Mbendjele BaYaka Junge
Bereits Sechsjährige haben bei den Mbendjele BaYaka einen hervorrragenden Orientierungssinn. Bildrechte: Karline Janmaat

Im Regenwald den Weg finden Wie die Bienen - Kongo-Volk nutzt Sonne als Kompass

Zielsicher durch den Regenwald navigieren - ohne Handy und Karte. Für das Kongo-Volk der Mbendjele BaYaka kein Problem. Eine Leipziger Studie weist bei ihnen erstmals nach, dass Menschen die Sonne als Kompass nutzen.

Mbendjele BaYaka Junge
Bereits Sechsjährige haben bei den Mbendjele BaYaka einen hervorrragenden Orientierungssinn. Bildrechte: Karline Janmaat

Ein Autofahrer, der mit seinem Wagen in einen Fluss fährt, weil auf seinem Navigationsgerät statt einer Fähre eine Brücke angezeigt wird. Eine Hamburgerin, die in Duisburg, statt auf der Insel Rügen ankommt, weil sie eine falsche Adresse in ihr Navi eingetippt hat. Reale Beispiele, die belegen, dass den Menschen in High-Tech-Gesellschaften wegen der Verwendung von Navigationssystemen allmählich der räumliche Orientierungssinn abhandenkommt.

Orientierung im dichtesten Regenwald

Regenwald im Dzanga-Nationalpark
Selbst im dichtesten Regenwald des Kongo-Flachlandes finden die Mbendjele BaYaka zielsicher ihren Weg. Bildrechte: imago/photothek

Die Mbendjele BaYaka, ein Volk von Jägern und Sammlern im Regenwald der Republik Kongo, sind von einem solchen kümmerlichen Zustand ihres Orientierungsvermögens weit entfernt. Im Gegenteil: Selbst im dichtesten Tieflandregenwald ohne Referenzpunkte wie etwa Berggipfeln finden die Mbendjele BaYaka zielsicher ihre Nahrung oder den Weg nach Hause. Und das selbst auf weiteste Distanzen - und natürlich ohne Karte, Kompass und Smartphone. Das haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig anhand einer groß angelegten Feldstudie nachgewiesen.

Erster Beleg für menschlichen Sonnenkompass

Den Forschern zufolge belegt die Studie auch erstmals wissenschaftlich, dass Menschen die Sonne als Kompass nutzen. "Wir wissen, dass Bienen die Sonne zum Navigieren nutzen. Überraschenderweise gab es aber bisher noch keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass auch Menschen diese Fähigkeit besitzen und Kinder sie bereits im Alter von sechs Jahren anwenden können", sagt Studiengruppenleiterin Karline Janmaat.

Frauen sind genauso zielsicher wie Männer

Mbendjele BaYaka Frau
Mbendjele BaYaka-Frauen sind genauso orientierungssicher wie ihre Männer. Bildrechte: Haneul Jang

Bei ihrer Studie ließen sich die Anthropologen des Max-Planck-Instituts von 54 Mbendjele BaYakas zwischen sechs und 76 Jahren an 60 Standorten des Kongo-Tieflandregenwaldes die Richtung zu einem nicht sichtbaren Ziel zeigen. Bei den mehr als 600 Tests zeigte sich auch, dass die Zielgenauigkeit bei Frauen genauso gut war wie die von Männern. Laut der Erstautorin der Studie, Haneul Jang, stimmen diese Ergebnisse mit früheren Studien überein. Auch dort war nachgewiesen worden, dass "in Jäger-Sammler-Gesellschaften, in denen sich beide Geschlechter im Rahmen ihrer Tagesaufgaben aktiv vom Wohnort wegbewegen, keine geschlechtsspezifischen Unterschiede" bestehen.

Simple Klischees greifen nicht

Das beweist einmal mehr, dass das simple Klischee vom Navigationstalent Mann und seiner planlosen Frau nicht stimmt. Laut Erstautorin Jang deuten vielmehr Studien zu Menschen aus anderen Kulturen eher darauf hin, "dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Orientierungsfähigkeit tatsächlich auf geschlechtsspezifische Mobilität zurückgeführt werden können."

Und in der Tat hat erst 2018 eine Studie mit einer halben Million Teilnehmern aus 57 Ländern signifikante Geschlechterunterschiede bei der räumlichen Orientierung vor allem in Ländern nachgewiesen, in denen Frauen gesellschaftlich stark benachteiligt sind. So schnitten etwa Frauen in Saudi-Arabien beim Navigationsvermögen deutlich schlechter ab als Männer. In Skandinavien hingegen gab es diese Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Probanden kaum.

Bereits Sechsjährige wissen den Weg

Die Max-Planck-Studie ergab im Übrigen auch, dass die Kinder der Mbendjele BaYaka bereits mit sechs Jahren genauso zielsicher den Weg weisen können wie Erwachsene. Vorausgesetzt, sie befinden sich in der Nähe ihres Camps. Darüber hinaus nimmt die Zeigenauigkeit der Kinder in entfernteren und ihnen weniger bekannten Gebieten deutlich zu, wenn die Sonne am Himmel sichtbar ist. Erwachsene hingegen können sogar an bewölkten Tagen präzise den Weg weisen.

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2019, 01:15 Uhr