Wie lange wird uns der Mann aus dem Eis noch erhalten bleiben? Ötzis Tage sind gezählt

Vor 25 Jahren entdeckten Wanderer im Gletschereis der Ötztaler Alpen das, was Archäologen und Anthroplogen einen Jahrhundertfund nennen: eine 5.300 Jahre alte vollständig erhaltene Mumie. Sie ist ein sagenhafter Schatz für die Wissenschaft, stellt sie aber auch vor enorme Herausforderungen: Wie kann man den Leichnam aus der Bronzezeit überhaupt erhalten?

Das Archäologische Museum in Bozen ist seit 1998 Ötzis neues zu Hause. Er ist ein anspruchsvoller, sensibler Gast. In der Ausstellung ist seine Kammer aus Edelstahl auf exakt minus sechs Grad Celsius temperiert, eine sieben Zentimeter dicke Glasscheibe schützt ihn vor der Wärme, die die vielen Besucher abgeben. Er liegt permanent auf einer elektronischen Präzisionswaage, denn trotz optimaler und konstanter Bedingungen verliert Ötzi ca. zwei Gramm pro Tag. Sein Gewicht und sein Gesamtzustand stehen unter strengster Beobachtung durch seinen "Leibarzt", den Pathologen Dr. Eduard Egarter Vigl.

Dr. Eduard Egarter Vigl, 2011
Bildrechte: IMAGO

Wir wissen, dass jeder Organismus früher oder später in den biologischen Kreislauf übergeht. Das würde für die Mumie bedeuten, dass sie sich auflöst und das tut sie auch. Wir müssen das so lange wie möglich hinauszögern.

Ötzis "Leibarzt" Dr. Eduard Egarter Vigl

Wie lange uns der Ötzi genau erhalten bleiben wird, lässt sich also nicht mit Sicherheit sagen. Damit der Leichnam nicht von Bakterien besiedelt wird, muss die Keimzahl in Ötzis Stahlkammer so gering wie möglich gehalten werden. Die Forscher betreten den Raum nur in Schutzkleidung, wie auf einer Intensivstation. Außerdem hat Dr. Egarter Vigl eine Methode entwickelt, um Ötzi weitestgehend zu konservieren: Aller zwei Monate bekommt der Mann aus dem Eis eine "Refreshing-Kur". Dazu wird der gesamte Körper mit einem feinen Nebel eingesprüht, der dann auf der Haut gefriert. Es bildet sich also eine hauchdünne Eisschicht, die das Gewebe von seiner Umwelt abschirmt und vor Gefrierbrand schützt.

Mein Leben hat sich durch Ötzi schlagartig verändert. Wenn ich versuche, ihn so gut wie möglich zu konservieren, bin ich mir schon bewusst, dass alle Welt auf diesen Mann schaut. Das ist ein große Verantwortung.

Gerichtsmediziner Dr. Eduard Egarter Vigl zieht nach 18 Jahren Arbeit an der Mumie Bilanz


Das Ötzi-Logbuch

19. September 1991: Das Eis gibt eine Sensation frei

Erika Simon und ihr Mann Helmut entdecken beim Wandern in den Ötztaler Alpen im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien eine Leiche. Kopf und Schultern ragen aus dem Eis. Sie vermuten zunächst einen verunglückten Bergsteiger und melden die Fundstelle. Die Bergung dauert mehrere Tage und wird nicht von Archäologen durchgeführt. Bei der Verlegung in den Sarg wird Ötzi ein Arm gebrochen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass es sich hier um die weltweit einzige erhaltene gefriertrocknete Leiche aus der Kupfersteinzeit handelt.

Am 25. September 1991 schätzt der Archäologe Konrad Spindler von der Universität Innsbruck die Mumie auf mindestens 4.000 Jahre. Forscher in Oxford und Zürich ermitteln 1992 durch die Messung von radioaktiven Atomen in Ötzis Gewebe, dass er älter als 5.000 Jahre ist.

1993: Ötzi bekommt ein Gesicht

US-Forscher modellieren den Kopf des Mannes nach. Innsbrucker Forscher korrigieren Ötzis Alter auf 40. Zuvor hatte man ihn für jünger gehalten.

1998 endet der Streit um Ötzis "Staatsangehörigkeit"

1998 wird Ötzi aus dem österreichischen Innsbruck ins italienische Bozen verlegt. Dort wird er im archäologischen Museum ausgestellt. Damit endet das Tauziehen um die Eismumie. Die Fundstelle liegt am Grenzverlauf zwischen Österreich und Italien. Ein beweglicher Gletscher verschleiert lange Zeit, ob Ötzi auf der österreichischen oder italienischen Seite lag. Profi-Bergsteiger Reinhold Messner ist am Tag des Fundes zufällig in der Nähe:

Reinhold Messner
Bildrechte: movienet

Wenn ich nicht so schnell am Fundort gewesen wäre und die Stelle auf italienischem Gebiet verortet hätte, dann hätten die Österreicher Ötzi geklaut und für immer behalten.

Ab 2001 nehmen die Forscher Einblick in Ötzis Krankengeschichte. So finden sie eine Pfeilspitze unter Ötzis rechter Schulter. Er wurde hinterrücks ermordet, die Tatwaffe beseitigt. Sie konnte nie gefunden werden. Außerdem stellten Forscher fest, dass der Mann aus dem Eis an einer besonders agressiven Form des Helicobacter pylori litt, der zu Magengeschwüren und Krebs führen kann. Weitere Diagnosen im Laufe der Jahre: Karies, Parodontose, Bandscheibenprobleme.

2013: Ötzi hat lebende Verwandte

Per Genanalyse finden Forscher Verwandte väterlicherseits. Insgesamt 19 Männer aus Tirol gehören der gleichen genetischen Untergruppe an. Die mütterliche Linie hingegen ist ausgestorben.

2016: Ötzi gibt preis, wie er sich gekleidet und was er gegessen hat

Wissen

Rekonstruktion der als "Ötzi" bekannt gewordenen Gletschermumie aus der Kupferzeit.
Bildrechte: Augustin Ochsenreiter, Südtiroler Archäologiemuseum