzen Menschen empfinden, ist vor allem von ihrem Alter abhängig. Menschen, die die Neandertaler-Variante des Ionenkanals haben, empfinden mehr Schmerzen - in etwa so, als wären sie acht Jahre älter. Die Neandertaler-Variante des Ionenkanals weist drei Aminosäure-Unterschiede zu der üblichen, 'modernen' Variante auf. Während einzelne Aminosäuresubstitutionen die Funktion des Ionenkanals nicht beeinträchtigen, führt die vollständige Neandertaler-Variante mit drei Aminosäuresubstitutionen bei heute lebenden Menschen zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit.

Hugo Zeberg, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie

Waren Neandertaler sensibler als heute lebende Menschen?

Ob Neandertaler tatsächlich sensibler für Schmerzen waren, ist aber unklar, weil das Schmerzgefühl sowohl im Rückenmark als auch im Gehirn moduliert werde, sagt Svante Pääbo. Aber: "Die Schwelle zur Auslösung von Schmerzimpulsen war bei Neandertalern niedriger als bei den meisten heute lebenden Menschen."

(ens)

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP | 29. Januar 2020 | 02:10 Uhr

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