Man nehme: Pilz, Kaffeesatz und Geduld Das Öko-Knicklicht aus Dresden

Ein Kindergeburtstag ohne Knicklicht ist wie eine Oper ohne Orchester. Weil sich die Leuchtstäbe ökologisch gesehen nicht grade mit Ruhm bekleckern, tüfteln Dresdner Forscher am Öko-Knicklicht.

Kind spielt mit Knicklichtern.
Das Knicklicht von heute. Schick, praktisch, aber nicht öko. Bildrechte: imago/Schöning

Kindergeburtstage ohne Knicklichter - trauen sich nur wenige Eltern. Und wenn sie drauf verzichten, schleppen Omas oder Onkel die Dinger ins Haus. Dabei haben es die biegsamen Plastikstäbe, die so schön grell leuchten, in sich und zwar im doppelten Sinne des Wortes. Sven Grasselt Gille, erklärt warum:

Knicklichter bestehen aus einem ätzenden Flüssigkeitsgemisch, Glassplittern und einer Kunststoffhülse. Diese Kombination funktioniert in keinem Recyclingprozess und kann bei Hautkontakt zu Reizungen führen.

Sven Grasselt Gille TU Dresden

Grasselt-Gille ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik an der TU Dresden. Er sagt, dass der Giftnotruf in den den vergangenen Jahren zunehmend Unfälle von Kleinkindern mit Knicklichtern registriert. Die genauen gesundheitlichen Risiken könnten kaum eingeschätzt werden. Das Bundesinstitut für Riskoeinschätzung warnt jedenfalls schon seit Jahren: Knicklichter sind nichts für kleine Kinder.

Ursprünglich wurden sie beim Angeln benutzt, oder auch vom Militär und Rettungskräften. Seit einigen Jahren aber sind sie beliebte Einweg-Spielzeuge und Party- oder Konzert-Accessoire. Durch das Knicken der Stäbe wird ein chemischer Prozess angestoßen, der dafür sorgt, dass die Stäbe in verschiedenen Farben leuchten.

Fans mit Knicklichtern.
Bildrechte: imago/Science Photo Library
Fans mit Knicklichtern.
Bildrechte: imago/Science Photo Library
Bunte Knicklichter werden von vielen Mensch in die Luft gehalten.
Bildrechte: imago/The Photo Access
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Was leuchtet nachts an umgekippten Eichen?

Aus Dresden naht die Lösung - Forscher der Technischen Universität sind dabei, Knicklichter auf natürlicher Basis zu entwickeln. Die Zutaten für das "Foxfire", wie die Forscher es nennen, haben sie sich in der Natur abgeschaut, denn dort gibt es natürliche Leuchten. Das Glühwürmchen etwa, aber die Verwendung eines Käfers sei nicht vegan gewesen, wie der Wissenschaftler erklärt. Stattdessen nutzen die Entwickler die Eigenschaften eines leuchtenden Pilzes. Weltweit gibt es ca 70 Pilzarten, die unter bestimmten Bedingungen satt grün leuchten. In Deutschland ist es der Herbe Zwergknäueling Panellus Stipticus, den man nachts im Wald leicht findet, erklärt Grasselt-Gille:

Wenn man bei einer Nachtwanderung im Wald nach einer gefallenen Eiche Ausschau hält, hat man gute Chancen grün leuchtende Pilze zu sehen.

Sven Grasselt Gille

Herber Zwergknäueling

Herber Zwergknäueling
Bildrechte: imago/blickwinkel
Herber Zwergknäueling
Bildrechte: imago/blickwinkel
Grünes Licht
Bildrechte: Mohl/TU Dresden
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Man nehme: Pilz, Kaffeesatz, Geduld

Das Rezept für den ökologischen Leuchtstab: Man nehm ein Gewächshaus, einen Pilz, eine Mischung aus sterilisierten organischen Reststoffen aus der Forst- und Landwirtschaft oder der Lebensmittelindustrie - wie Holzmehl oder Kaffeesatz -, sowie eine gute Portion Geduld. Presst man das Gemisch in eine bestimmte Form, muss man nämlich warten. Je stärker sich der Pilz in der Form ausbreitet, umso stärker leuchtet auch das Knicklicht. Das ist der Punkt, an dem Kinderaugen dann eher verlöschen als aufleuchten: Der Okö-Leuchtstab leuchtet zwar lang - aber nicht sofort nach dem Knicken. Grasselt-Gille führt aus:

Nach etwa drei Wochen leuchtet das Foxfire leicht, nach ca. fünf Wochen hat der Pilz die Form stark durchwurzelt und leuchtet flächendeckend. Nach vier Monaten etwa sind die Nährstoffe aufgebraucht und das Licht erlischt. Das 'Foxfire' kann dann unkompliziert im Biomüll entsorgt werden.

Wer diese Knicklicht nutzen will, müsste also derzeit lange planen: Jetzt pressen - und in fünf Wochen beim Kindergeburtstag aus der Kiste holen. Aber auch das ist noch Partymusik von morgen. Denn bis wir tatsächlich mit dem ökologischem Knicklicht aufs Konzert gehen, oder Kinderpartys in Stimmung bringen, wird es noch eine Weile dauern. 2021 hoffen die Forscher, dass eine erste kleine Öko-Knicklicht-Serie reif für den Markt ist.

Neben einem Zelt hängen Lichte an Bäumen
Vielleicht eine Nutzungsmöglichkeit für den ökologisch bewussten Camper: Der natürliche Leuchtstab aus Pilz und Kaffeesatz. Bildrechte: Gille/TU Dresden

Pilze - die unbekannten Wesen